Lucerne Festival: Stockhausens exakte Vermessung führt in die Freiheit

Eine Uraufführung, zwei begeisternde Grosswerke von Karlheinz Stockhausen und viel Publikum: In der Moderne festigte Luzern seine Ausnahmestellung unter den grossen Festivals. Die Akribie des Komponisten zeigte sich nicht nur musikalisch.

Roman Kühne
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Winnie Huang (rechts) und Diego Vásquez vollziehen die Anbetungen zur Musik von Stockhausen. Diese wird vom Orchester der Lu­cerne Festival Academy gespielt. (Bild: Priska Ketterer / LF, 2. September 2018)

Winnie Huang (rechts) und Diego Vásquez vollziehen die Anbetungen zur Musik von Stockhausen. Diese wird vom Orchester der Lu­cerne Festival Academy gespielt. (Bild: Priska Ketterer / LF, 2. September 2018)

Dies sind die Stunden und Tage, die das Lucerne Festival zu etwas Aussergewöhnlichem machen. Wie sonst kaum irgendwo hat man hier den Mut und auch das Publikum, zwei Wochenenden lang auf einen der Grossen der Moderne, auf Karlheinz Stockhausen, zu setzen, und dies zur «Primetime» des Konzertbetriebes. 90-jährig wäre er geworden dieses Jahr, und gerade dieser Komponist lässt sich herrlich neu oder überhaupt erst entdecken.

Seine Musik nennt sich «seriell» und «Formelkomposition». Nicht gerade Wörter, die auf das grosse emotionale Erlebnis oder spannende Momente schliessen lassen. Doch präzises Handwerk, die punktgenaue Beschreibung jeder Einzelnote in Bezug auf Form, Akzent, Lautstärke und Klangfarbe sind nur die eine Seite. Bei der Komposition «Inori» verwendet er 60 verschiedene Lautstärkengrade und Metronomangaben wie 47,5 Schläge pro Minute. Dies mit dem Ziel, die Aufführung seiner Musik bis ins letzte Detail zu kontrollieren.

Doch die andere Seite ist sein unglaubliches Gespür für Spannung, Aufbau und Dramatik. Richtig gespielt sind diese Stücke mehr visuelle Lebensabläufe und Ereignisse als pure Konzertmusik.

Fast ein Jahr lang die Anbetungen geübt

So geschehen am Sonntagmorgen bei «Inori». Wie in Trance bewegen sich Arme und Beine, ertasten die Körper der beiden Betenden den Raum und die Musik. Unaufhörlich, fern von dieser Welt, fokussiert und doch zerfliessend. Die Ewigkeit ist in einem Punkt versammelt. Als es dennoch zum Ende findet, weichen die zwei Tänzer von ihrem Podest über dem Orchester, machen Platz für den neuen Kreis aus Hingebung und Ekstase. Jede ihrer synchronen Bewegungen ist ebenfalls vom Komponisten vorgegeben.

Fast ein Jahr übten die beiden Mimen Winnie Huang und Diego Vásquez alle Anbetungen. Das Resultat fasziniert, ihre Tanzbühne ist Fokus und Blickflucht zugleich. Das Orchester der Lu­cerne Festival Academy spielt grossartig. Hochkonzentriert setzt es die Farben. Die kantigen Schläge, der weite Spannungsbogen, die zunehmende Komplexität der Rhythmen, werden unter dem abwechselnden Dirigat von Lin Liao und David Fulmer, zwei Schüler des Meisterkurses im Dirigieren, lebendig. Es ist ein meditativer Sog, der immer stärker wird, ein göttliches Rauschen und Grollen. Unmöglich, da nicht fasziniert zu sein.

Notiz auf Briefumschlag wird kolossales Werk

Der Höhepunkt des Wochenendes war jedoch die Aufführung von «Mantra für zwei Pianisten und ringmoduliertes Klavier» im Kirchensaal Maihof am Samstagmorgen. Eigentlich war es ein kurzer melodischer Einfall, 1968 notiert auf einem Briefumschlag, während einer Autofahrt. Aber bei Stockhausen explodiert er in einem 70-minütigen Koloss, der jeden in seinen Banne zieht.

Dies liegt auch an der Qualität der beiden Künstler. Pierre-Laurent Aimard ist ein Spezialist für diese Art Musik. Seine meditative Aufnahme der «Vingt Regards» (Olivier Messiaen) ist bis heute eine Referenz. Tamara Stefanovich, ehemalige Schülerin Aimards und selbst erfolgreiche Konzertpianistin, steht ihrem ehemaligen Lehrer in nichts nach. Zwar hat Stockhausen auch hier alles notiert, nichts dem Zufall überlassen. Doch diese Akribie muss man erst einmal umsetzen.

Die beiden Solisten spielen technisch perfekt, mit klaren Betonungen und Akzenten. Die vielen Repetitionen verlieren keinen Moment ihre Energie. Es ist eine grosse anregende Geschichte, ein Bogen aus Spannung, Witz und Rhythmus. Dramatisch, wie die Klaviere auseinanderdriften und sich wieder ineinanderweben. Der teils verfremdete Klang wird über die Lautsprecher in den Saal geworfen, die Zuhörer von allen Seiten eingehüllt und abgeholt. Es scheint, als ob die akribische Künstlichkeit Stockhausens, die genauste Vermessung von Musik und Welt, diese weit schweifende Freiheit erst möglich macht.

Ein Gemälde wird musikalisch übersetzt

Als Abrundung wird am Samstagabend die Klammer geöffnet. So erklingt die Uraufführung des Auftragswerkes «Reading Male­vich» von Peter Eötvös. Er war Schüler und dann musikalischer Hauptpartner von Stockhausen. Und auch er vermisst: das Bild «Supremus Nr. 56» des russischen Malers Kasimir Male­witsch. Beginnend in einer Ecke des Gemäldes, verleiht er den verschiedenen farbigen Quadraten und Formen eigene Themen und Tonstrukturen, versucht das Augenblickliche des Kunstwerks in eine lineare Zeit zu übersetzen.

Die Festival Academy unter der Leitung ihres Chefdirigenten Matthias Pintscher spielt die Komposition direkt und lebendig. Und doch wirkt die Musik kühl. Die Komplexität, die Dichtheit der Struktur machen es schwierig, das Stück einfach auf sich wirken zu lassen. Auch wird hier eine Chance vertan. Warum blendet man nicht das Bild selber ein, zeigt auf der Leinwand an, wo sich die Komposition befindet?

Hervorragend zeichnet das Orchester auch «Lethe für Streichorchester», ein Wurf des jungen Máté Bella und Protegé von Eötvös (*1985). Hingegen fehlen in «Dialoge» von Bernd Alois Zimmermann, einem Zeitgenossen Stockhausens, musikalische Prägnanz und Klarheit. Fazit: Es war ein tolles, öffnendes Wochenende. Und man kann nur empfehlen, das nächste mit Stockhausen nicht zu verpassen.

Konzerte mit Musik von Stockhausen: Samstag 8. Sept., 16 Uhr und Sonntag, 9. Sept., 11 Uhr im MaiHof. Sonntag, 9. Sept., 18.30 und 21 Uhr im KKL.