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ESSAY: «Keep on rocking» für eine bessere Welt

Populäre Musik sorgt für Ablenkung, bewegt Tanzbeine, kann Sinn stiften. Pop macht Politik, vor allem in schwierigen Zeiten wie diesen. Auch am gestern beendeten Montreux Jazz Festival.
Matthias Haehl
Die englische Transgender-Musikerin Anohni singt in Montreux mit verhülltem Gesicht gegen Gewalt und Krieg an. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Die englische Transgender-Musikerin Anohni singt in Montreux mit verhülltem Gesicht gegen Gewalt und Krieg an. (Bild: Keystone/Laurent Gillieron)

Matthias Haehl

Kunst soll die Welt und das Menschsein spiegeln. Deuten und hinterfragen. Ein Song ist die kleinste Form dafür – mit grosser Effizienz: Seine Kraft liegt darin, Menschen im Innersten zu rühren, deren Liebe, Streben und Tod mittels einfachster Worte innert drei Minuten zu erklären. Das ist die künstlerische Herausforderung, die am 50-jährigen Festival in Montreux von rund 380 Bands immer wieder gezeigt wurde.

Vordergründig gabs das Bekannte: Die einen Fans wollen auf den melancholischen Sounds von Lana del Rey davonschweben, andere das singende Energiebündel Ty Taylor von Vintage Trouble beim Stagediving auf Händen tragen. Harte Jungs zu Slayer headbangen, Jazz-Liebhaber Manu Katchés intelligent sparsames Drumming oder Marcus Millers sexy Bassläufe bestaunen – wieder andere die Brazil Nacht mit Cachaza durchfeiern.

Verirrte Welt im Krieg

Montreux steht für grosse Gefühle und hohe Erwartungen! Auch bei politisch Interessierten, die Rock mit Rebellion und Jazz oder Hip-Hop mit Aufruf gegen Rassismus gleichsetzen. Es ist Zeit dafür, denn sie ist düster: Kriegsangst, Flüchtlingstragödie und Terror in vielen Formen, Amokläufer, verseuchte Meere, giftige Nahrung, fiese synthetische Drogen, Roboterisierung der Arbeitsplätze, neue Mauern. Die Welt brennt – wie soll man da Positives denken?

Vergessen, Sorgen wegtanzen? Eine Möglichkeit, zumal viele kreative DJs wie Kiasmos, Mura Masa oder Flume gastierten. Oder sprachlos bleiben wie Woodkid, der mit 65-köpfigem Orchester und Chor in Engelskostümen auftrat? Der Franzose stammelte: «Wir haben schlecht geschlafen / unsere Gedanken sind in Nizza / schön, seid ihr gekommen / wir hören nicht auf uns zu amüsieren.» Wohlan – doch Montreux bietet mehr. Wie sagte doch Al Jarreau so treffend: Er möchte keinen Tag mit George Clooney oder Brad Pitt tauschen. Diese Schauspieler seien zwar beliebt und gut – «aber sie erleben nie, was ich auf einer Bühne mit meinem Gesang spüren darf: reagierende Menschen, denen ich etwas vermitteln kann».

Etwas vermitteln, das taten viele in Montreux, auf vielfältige Weise. Etwa Anohni, einst Antony and the Johnsons: Sie sang entrückt mit verhülltem Gesicht gegen Gewalt an. «Ich bezahle für die tödlichen US-Drohnen Steuern, also darf ich eine Meinung dazu haben.» Anohni gibt einen Abgesang auf eine verirrte Welt im Krieg, festgehalten auf dem Album «Hopelessness» voller trauriger Hymnen. Verstörend war die Show, in der weinende Gesichter auf der grossen Leinwand den drei Musikern die Show stahlen, aber voller Kraft. Anohnis Motto: Sich nicht ergeben. Nein, kämpfen!

Einfache Botschaften

Auch die Schotten von Mogwai vereinten die beiden emotionalsten Künste Musik und Film. Ihr historischer Rückblick auf die bedrohliche Atomkraft, die Welt und Denken vergiftet, ging unter die Haut. Sie brachten Argumente, die in der Hektik des Alltags und der Push-up-News auf den Handys gern vergessen gehen: 2000 Bomben sind bislang geplatzt, es sind noch mehr als 15 000 eingelagert, sie werden uns in den nächsten zehn Jahren 1,7 Milliarden kosten. Und sehen beim Einzelnen die Schuld: «Weil ihr Politiker entscheiden lässt, während ihr zu Hause TV guckt.»

Einfache Botschaften wie diese kommen an, erhalten grossen Applaus. Denn die Musikfans zeigen sich solidarisch: Sie gehen lieber an Gigs, wo die Welt zusammenkommt – anstatt nur die Faust im Sack zu machen.

Ob Musiker sich politisch äussern, hängt davon ab, wie stark Leidensdruck, Wut und Schmerz sind. Bei PJ Harvey sind sie gross, sie vertonte ihre beklemmenden Reisen in Kriegsgebiete. Anders Carlos Santana: ein brillanter Gitarrist, aber kein origineller Storyteller. Auch bei seinem 12. Auftritt in 50 Jahren Montreux gab er eine gute Latin-Rock-Party, aber nur altbekannte Slogans wie «Friede ist das Wichtigste».

«Black and proud»

Zwei Länder, die stark in der Krise sind und Rassenunruhen gewärtigen müssen, sind in Montreux stets mit bedeutenden Künstlern vertreten: Frankreich und die USA. Letztes Jahr gastierte mit D’Angelo einer der sprachge­waltigsten R&B-Sänger, der aus den Ungerechtigkeiten gegenüber den Schwarzen den Songreigen «Black Mes­siah» herausfilterte.

Jetzt doppelte Beyoncé nach, die als schwarze Jeanne d’Arc gilt: Beim Auftritt des Superbowl-Finals Anfang Jahr zitierte sie die Black Panthers, die in den Siebzigerjahren zum bewaffneten Widerstand aufriefen. Sie weiss: Die Zeiten sind brandheiss! Mit ihrem Ehemann Jay-Z ist sie nicht nur Supporterin von Barack Obama, der Rap-Mogul lancierte letzte Woche auch den Protestsong «Spiritual». Nicht ganz so stark wie «Formation», Beyoncés stärkstes Bekenntnis à la «Black and proud», das sie diese Woche in Zürich schmetterte.

Nicht weniger politisch ist ein weisser Amerikaner, der den US-Alltag aus der Perspektive des kleinen Mannes porträtiert: Bruce Springsteen (live am 31. Juli im Zürcher Letzigrund). Doch «The Boss» klagt nicht an, er beklagt Schicksale von Gestrauchelten. Springsteen zeigt die Folgen sozialer Missstände und politischer Fehlentscheide. Direkter formuliert es Jay-Z: «Ich bin traurig und enttäuscht über dieses Amerika. Wir sollten schon längst viel weiter sein. Das sind wir nicht.»

Zu Protest tanzen

Dass sich zu Protesten toll tanzen lässt, zeigte der Franzose Jean-Michel Jarre. Neuerdings präsentiert sich der grosse Elektroniker nach Treffen mit Edward Snowden als geläuterter Megalomane, der einst pompöseste Shows vor Massen inszenierte. Der Weltrekordhalter – 3,5 Millionen Fans 2012 in Moskau – integrierte Snowden eindringlich in seine Show gegen den Schnüffelstaat. Synthesizer-Nerd Jarre gestand: «Wir müssen unseren exaltierten Gebrauch der Technologie überdenken. Das Internet kann auch eine Gefahr sein.»

Neil Young, der alte Mann aus Kanada, hats dagegen gut: kein Dichtestress, mit Premierminister Justin Trudeau einen der fähigsten Politiker weltweit und ein «Heart of Gold». Das ganze Werk des 70-Jährigen ist ein einziges Plädoyer für das einfache Leben auf der Scholle – und für eine freie Welt: «Keep on Rocking in the Free World» heisst ein Hit. Young vergleicht Menschen mit Vampiren, er besingt seine Frau und das Countrylife: «Ich glaubte nie an viel – ich glaubte an dich.» Also lieber das Ewige berufen: «Take a Chance on Love.»

Ja, wieso nicht auf den weisen Sänger hören? – Versuchen wir es doch einfach mal mit Liebe!

Hinweis

Der Autor dieses Textes berichtet seit 25 Jahren aus Montreux. So politisch wie 2016 hat er nach eigenem Bekunden das Festival noch nie erlebt.

Pop: Zwischen Wahn und Sinn

Pop und Politik haben gemeinsam langjährige Tradition. Zehn Meilensteine der Musikwelt mit internationaler Wirkung:

1957: Der King of Rock ’n’ Roll betört mit weisser Gitarre und Glitzer-Overall, Haartolle und befreiendem Hüftschwung. Elvis «The Pelvis» («das Becken» zeigt, dass Musik Sex ist. Und nicht des Teufels. Was viele Eltern anders sehen.

1958: Jazz und Blues sind schwarz. Sax-Gigant Sonny Rollins will nicht länger Mensch zweiter Klasse sein: Mit «Freedom Suite» bläst er lautstark zum Protest.

1963: Auch weisser Folk ist Anklage: Joan Baez setzt sich ebenfalls gegen die Rassenschranken in den USA ein und singt auf dem Civil Rights March «We Shall Overcome».

1964: Baez-Partner Bob Dylan wendet sich gegen den Vietnamkrieg und glaubt «The Times they are a-Changing». Andere Kriege folgen; Patti Smith, Peter Gabriel, U2 und andere klagen an.

1966: Die Beatles sind liberale Poeten: Haben die Pilzköpfe «Rubber Soul» noch im Marihuana-Rausch eingespielt, bekennen sie sich mit «Revolver» zu LSD. Pop ist auch Drogenmusik.

1977: Britische Punks fordern die Absetzung der «Eisernen Lady» Thatcher und rufen zur Anarchie auf: «God Save the Queen» der Sex Pistols bleibt unvergessen. Welche Energie!

1979: In Pink Floyds «The Wall» sehen Millionen ihre Ängste und Zweifel. Das Leben zwischen Wahn und Sinn bleibt aktuell: Floyd-Kopf Roger Waters spielt sein Mauer-Opus weiter.

1985: «Live Aid» versammelt die Pop-Elite zum Benefizanlass. 1,5 Milliarden schauen den 16-stündigen Konzertreigen am TV. Und spenden 100 Millionen Dollar für Hungernde in Äthiopien.

1991: Michael Jackson singt den Song «Heal the World» und gründet im Jahr darauf die gleichnamige Stiftung. Der «King of Pop» macht auf Weltenretter nicht zuletzt mit Hilfe des Moonwalks.

2007: Madonna kritisiert in gewohnt provokativer Art die katholische Kirche: Sie lässt sich bei der «Confessions»-Tour kreuzigen. Heute macht sie nur noch auf Pop und Popo.

2012: Punk-Russinnen lehnen sich gegen Putins Zarengehabe auf. Pussy Riot kombinieren Sturmhauben mit grellen Kleidern und forschem Sound. Zu forsch: Sie werden verhaftet. Und zum weltweiten Symbol für den Widerstand gegen ein autoritäres Regime.

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