Filmpreis

Fantasyfilme und Frauenpower: Die Oscars wandeln sich

Zeit für einen fantastischen Oscar: Mit 13 Nominierungen geht der Film «Shape of Water» als grosser Favorit in das Oscarrennen. Die Schweiz bleibt ohne Glück.

Lory Roebuck
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Der Fantasyfilm «The Shape of Water» (mit Sally Hawkins, Bild) ist in allen wichtigen Oscar-Kategorien nominiert.

Der Fantasyfilm «The Shape of Water» (mit Sally Hawkins, Bild) ist in allen wichtigen Oscar-Kategorien nominiert.

Fox

Eine gehörlose Frau und ein seltsames Fischwesen lieben sich. Klingt verrückt, könnte aber bald mit sehr vielen Oscars prämiert werden. Denn der Film «The Shape of Water» (Regie: Guillermo del Toro), der von ebendieser Frau und diesem Wesen erzählt, wurde gestern in 13 Sparten für den wichtigsten aller Filmpreise nominiert – darunter als bester Film des Jahres. Auf mehr Nominierungen haben es in der 90-jährigen OscarGeschichte nur wenige Filme gebracht, etwa «Titanic» oder der letzte «The Lord of the Rings», mit je 14.

90. Oscarverleihung: Die wichtigsten Nominierungen

Bester Spielfilm

«Call Me by Your Name»
«Darkest Hour»
«Dunkirk»
«Get Out»
«Lady Bird»
«Phantom Thread»
«The Post»
«The Shape of Water»
«Three Billboards Outside Ebbing,
Missouri»

Beste Regie

Christopher Nolan, «Dunkirk»
Jordan Peele, «Get Out»
Greta Gerwig, «Lady Bird»
Paul T. Anderson, «Phantom Thread»
Guillermo del Toro, «The Shape of Water»

Beste Hauptdarstellerin

Sally Hawkins, «The Shape of Water»
Frances McDormand, «Three Billboards»
Margot Robbie, «I, Tonya»
Saoirse Ronan, «Ladybird»
Meryl Streep, «The Post»

Bester Hauptdarsteller

Timothée Chalamet, «Call Me By Your
Name»
Daniel Day-Lewis, «Phantom Thread»
Daniel Kaluuya, «Get Out»
Gary Oldman, «Darkest Hour»
Denzel Washington, «Roman J. Israel, Esq.»

Beste Nebendarstellerin

Mary J. Blidge, «Mudbound»
Allison Janney, «I, Tonya»
Lesley Manville, «Phantom Thread»
Laurie Metcalf, «Lady Bird»
Octavia Spencer, «The Shape of Water»

Bester Nebendarsteller

Willem Dafoe, «The Florida Project»
Woody Harrelson, «Three Billboards»
Richard Jenkins, «The Shape of Water»
Christopher Plummer, «All the Money in the World»
Sam Rockwell, «Three Billboards»

Bester ausländischer Film

«Un mujer fantastica» (Chile)
«The Insult» (Libanon)
«Loveless» (Russland)
«On Body and Soul» (Ungarn)
«The Square» (Schweden)

«The Shape of Water» und «The Lord of the Rings» sind so etwas wie Ausnahmeerscheinungen bei den Oscars. Normalerweise tun sich die Oscar-Wähler – also die knapp 7000 Mitglieder der US-Filmakademie – ziemlich schwer mit Fantasyfilmen. Zu bunt, zu viele Special Effects, zu weit weg vom echten Leben, heisst es immer wieder. Solche Filme würden angeblich bald echte Schauspieler überflüssig machen.

Das ist natürlich Quatsch, und «The Shape of Water» (ab 15. Februar in den Schweizer Kinos) ist dafür der beste Beweis. So wurden mit Sally Hawkins (Bild rechts), Richard Jenkins und Octavia Spencer gleich drei seiner Darsteller für einen Oscar nominiert. Ihr Dank wird sich an den Mexikaner Guillermo del Toro richten, der das Drehbuch verfasst hat, Regie führte und den Film auch produzierte – wofür er sich nun drei persönliche Oscar-Nominierungen gutschreiben lassen kann.

#MeToo hinterlässt Spuren

Gewinnt mit «The Shape of Water» also endlich wieder ein Fantasyfilm den Hauptpreis? Klar ist nur: Die Academy will 2018 ein Zeichen setzen. Oder am besten gleich mehrere. Denn auch die #MeToo-Bewegung hinterlässt bei den Oscars ihre Spuren.

Der Film «All the Money in the World» beispielsweise galt lange als aussichtsreicher Kandidat, wurde nun aber kaum berücksichtigt. Schuld daran dürfte Kevin Spacey sein. Nachdem der Hauptdarsteller des jahrelangen Missbrauchs bezichtigt worden war, wurde er digital aus dem fertigen Film gelöscht und durch Schauspieler Christopher Plummer ersetzt. Plummer drehte alle Szenen von Spacey in nur wenigen Tagen nach und ist nun der Einzige, der für «All the Money in the World» nominiert wurde. Er ist mit 88 Jahren auch der älteste Nominierte aller Zeiten.

Auch Schauspieler James Franco sieht sich derzeit mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, und auch er verpasste gestern eine Oscar-Nominierung. Und das obwohl er für seinen Auftritt in der Komödie «The Disaster Artist» vor zwei Wochen noch einen Golden Globe gewonnen hatte. Seinen Platz erbte wohl der Brite Daniel Kaluuya, der im Horrorfilm «Get Out» brillierte und als einer von vier schwarzen Schauspielern dieses Jahr für einen Oscar nominiert ist.

Erstmals eine Kamerafrau

Die US-Filmakademie bemühte sich in den letzten Jahren um eine grössere Vielfalt unter seinen Mitgliedern – und hoffte gleichzeitig auf mehr weibliche Nominierte in traditionell männlichen Kategorien. Und siehe da: Dieses Jahr geht mit Rachel Morrison («Mudbound») zum ersten Mal überhaupt eine Frau ins Rennen um den Oscar für die beste Kameraarbeit. Und Greta Gerwig («Lady Bird») ist für die beste Regie nominiert, als erst fünfte Frau. Sie dürfte dabei Regieveteran Steven Spielberg («The Post») verdrängt haben, dessen Nominierung als sicher galt. Dafür durfte Spielbergs Hauptdarstellerin Meryl Streep ihren Rekord weiter ausbauen – und sich über ihre inzwischen 21. Nominierung freuen.

Schweizer Film nicht nominiert

Kein Glück dagegen hatte der Schweizer Film «Facing Mecca», der in der Kategorie Bester Kurzfilm auf eine Nominierung hoffte, aber leer ausging. Das 27-minütige Werk des Zürcher Regisseurs Jan-Eric Mack hatte es zuvor bis auf die Shortlist für den Oscar geschafft – also unter die letzten zehn Kurzfilme, aus denen die fünf Nominierten gestern ausgewählt wurden.

«Im Moment bin ich natürlich etwas enttäuscht», sagte Mack gegenüber der «Nordwestschweiz», kurz nachdem die Nominierungen verkündet worden waren. Der Filmemacher sagt, für ihn habe sich das angefühlt wie das Ausscheiden der Schweizer Fussballnationalmannschaft im WM-Viertelfinal. «Alle haben mitgefiebert und gehofft. Dann kam der Abpfiff. Aus, vorbei. Das war wie eine Schockstarre.» Mack zeigt sich aber auch stolz über die bisherigen Erfolge seines Films. «Facing Mecca» hatte in den vergangenen Monaten mehrere internationale Festivalpreise gewonnen – und sogar einen Studenten-Oscar. «Das hätte ich mir nie erträumt. Ich bin sehr stolz auf mein ganzes Team.»

Mack möchte als Nächstes den Schritt vom Kurz- zum Langfilm machen und arbeitet derzeit an zwei neuen Stoffen («einer politisch, der andere historisch»). Davor wird er aber «Facing Mecca» – der von einem syrischen Flüchtling erzählt, der in einer Schweizer Gemeinde seine verstorbene Frau nach muslimischem Brauch beerdigen will – noch an den Solothurner Filmtagen (25.1. bis 1.2.) präsentieren.

Die Oscars werden am 4. März im Kodak Theatre in Hollywood über die Bühne gehen. Trotz Schweizer Absenz: Dank Filmen wie «The Shape of Water» könnte es eine fantastische Preisverleihung werden.