ETTISWIL: Lesung wird zum Ohrwurm-Konzert

Luftige Chanson-Melodien von Landsteiner und alte bosnische Volksweisen setzten sich einem im Ohr fest. Keinem Stil verpflichtet, brachte das Stimmen-Festival gestern auf Schloss Wyher beides zusammen. Mit Literatur ganz am Anfang.

Regina Grüter
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Beat Portmann liest aus seinem noch unveröffentlichten Roman, um kurz danach selber zur Violine zu greifen. (Bild: Dominik Wunderli (28. Mai 2017))

Beat Portmann liest aus seinem noch unveröffentlichten Roman, um kurz danach selber zur Violine zu greifen. (Bild: Dominik Wunderli (28. Mai 2017))

Regina Grüter

regina.grüter@luzernerzeitung.ch

Noah Gossenreiter ist Journalist für Lokales und das neue Alter Ego des in Emmenbrücke wohnhaften Schriftstellers Beat Portmann. Seit seiner Krimitrilogie weiss man, dass bei Portmann die Fiktion die Grenzen der Realität sprengt und umgekehrt.

Bei seinem Auftritt gestern Vormittag im Schloss hat er die Romanfiguren mitgebracht, wirklich, zum Anfassen. Während der Autor noch unveröffentlichte Passagen aus seinem neuen Roman vorträgt – am kleinen Tischchen, wie man es sich gewohnt ist –, sitzt Frank Landsteiner, die Beine übereinandergeschlagen, im ­grünen Armsessel. Dandyhaft lauscht er der Erzählung, die davon handelt, wie Ich-Erzähler Gossenreiter sich zusammen mit dem benachbarten Musiker (Matthias Salzmann am Piano) und dem charismatischen Sänger (Achim Leberhauer), mit dem er so gerne befreundet wäre, die Nacht um die Ohren schlägt.

Bis die drei tatsächlich zur Band Landsteiner werden und Beat Portmann alias Noah Gossenreiter die Violine spielt. Der Journalist Gossenreiter nannte Landsteiner «die sanfte Wiederbelebung des deutschen Chansons». Von Vergänglichkeit und dem Teufel an der Wegscheide handeln die Lieder. Sie sind wehmütig, verwegen, aber von einer vom ironischen Unterton herrührenden Leichtigkeit getragen.

Wenn Landsteiner mehr spricht als singt, wird er vollends zum Schauspieler, die Melancholie in der Musik und der Nebel im Text greifen ineinander wie ein Zahnrad – und in den besten Momenten auch Lesung und musikalische Performance. Beat Portmann zeigt seine Qualitäten als Musiker – er spielt verdammt gut. Die luftig-leichten Melodien haben Ohrwurmpotenzial. Was in der gediegen-wohlwollenden, ja familiären Schlossatmosphäre gelingt, funktioniert vermutlich ebenso gut in einem schummrigen Nachtlokal – so würde Romanschauplatz zu Veranstaltungsort, Fiktion zu Realität.

Die grossen, universellen Gefühle

Zwischen lebenshungrig und todessehnsüchtig pendeln die Figuren bei Beat Portmann und die Chansons von Landsteiner, versehen aber mit einer gehörigen Portion Schalk. Eine Beschreibung, die auch zur Musik der bosnischen Sängerin Amira Medunjanin passt. Während sich auf dem jüngsten Album auch eigene Kompositionen finden, stellt sie sich am Nachmittag, begleitet vom Gitarristen Bosko Jovic, ganz in die Musiktradition ihrer Heimat. Es sind die grossen, universellen Gefühle wie (unerfüllte) Liebe, Hass und Eifersucht, Leidenschaft und Sehnsucht, die in den 500 Jahre alten Sevdah-Liedern besungen werden.

Die Ernsthaftigkeit, Emotionalität und nicht zuletzt Professionalität, mit der die beiden ans Werk gingen, rührte zutiefst. Man spürte sich in der Melancholie mit den bosnischen Sitznachbarn verbunden, auch wenn man nicht ansatzweise verstand, was sie in diesem Moment bewegen musste. Mit ihrer charismatischen, humorvollen Art und den eingestreuten Anekdoten und Erklärungen zu den Liedern brachte Amira Medunjanin die traditionelle Volksmusik aus Bosnien-Herzegowina auch dem Schweizer Publikum näher.

Mit dem Abschlusskonzert des Ingenium Ensemble in der Pfarrkirche ist die dreizehnte Ausgabe des Stimmen-Festivals Ettiswil zu Ende gegangen. Es bot eine Bühne für das gesprochene und das gesungene Wort, für das die Stimme unser Ausdrucksmittel ist. Zuweilen wurden auch die Instrumente zu Stimmen, wie Bosko Jovics Gitarre als sanfte melodiöse oder härtere rhythmische Antwort auf die gesungenen mittelalterlichen Geschichten von Amira Medunjanin.

Ob Fado, Chansons oder Sevdah, die Gefühle, von denen die Lieder handeln, sind zeitlos und an keinen Ort gebunden. Es sei kein Konzert, sondern ein Zusammenkommen von Leuten, meinte Medunjanin. Ganz nebenbei hat sie damit die Philosophie des Festivals auf den Punkt gebracht.

Dieses ging gestern zu Ende. In vier Tagen wurden an elf Konzerten rund 1000 Eintritte gezählt. Wie die Verantwortlichen mitteilten, haben die Besucherinnen und Besucher vor allem die Nähe zu den hochklassigen Künstlern geschätzt. Besonders viel Freude habe man neben dem Sonntagsprogramm am wuchtigen Auftritt von Paris Monster sowie am Stimmfenster gehabt – den Gratis-Konzerten in ganz kleinem Rahmen, die ebenfalls sehr gut besucht gewesen seien.