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Feind und Freund

Beide waren Giganten ihrer Zeit, beide würden dieses Jahr ihren 200. Geburtstag feiern: Alfred Escher, der Wirtschaftspionier, und Gottfried Keller, der Dichter. Doch Kellers Beziehung zum «System Escher» gestaltete sich kompliziert.
Florian Bissig

War Gottfried Keller ein Schriftsteller, der sich in politische Diskussionen einbrachte? Damit wäre viel zu wenig gesagt. Kellers Antrieb, sich für politischen Wandel einzusetzen, wetteiferte sein Leben lang mit seinen literarischen Ambitionen. Er versteckte sich nie hinter der Rolle des Künstlers, sondern bezog immer wieder kämpferisch Stellung.

Alfred Escher (l.) und Gottfried Keller: Die beiden Gegenspieler hatten doch mehr gemeinsam, als sie glaubten. (Illustration: Stefan Bogner)

Alfred Escher (l.) und Gottfried Keller: Die beiden Gegenspieler hatten doch mehr gemeinsam, als sie glaubten. (Illustration: Stefan Bogner)

Mit dem Dichten begann er ganz nebenbei, um sich politisch äussern zu können. Sein erstes veröffentlichtes Gedicht überhaupt, «Sie kommen, die Jesuiten!», zeigt, dass Keller auch propagandistische Mittel aus der untersten Schublade recht waren: «O Schweizerland, du schöne Braut, / Du wirst dem Teufel angetraut! / Ja, weine nur, du armes Kind! / Vom Gotthard weht ein schlimmer Wind – / Sie kommen, die Jesuiten!» So endet das Gedicht, das 1844 in der «Freien Schweiz», dann als Flugblatt, und 1846 auch in Kellers Band «Gedichte» abgedruckt wurde.

Antikatholizismus als Metaphorik

Dabei war Keller kein brennender Protestant. Doch die Verknüpfung der politischen Frage mit der Konfession war die Strategie, mit der die Liberalen – auch der Zürcher Jurist und Nachwuchspolitiker Alfred Escher – die nötigen Mehrheiten für ihren Bundesstaat gewinnen konnten. Dieselbe derbe Rhetorik wandte Keller im linken Blatt «Der Bote von Uster» an. Er knüpft an die Drachen-Allegorie seines Jesuiten-Gedichts an und warnt vor dem «ausländischen Drachengesindel» und «Vieh» des Katholizismus, das die Einheit der Schweiz gefährde. Einen Dichter, der das Lager wechselte, beschimpfte er als «Wurm».

Keller selbst nahm an den bewaffneten Freischarenzügen gegen das katholische Luzern teil. Diese Einsätze hat er nie unter den Tisch gekehrt. Im Gegenteil, in der Novelle «Frau Regel Amrain und ihr Jüngster», die zehn Jahre später im ersten Band von «Die Leute von Seldwyla» erscheint, wird die Teilnahme des Halbwüchsigen Fritz Amrain an bewaffneten Ausflügen gegen eine benachbarte Regierung erzählt. Es gehe darum, «jenen vernagelten Dummköpfen durch einen mutigen Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei». Als Fritz dann im Gefängnis sitzt, kommt er zur späten Einsicht: «selbst ihre Beschränktheit oder ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigentum». In Kellers Hauptwerk, dem «Grünen Heinrich», spielt der Erzähler die Freischärler als harmlose Idealisten herunter und legt nahe, dass deren Scheitern gar die entscheidende Rolle im Ausbruch und der raschen Überwindung des Sonderbundkriegs gespielt habe. Auch hier bestimmt der Antikatholizismus die Metaphorik.

Vom Systemkritiker zum Repräsentanten

Wenige Wochen nach der Gründung des Bundesstaats verliess Keller die Schweiz für eine Bildungsreise inklusive nachzuholendem Universitätsstudium. Ermöglicht wurde dies durch ein Stipendium der Zürcher Regierung – der auch sein Alters- und Gesinnungsgenosse Alfred Escher angehörte, der Überflieger aus der radikalliberalen Bewegung, der in der Kantons- und Bundespolitik während drei Jahrzehnten die Fäden ziehen und die Schweizer Wirtschaft prägen sollte. So erstaunt es, mit welcher Vehemenz Keller sich nach seiner Rückkehr auf die Zürcher Regierung einzuschiessen begann. Hatte er sich nicht auf Zürcher Staatskosten zum Schriftsteller mausern dürfen? Anfang der 1860er-Jahre war er einer der umtriebigsten Kritiker des «Systems Escher», dem er vorwarf, die liberalen Grundsätze fallen gelassen zu haben und nur pekuniäre Interessen und eigene Karrierepläne zu verfolgen. In einem Zeitungsbeitrag unterstellte er dem amtierenden Kantonsratspräsidenten, sogar den Schweizer Neutralitätsgedanken für wirtschaftliche Zwecke zu missbrauchen. In einer Polemik wetterte er gegen den Traum einer Schweiz, «die aussieht wie eine einzige ungeheure Fabrikstadt, in welche alles Geld zugeführt» werde. Keller schlug wieder klassenkämpferische Töne an. Er geisselte den Gegensatz der Arbeitsbedingungen in der Fabrik auf der einen Seite und der prunkvollen Villen der Fabrikbesitzer auf der anderen. Wie aus dieser Situation heraus Keller in das Amt des Ersten Staatsschreibers des Kantons Zürich berufen werden konnte – darüber rätselt die Forschung noch heute. Keller wurde fast über Nacht zum Repräsentant des «Systems», gegen das er gerade noch opponiert hatte. Sofort hörte er auf, in den Zeitungen gegen das «System Escher» anzuschreiben. Als Keller seine Stelle fünfzehn Jahre später kündigte, war es ihm nicht darum, sich wieder in die Polemiken zu stürzen. Der auf die 60 zugehende Mann konzentrierte sich auf die Arbeit an seinem Roman «Martin Salander». Mit dem Gesellschaftsroman wählte er ein Genre, das ihm eine andere, eine literarische Form von Engagement ermöglichte. «Martin Salander» zeigt anhand der fiktiven Stadt Münsterburg (hinter der Zürich steht) eine Gesellschaft, die von Spekulantentum, Karrierestreben und Luxus deformiert ist, und der Tugenden wie Redlichkeit und Pflichtbewusstsein abhanden gekommen sind.

Den aufrichtigen Menschen und das korrumpierte System voneinander zu trennen: Dies erlaubt zu verstehen, wie Keller zuletzt wieder gute Worte für Alfred Escher fand. Als Eschers Denkmal 1889 eingeweiht wurde, äusserte er sich noch einmal huldvoll. Vielleicht hat ihn der Rückblick auf Eschers unbeirrtes Wirken auch ein wenig an seinen eigenen Furor erinnert. Von seiner ersten Veröffentlichung, dem Jesuiten-Pamphlet in Versen, hat er sich nie distanziert. Als er 1883 seine Gedichte für die «Gesammelten Gedichte» durchsah, nahm er «Sie kommen, die Jesuiten!» wieder auf. So sind in Gottfried Kellers Werk vom Jesuiten-Pamphlet bis zum gesellschaftskritischen Alterswerk die politischen Anliegen eines engagierten und windungsreichen Dichter- und Bürgerlebens abgelagert. Polemisch, humorvoll und nachdenklich laden seine Schriften zur Reise in die Schweizer Gründerzeit ein, in der so manches hart erstritten wurde, was heute selbstverständlich ist.

Ausstellungen über Gottfried Keller: Landesmuseum Zürich: «Glanzlichter der Gottfried-Keller-Stiftung», bis 22. 4. Strauhof Zürich: «Gottfried Keller – Der träumende Realist», bis 26. 5.

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