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FALL GURLITT: Geld macht gutgläubig

Eine neue Publikation untersucht die Rolle von Schweizer Museen, Privatsammlern und Kunsthändlern beim Ankauf von Werken während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Thema sind auch Görings Einkaufstouren bei der Luzerner Galerie Fischer.
Wurde als Raubkunst deklariert und 2015 zurückgegeben: «Zwei Reiter am Strand» von Max Liebermanns, vollendet im Jahr 1901. (Bild: wikipedia.org)

Wurde als Raubkunst deklariert und 2015 zurückgegeben: «Zwei Reiter am Strand» von Max Liebermanns, vollendet im Jahr 1901. (Bild: wikipedia.org)

«Ich würde (die Bilder) gerne von ihrer Odyssee erzählen lassen», schreibt Anne Sinclair in der Biografie über ihren Grossvater, den jüdischen Galeristen Paul Rosenberg (1881–1959). Dessen Bilder hatten die Nazis während des Zweiten Weltkriegs geraubt.

Auch so mancher Provenienzforscher träumt von sprechenden Bildern, insbesondere wenn es um die über 20 000 Werke avantgardistischer Kunst geht, welche die Nazis 1937 aus deutschen Museen unter dem Schlagwort «entartet» entwendet und mit einer nachgeschobenen rechtlichen Legitimierung im Ausland verscherbelt haben. Zum Sprechen bringen würde man gerne auch die Werke jüdischer Sammler, die auf Juden­auktionen zwangsversteigert, bei der Immigration unter dem finanziellen Druck der Nazis gegen Dumpingpreise verkauft werden mussten oder auf der Flucht in den Kriegswirren verloren gingen. Über die Rückforderung dieser Raubkunst streiten sich Nachkommen, Anwälte und aktuelle Besitzer medienwirksam bis heute. Eine rechtlich bindende Grundlage für eine Rückgabe gibt es nicht. Die Ansprüche sind verjährt. Doch die 1998 von 44 Staaten unterzeichneten Washingtoner Richtlinien verpflichten Museen moralisch, nach einer «gerechten und fairen Lösung» zu suchen.

Aus dem Milliardenfund wurde ein Millionenfund

Seit die Öffentlichkeit 2013 von der Sammlung Cornelius Gurlitt durch einen Zeitungsartikel erfuhr, ist viel geredet worden über Raubkunst, entartete Kunst, Geld und Moral. Weil Gurlitts Vater Hildebrand im Auftrag der Nazis entartete Kunst ins Ausland verkauft hatte, fehlte lange ein sachlicher Zugriff aufs Thema. Seit man sich einig ist, dass die Beschlagnahmung der Sammlung durch die deutschen Behörden rechtlich fragwürdig war – der Besitz entarteter Kunst ist nicht strafbar –, der vermutete Milliardenfund nach wissenschaftlichen Untersuchungen auf einen Millionenfund geschrumpft ist und sich die bisher aufgedeckten Raubkunstfälle in Grenzen halten, geht man differenzierter mit dem Thema um. Die erste Rückgabe eines als Raubkunst deklarierten Gemäldes – Max Liebermanns «Zwei Reiter am Strand» – erfolgte 2015.

Drei Berner Journalisten haben den komplexen Fall und seine Nebenstränge weiter verfolgt. Im Buch «Der Gurlitt-Komplex» fragen sie nach der Rolle der Schweizer Kunsthändler, Privatsammler und Museen während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie fordern mehr Transparenz bei der Dokumentierung von Sammlungsbeständen und stellen fest: Wenn es um den günstigen Ankauf von Kunstwerken ging, legten viele Beteiligte während des Zweiten Weltkrieges eine hohe moralische Flexibilität an den Tag.

Auch das Berner Kunstmuseum, das als Erbin der Gurlitt-Sammlung in einer Verantwortung steht, hat nach Recherchen der Autoren viel nachzuholen in Sachen Provenienzforschung. Eine Delegation aus Bern kam 1939 für eine Einkaufstour auch zur Auktion ins Luzerner Grand Hotel National, wo der Luzerner Galerist Theodor Fischer im Auftrag der Nazis 125 Werke entarteter Kunst unter den Hammer brachte – Luzern war neben Bern eine wichtige Drehscheibe für entartete Kunst.

Fischer setzte auf jüdische Geschäftspartner, schwärzte Konkurrenten gleichzeitig bei den Nazis mit antisemitischen Parolen an. Mit dieser janusköpfigen Strategie war er, das zeigen die Autoren, nicht allein. Auch der Basler Kunsthändler Willy Raeber und der Berner Galerist August Klipstein bewegten sich in gefährlichen Grauzonen. Nach dem Zweiten Weltkrieg beriefen sich viele Händler auf ihren guten Glauben beim Ankauf der Bilder. Die – aus Kalkül? – zur Schau gestellte Naivität zahlte sich aus. Man setzte seine Geschäfte nach dem Krieg nahtlos fort und machte mit den nach Kriegsende sehr gefragten entarteten Kunstwerken, die plötzlich ein Statement gegen die Nazi-Vergangenheit waren, ein grosses Geschäft.

Nächtliche Übergabe im Grand Hotel National

Abenteuerlich sind die sorgfältig recherchierten Schicksale von Raubkunstwerken aus Schweizer Sammlungen. Etwa das vom Gemälde «Port de Toulon» von Camille Corot, das dem jüdischen Sammler Rosenberg gehörte. Reichsmarschall Hermann Göring verleibte das Werk seiner Sammlung ein. Die französischen Bilder dienten ihm in Luzern später als Zahlungsmittel. Über einen Kurier gelangt das Bild 1942 nachts in ein Zimmer des Luzerner Grand Hotel National. Hier wurde das Bild Theodor Fischer übergeben. Zurück blieb eine leere Kiste.

Ein Graubereich sind bis heute diejenigen Bilder, welche die Nazis bei ihren Säuberungsaktionen aus deutschen Museen mitnahmen, obwohl es sich um Leihgaben privater Sammler handelte. Sie gelten heute als Raubkunst. Das zu beweisen ist schwierig. Die Autoren nehmen in ihrer Publikation auch die Anwälte in die Verantwortung. Das Restitutions-business sei lukrativ. Gewiefte Anwälte nutzen den Umstand, dass unter Raubkunstverdacht stehende Kunstwerke mit einem Eintrag auf der Plattform lostart.de auf dem Kunstmarkt als unverkäuflich gelten. Bis heute ist unklar, wie oft Institutionen und Händler zur Vermeidung eines Wertverlusts sich zu stillen Vergleichen überreden lassen. Wenn’s ums Geld geht, schwindet auch die Moral der Opferanwälte.

Julia Stephan

julia.stephan@luzernerzeitung.ch

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