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ESSAYS: Zerbrechliches Europa

Ein spannender Band gibt Einblick ins Denken von 28 europäischen Autoren. In Briefwechseln tauschen sich unter anderen Ruth Schweikert und Irena Brezna besorgt mit Kollegen aus.
Bernadette Conrad
Ein Strang Wolle mit den europäischen Farben: Das ehemals kompakte Gebilde verliert zusehends an Zusammenhalt. (Bild: Justin Case/Getty)

Ein Strang Wolle mit den europäischen Farben: Das ehemals kompakte Gebilde verliert zusehends an Zusammenhalt. (Bild: Justin Case/Getty)

Bernadette Conrad

«Was an Europa ist so kostbar, dass es geschützt werden muss? Was daran droht zu zerbrechen?» Noch vor dem Krisenjahr 2016 ergriff das Netzwerk der Literaturhäuser die Initiative und forderte 14 deutschsprachige Autorinnen und Autoren auf, ein Jahr lang in Briefkontakt zu treten mit einem oder einer anderen Schreibenden in Europa. Nun liegt ein dicker Band vor, dessen Cover eine Europakarte mit kaum erkennbaren Grenzen zwischen den Ländern ziert, stattdessen greifen aus den deutschsprachigen Ländern Pfeile in alle mög­lichen Richtungen aus, nach Frankreich und Schottland, Schweden und Bosnien, bis nach Russland und Israel. Thema ist ein Europa, dessen «Fragilität» in den letzten Jahren massiv in unser aller Bewusstsein gerückt ist – und das man je nach Land dennoch ganz unterschiedlich zu spüren bekommt. Wenn der deutsche Lyriker Jan Wagner dem mazedonischen Kollegen Nikola Madzirov von seiner Begeisterung für Pässe und Passstempel erzählt, antwortet Madzirov ihm, dass er auf seinem Passbild das erstarrte Angstlächeln vor dem Grenzschutzoffizier erkenne.

Eine Zukunft ist nur mit vielen Geschichten möglich

Ruth Schweikert erzählt Geschichten aus der Schweiz – eine Freundin, die nach einem Unfall vor etlichen Jahren keine Chance auf Arbeit mehr hat. Ein schwuler türkischer Bekannter, der sich nicht mehr zurück in die Türkei traut. Ihre Briefpartnerin Cecile Wajsbrot berichtet fassungslos aus ihrer Stadt Paris, wo in fast jeder Strasse Menschen unter Rettungsdecken liegen und Kinder unter Militärschutz zur Schule gehen. Wenn sie das Wort «fragil» höre, denke sie an diese «Schattenstadt» und an eine zerfallende Gesellschaft. Irgendwann tauschen sie sich dann darüber aus, dass es keinen Sinn mache, nach dem «einen» Narrativ für Europa zu suchen. Wir müssten lernen, so Ruth Schweikert, mit «unterschiedlichen, ständig sich verändernden Narrativen zu leben». Nur so sei «Zukunft vorstellbar».

Gehört die Türkei zu den «irren Ländern»?

Irena Brezna, die seit vielen Jahren in Basel lebt, stellt in ihrem Brief an Anna Schor-Tschudnowskaja eine Parallele her zwischen dem zweijährigen Kampf vor Gericht, den sie um das Überleben einer Pappel vor ihrem Fenster geführt hat, und ihrem Einsatz für tschetschenische Kriegsopfer vor 20 Jahren: Auch wenn man ­jeweils sein Ziel nicht erreiche, man finde andere «Mitfühlende und Mitwütende», und das allein schaffe einen «Boden über dem Abgrund». Ece Temelkuran aus der Türkei fragt vor einer Lesereise nach London ihren deutschen Kollegen Björn Bicker, ob es Ausländer überhaupt interessiere, wie Menschen in der Türkei mit Traumata umgehen. Sie befürchtet, ihr Land sei nun in der «Kategorie der irren Länder gelandet, in denen alles Mögliche geschehen kann».

Ja, Verzweiflung ist durchaus vorhanden in diesen so unterschiedlichen Korrespondenzen. Die Berliner Autorin Annika Reich erzählt, wie sie sich 2015 entschlossen habe, das Schreiben für ein Jahr zurückzustellen, um sich dem Hier und Jetzt der Flüchtlingsnot anzunehmen. Sie gründete einen Verein, engagierte sich – und brach dann doch zusammen, als sie realisierte, dass ihr die Zuversicht im Hinblick auf Europa und sein Wertesystem abhandenkam. An ihre israelische Briefpartnerin Zeruya Shalev schreibt sie: «Ich kann mich in Deine Situation nicht hineinversetzen. Ich bin im Frieden aufgewachsen. Bis letzten Sommer ist mir der Krieg nur nahgegangen, aber noch nie nahgekommen. Es kommt mir inzwischen so unwahrscheinlich vor, dass man dreiundvierzig Jahre alt werden kann, ohne mit dieser Seite des Lebens konfrontiert worden zu sein, aber es war so. Jetzt ist es ­anders.»

Etwas teilen sie tatsächlich alle, das ist eine Alarmiertheit, eine Sorge, ein Wachgerütteltsein. Und eine Entschlossenheit zum Gespräch; etwas, das Ruth Schweikert unter Berufung auf Hannah Arendt das vielstimmige Gespräch über die Welt nennt. Dieses müsse laufend geführt werden und dürfe einfach nicht abreissen.

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