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ESSAYS: Für Osterhammel gibt nicht nur eine Globalisierung

Der Historiker Jürgen Osterhammel reflektiert den Begriff Globalisierung. Dabei arbeitet er gekonnt mit einer Mischung aus Analyse und beissender Ironie.
Liefert viele Denkansätze: Jürgen Osterhammel. (Bild: Philipp Dabringhaus)

Liefert viele Denkansätze: Jürgen Osterhammel. (Bild: Philipp Dabringhaus)

Wie hoch muss sich der Betrachter erheben, um den weiten Überblick zu erlangen, ohne die Details am Boden aus den Augen zu verlieren? Diese Frage stellt der deutsche Autor Jürgen Osterhammel insbesondere in Bezug auf die Disziplin der Geschichtswissenschaft, in der er selbst zu Hause ist. In einer Zeit, in der alle von der Globalisierung reden, sieht Osterhammel eine Kernaufgabe der Historiker darin, diesen oft behaupteten übergeordneten Megaprozess in verschiedene Teilprozesse zu zerlegen.

Ausdrücklich wendet er sich gegen die «Trivialsemantik» der Globalisierung, wie er sie nennt, vor der die meisten bereits kapituliert hätten und die von einem übergreifenden Gesamtprozess kontinuierlicher Integration auf Weltebene ausgeht. Seine These lautet: Im Singular ist Globalisierung nur ein Klischee und eine rhetorische Leerformel.

Brücke als versöhnendes und vermittelndes Prinzip

Statt der Eindeutigkeit gelte es, komplizierte Wechselwirkungen, Unterschiede und Brüche sichtbar zu machen und zu untersuchen. Damit einher geht sein Plädoyer für einen Plural der Globalisierungen, der von zahlreichen Globalisierungen mit jeweils eigenen Verlaufsformen und geografischen Mustern ausgeht.

Im wohl sprachlich schönsten Text dieser Sammlung von insgesamt 14 Essays befasst sich Osterhammel mit dem Begriffspaar «Grenze» und «Brücke». Das Thema Grenze hat mit dem Trend zum Rückzug ins Nationale neue Dringlichkeit erhalten. Der Brücke wird hingegen von jeher wenig Aufmerksamkeit zuteil. Osterhammel gelingt es wunderbar, die Faszination für diese spezifisch menschliche Bauleistung im Leser zu wecken – die Brücke als versöhnendes und vermittelndes Prinzip.

Westen leidet an der eigenen Überheblichkeit

Mit beissender Ironie befasst sich Osterhammel im Weiteren mit der Idee des Westens, dessen Werte heute unablässig in Abgrenzung zur nichtwestlichen Welt beschworen werden. «Was war und was ist der Westen», fragt Osterhammel, «wo beginnt und wo endet er?» Im Gegensatz zur Idee des vereinten Europas, so stellt Osterhammel fest, rufe die Idee des Westens die stärkeren Gefühle hervor, sei moralisch und ideologisch viel aufgeladener und damit auch heftiger umkämpft.

Kein Wunder gehöre zur Idee des Westens die Aufspaltung in Westeuropa und dessen minderwertige Peripherien – kein Westen also ohne Zivilisationsgefälle! Die Idee des Westens entstand gemäss dem Konstanzer Historiker erst mit der Überwindung des europäischen Kontinents und der Expansion Europas. Seit Beginn der Idee vom Westen leidet die Selbstreflexion an ihrer eigenen Überheblichkeit, während die Heuchelei im Bezug auf Menschenrechte und Demokratie schon früh von aussenstehenden Beobachtern benannt wurde.

Der Band endet mit einer Hinwendung zum Tiger und dessen Imagewandel von der menschenfressenden Bestie während der Kolonialzeit hin zur bedrohten Majestät des Dschungels. Ein vergnüglicher Essay und ein gelungener Ausklang. Osterhammel entlässt seine Leser mit vielen spannenden Denkansätzen, die aufgrund der gewählten Gattungsform oft nur skizzenhaft erläutert werden können, einen aber handkehrum zur selbstständigen Vertiefung über die Lektüre hinaus anregen.

Pascal Gut

kultur@luzernerzeitung.ch

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