Essay zum Ukrainekrieg
Auf wessen Seite stehen die «Kampfdelfine» im Schwarzen Meer?

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow schreibt in diesem Essay eine bittere Satire auf die russische Invasion seines Heimatlandes.

Andrej Kurkow
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Ein Kameramann filmt die aus Charkiv evakuierten Delfine in ihrem neuen Zuhause in Odessa.

Ein Kameramann filmt die aus Charkiv evakuierten Delfine in ihrem neuen Zuhause in Odessa.

Yulii Zozulia/ Ukrinform/Future Publishing via Getty Images

Online-Publikationen schreiben, Russland habe in der Bucht von Sewastopol, in der sich mehrere Kriegsschiffe der Schwarzmeerflotte befinden, «Kampfdelfine» in Dienst gestellt. Die Delfine seien dressiert worden, Taucher und feindliche U-Boote anzugreifen.

Ich weiss nicht, wie Delfine zwischen ihren U-Booten und feindlichen unterscheiden können. Ich weiss nur, dass die ukrainische Marine kein einziges U-Boot besitzt. Eigentlich kann man sie kaum als «Marine» bezeichnen. Es handelt sich hauptsächlich um eine «Mücken»-Flotte, die aus kleinen Schnellbooten besteht. Aber da Russlands Flaggschiff der Schwarzmeerflotte von Ukrainern vom Boden aus zerstört wurde, denke ich, dass die Ukraine keine grössere Marine benötigt.

Der Ausdruck «Russische Militärdelfine» scheint eher aus einem ironischen Science-Fiction-Roman oder -Film zu stammen.

Delfine reisten 1000 Kilometer von Charkiw nach Odessa

Andrej Kurkow.

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Imago

Realität ist jedoch: Ukrainische Delfine wurden kürzlich aus Charkiw nach Odessa gebracht – was für sie eher wie ein Zuhause erscheinen muss. Es sind Delfine, die trainiert wurden, mit Kindern umzugehen, die Lernschwierigkeiten haben. Mit Asperger-Syndrom oder Autismus, zum Beispiel.

Die Delfine reisten auf Speziallastwagen mit «Hallenbädern» via Kiew nach Odessa. Sie mussten aus Sicherheitsgründen einen Umweg machen, da die Front gegen Süden kriecht und immer mehr Gebiete Beschuss ausgesetzt sind. In den mobilen Aquarien konnten nicht nur Delfine, sondern auch Seelöwen und Robben aus Charkiw herausgeholt werden.

Die Meerestiere wurden von Delfintrainern und Tierärzten begleitet. Es ist möglich, dass die Delfine in Odessa freigelassen werden, durch das Schwarze Meer schwimmen und vielleicht versehentlich in der Bucht von Sewastopol landen. Wie werden die «russischen Kampfdelfine» sie empfangen, frage ich mich. Wie ukrainische Saboteure?

Im Aquarium «Nemo» in Charkiw gibt es noch zwei junge Belugas. Ob es möglich sein wird, sie nach Odessa zu bringen, ist noch unklar. Jeder versteht, dass Wale in Kriegszeiten keinen Vorrang haben. Aber sie sind noch immer Lebewesen und jemand sollte sich um sie kümmern.

Während des Kriegs wirkt selbst ein grosses Land klein und eng. Die tausend Kilometer, die Charkiw von Odessa trennen, bedeuten nicht, dass Odessa so viel sicherer ist als Charkiw. Für Delfine vielleicht. Schliesslich befindet sich Odessa an der Küste, und in Charkiw wird es im Falle einer Bombardierung des dortigen riesigen Ozeaneums nicht möglich sein, die Tiere zu retten, indem sie im Meer freigesetzt werden.

Der Tag der Friedhöfe ist für die Ukrainer dieses Jahr besonders wichtig

Auch Odessa wird beschossen. Bisher nur vom Meer und von russischem Territorium aus. Westlich von Odessa liegt die «separatistische Republik» Transnistrien, die sich in den 1990er Jahren von Moldawien abspaltete. Auf dem Territorium von Transnistrien befinden sich die grössten Lager alter Waffen sowjetischer Fabrikation. Russland unterhält dort «Friedenstruppen» mit etwa 3000 Soldaten, und beschäftigt Männer, die mit Kalaschnikows die «Republik» beherrschen. Russland kann seinen «Friedenstruppen» in Transnistrien jederzeit befehlen, Odessa von der anderen Seite her zu beschiessen.

Aber die Menschen in Odessa geraten nicht in Panik.

Sie leben ein fast normales Leben. Sie bereiten sich, wie alle Ukrainerinnen und Ukrainer, auf «grobki» vor – «kleine Gräber». So nennen wir alljährlich die besonderen Tage um die Osterzeit, an denen wir der verstorbenen Verwandten und Freunde gedenken. Viele Friedhöfe in der Ukraine wurden von russischen Truppen beschädigt oder zerstört, darunter auch der Kiewer Berkowezki-Friedhof in der Nähe der Tupolewa-Strasse, an der ich aufgewachsen bin. Einige Friedhöfe wurden bombardiert, andere von russischen Panzern überrollt. Zudem hinterliessen russische Sappeure auf vielen Friedhöfen Sprengfallen.

Die Behörden versuchen dieses Jahr, die Ukrainer davon zu überzeugen, nicht dorthin zu gehen, vor allem nicht auf die Friedhöfe, die unter der Besatzung der russischen Armee standen oder immer noch stehen. Aber die Ukrainer werden immer noch gehen, um die Gräber ihrer Verwandten in Ordnung zu bringen. Die Kirche hat die Ukrainer oft darum gebeten, keine Plastikblumen zu den Gräbern zu bringen, sondern echte, aber immer noch bringen viele Ukrainer Plastikblumen mit. Weil sie nicht verwelken.

In Tschernobyl haben sich die Russen selbst verstrahlt

Einige Ukrainer werden versuchen, dorthin zu gehen, wo sie vor dem Krieg nur einmal im Jahr zugelassen waren – auf die Friedhöfe in der Sperrzone von Tschernobyl. Es gibt Dutzende davon. Aber dieses Jahr ist der Besuch der Tschernobyl-Zone strengstens verboten. Nachdem die russische Armee das Kraftwerk in Tschernobyl und die gesamte Zone ringsherum erobert hatte, stieg das Strahlungsniveau dort stark an und wurde sehr gefährlich.

Die russische Armee kontrollierte die Zone mehr als einen Monat lang. Während dieser Zeit befestigte sie eine Strasse nach Kiew durch das radioaktiv verseuchte Gebiet, und etwa 10'000 Panzer, gepanzerte Mannschaftswagen und andere militärische Geräte fuhren darauf und trugen Tausende von Soldaten in Richtung des erhofften triumphalen Einzugs in Kiew.

Auf demselben Weg kehrten einige von ihnen zusammen mit den Sachen, die sie aus ukrainischen Häusern gestohlen hatten, nach Weissrussland zurück. Ein Teil der Militärausrüstung, die die Reise überstanden hatte, kehrte auf derselben Strasse zurück. Russische Soldaten hatten in der gesamten Zone Schützengräben ausgehoben, die Dutzende von Kilometern lang waren, und haben darin einen ganzen Monat verbracht.

Das Hauptquartier der russischen Armee, die Kiew erobern sollte, befand sich dort. Jetzt sind die Russen weg und nur noch die Strahlung ist dort. Die Russen kehrten über Weissrussland zurück und verschickten von dort aus die Dinge, die sie aus ukrainischen Haushaltungen gestohlen hatten – Waschmaschinen, Computer, Scooter, selbst Kinderspielzeuge –, nach Hause in Städte und Dörfer in ganz Russland. Alle Postgeschäfte wurden gefilmt von den Videokameras der Kurierdienste. Alle Adressen und Namen der Empfänger gestohlenen Waren befinden sich immer noch in ihrem System.

Vielleicht wäre dies inzwischen vergessen gegangen, wäre da nicht Tschernobyl und seine Verstrahlung.

Kurz nachdem das russische Militär die Tschernobyl-Zone in Richtung Weissrussland verlassen hatte, begannen sich die Mitarbeiter des Kurierdienstes krank zu fühlen. Mehrere Personen gingen zum Arzt. Eine Umfrage ergab, dass sie alle unter Strahlenbelastung litten. Danach leitete der weissrussische KGB eine eigene Untersuchung ein, die zweifellos nirgendwohin führen wird. Schliesslich ist Weissrussland bereits de facto ein von Russland kontrolliertes Land.

Für Russland ist es jetzt absolut unwichtig, wie viel Strahlung russische Soldaten nach Weissrussland gebracht und wie viel sie in Paketen an ihre Verwandten geschickt haben. Für Russland ist es auch nicht wichtig, dass militärische Ausrüstung, die zweimal die Tschernobyl-Zone passiert hat, selbst zu einer Strahlungsquelle wurde.

Für Russland ist auch das Leben der eigenen Soldaten nicht wichtig.

Höchstwahrscheinlich werden sie auf dem Schlachtfeld und nicht im Spital an Strahlenkrankheit sterben. Etwas anderes ist, dass diese Ausrüstung, wenn sie nach der Zerstörung auf ukrainischem Gebiet verbleibt, zu einer Gefahr für die Ukrainer wird. Und dann könnten die Ukrainer die nächsten Opfer der Tschernobyl-Strahlung werden. Und wieder wird die Zahl der frischen Gräber auf ukrainischen Friedhöfen zunehmen. Und noch mehr Menschen werden auf die Friedhöfe kommen, um an den «Tagen der kleinen Gräber» ihren Toten zu gedenken.

Die Ukrainer werden mit Picknickkörben und Taschen auf die Friedhöfe kommen, sich auf den Boden neben den Gräbern setzen oder an speziellen, in den Boden gegrabenen Tischen sitzen, neben den Zäunen, die die Gräber umgeben. Dort werden sie Trinksprüche ausbringen und trinken. Diese Traditionen sind stärker als Beschiessung und Besetzung. Krieg hin oder her, sie müssen weitermachen. Der Krieg könnte diese Traditionen sogar stärken, weil es jetzt viel mehr neue Gräber auf den Friedhöfen der Ukraine gibt.

Putin möchte ukrainische Traditionen vernichten

Dann wäre es für ihn einfacher zu sagen, dass es keine Ukrainer gibt, dass sie nur düpierte Russen seien, denen gesagt wurde, sie seien keine Russen, sondern Ukrainer.

Aber ein Krieg vernichtet nur Menschen. Traditionen bleiben und festigen die nationale Identität.

Die Ukrainer haben viele Traditionen. Viele haben einen Bezug zur Landwirtschaft, weil die Ukrainer daran gewöhnt sind, selbstständige Bauern zu sein. Auch jetzt, sogar in den besetzten Gebieten, bewirtschaften sie ihr Land, säen Weizen und Raps, Buchweizen und Roggen. Sie tun das auch unter Beschuss und Drohungen des russischen Militärs. Das Militär stellt in Aussicht, diesen Bauern bis zu 70 Prozent der künftigen Ernte abzunehmen. Aber die Bauern säen weiter und hoffen, dass es bis zur Ernte keine Russen mehr in der Region Cherson gibt!

Die Landwirte müssen nach Schutzwesten suchen, die sie tragen können und, wenn sie sie finden – Helme. Hier besteht ein weiteres Risiko, zusätzlich zur Gefahr, beschossen zu werden. Die russischen Soldaten reagieren aggressiv, wenn sie Bauern mit Schutzwesten bemerken. Sie müssen sie verbergen und etwas darüber tragen. Sonst könnten sie beschossen werden. Nicht nur in den besetzten Gebieten werden Traktoren von Minen in die Luft gesprengt. Kürzlich wurde ein Bauer in der Region Kiew schwer verletzt, als sein Traktor von einer Landmine zerstört wurde. Er trug weder eine Schutzweste noch einen Helm.

BuchtippAndrej Kurkow: Graue Bienen. Roman aus dem Donbass. Diogenes, 445 S.

Buchtipp
Andrej Kurkow: Graue Bienen. Roman aus dem Donbass. Diogenes, 445 S.

Zu Sowjetzeiten wurde jede landwirtschaftliche Arbeit in den Zeitungen als «Kampf um die Ernte» bezeichnet. Dank Russland und Putin hat dieser Satz nun eine andere, wortgetreue Bedeutung bekommen. Die Ukraine bezahlt ihr künftiges Brot bereits heute mit Blut. Mit dem Blut von Soldaten und mit dem Blut von Bauern.

Aus dem Englischen übersetzt von Renzo Ruf

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