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EURO: «Sitzplätze führen zu Bequemlichkeit»

Während der EM ist der Fussball meist hochklassig, die Fangesänge dagegen nicht. Ein Gespräch über die Gründe und warum Fankurven keine Orte der Erholung sind.
Interview Benno Tuchschmid
Wenn es um originelle Fanlieder für die Nationalmannschaft geht, sind die Engländer Spitzenklasse. (Bild: Getty)

Wenn es um originelle Fanlieder für die Nationalmannschaft geht, sind die Engländer Spitzenklasse. (Bild: Getty)

Interview Benno Tuchschmid

Reinhard Kopiez, Sie sind Experte für Fan­gesang. Freuen Sie sich auf die Europameisterschaft?

Reinhard Kopiez*: Ehrlich gesagt, nein. Wenn man die Gesangsvielfalt aus den Ligen kennt, dann sind Europameisterschaften immer eine kleine Enttäuschung. Das Repertoire in den Stadien ist sehr bescheiden.

Wieso?

Kopiez: Man ist nicht eingesungen.

Eingesungen?

Kopiez: Ja, diese Repertoires muss man üben. Die Fans von Spitzenvereinen in der Bundesliga singen pro Spiel über 50 Lieder. Dazu kommen Klatschrhythmen und Kurzgesänge. Diese Menge ist eine grosse Herausforderung. Fankurven sind keine Orte der Erholung.

An Spielen unserer Fussballnationalmannschaft werden maximal fünf unterschiedliche Lieder gesungen.

Kopiez: Da ist die Schweiz keine Ausnahme. Im Verhältnis zu den Ligen ist das Repertoire bei Länderspielen wohl etwa um den Faktor zehn geringer.

Ist mangelnde Übung der einzige Grund?

Kopiez: Nein, es gibt verschiedene Gründe. Das Publikum an Grossveranstaltungen ist grundsätzlich anders. Das sind Premium-Gäste, die sonst nicht oft ins Stadion gehen. Und dann gibt es da nur Sitzplätze, und das führt zu Bequemlichkeit bei den Zuschauern.

Das Alkoholverbot in den Stadien hilft wohl auch nicht.

Kopiez: Die enthemmende Funktion des Alkohols fördert das Bedürfnis der Entindividualisierung in der Fanmasse und damit den Gesang. Das ist klar.

Gibt es keine positiven Ausnahmen bei Fans von Nationalteams bezüglich Gesangsqualität?

Kopiez: Es gibt eine Ausnahme: die Engländer. Die haben eine ganz andere Kultur, eine andere Identifikation mit ihrem Team. Das ist unerreicht in Europa, auch was die Ausdauer betrifft.

Es gibt auch rassistische und homophobe Fangesänge.

Kopiez: Um die Jahrtausendwende war das in Ostdeutschland ein grosses Problem. Mittlerweile ist es dank guter Fanarbeit in der Bundesliga praktisch verschwunden. Natürlich wird immer wieder versucht, die Schwachstellen des Gegners aufzudecken. Doch in der Regel geschieht dies humorvoll.

Wie entstehen Fangesänge?

Kopiez: Die Grundlage liefert immer ein bekannter Song. Denn Fanlieder sind nur im Text neu. Vor ein paar Tagen habe ich in Liverpool ein gutes Beispiel gehört. Die Fans haben die Melodie von «Life Is Life» genommen und singen nun darüber (singt): «Jür-gen-Klopp Nana Na Nana». (lacht) Die Fans haben einen sehr guten Instinkt für Massentauglichkeit.

Auch Verbände und TV-Sender versuchen es mit Massentauglichkeit bei ihren EM-Liedern. Heuer in Deutschland mit Herbert Grönemeyer, in der Schweiz mit Gustav. Wieso funktionieren diese in den Stadien nicht?

Kopiez: Weil das verordnete Lieder sind. Da sind die Fans sehr sensibel. Der Fangesang ist die letzte nicht durchkommerzialisierte Bastion im Fussball. Ich kenne nur einen erfolgreichen Versuch von aussen, einen Fansong zu kreieren: «Three Lions» der britischen Band Lightning Seeds mit der berühmten Liedzeile «Football’s coming home».

In der Schweiz gibt es mit «Bring en hei» ein weiteres Beispiel. Anderes Thema: Sie sind Musikexperte. Hat Fangesang musikalische Qualität?

Kopiez: Man darf es nicht mit Belcanto verwechseln. Die Stimmqualität dient der Funktion – und da sind wir bei Charles Darwin –, dem Gegner einen Schrecken einzujagen. Es muss rau klingen. Wir haben mal das Experiment gemacht, Fangesänge von einem Tenor einsingen zu lassen. Da wurde sehr schnell klar, dass das so nicht funktioniert.

Stimmt es, dass es schon in der Antike Fanlieder gab?

Kopiez: Nein. Bei den Wagenrennen, der Formel 1 der Antike, gab es Fanphänomene. Fahnen, Groupies und auch Sprechchöre. Zum Beispiel gab es «Roma Regina»-Rufe. Aber keine Gesänge.

Seit wann dann?

Kopiez: «Stunde null» des Fangesangs sind Gerry and the Pacemakers mit ihrer Hymne» You’ll Never Walk Alone» von 1963. Von da an versahen die Fans in England Poplieder mit eigenen Texten.

Haben Sie sich je mit der Schweiz befasst?

Kopiez: Leider nicht. Aber die Grundmechanismen unterscheiden sich nicht. Das Melodienrepertoire speist sich zu einem ganz grossen Teil in allen Ländern aus Pop, Oper und Karneval.

Singen Sie in Stadien?

Kopiez: Wenn ich in einer Kurve stehe, natürlich. Auch ich liebe den kurzzeitigen Kontrollverlust in der Masse.

Hinweis

* Reinhard Kopiez (57) ist Musikwissenschaftler und seit 1998 Professor für Musikpsychologie an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Er ist Autor des Buches «Fussball-Fangesänge: Eine Fanomenologie».

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