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FERIENLEKTÜRE: Unsere Kulturredaktion empfiehlt: Bücher für die Sommerfrische

Spannung, Klamauk, Weltgeschichte, Musik, Lyrik, Sex und Tragik – sowas in der Art? Spannende Lektüre sollte im Ferienkoffer auf keinen Fall fehlen. Hier eine Selektion unserer Kulturredaktion.
Strandbibliotheken werden weltweit immer beliebter. Diese hier am Bondi Beach in Sidney stand allerdings nur einen Tag: Es war eine Werbeaktion eines Möbelherstellers. Bild: James D. Morgan/Getty (Bild: James D. Morgan/Getty)

Strandbibliotheken werden weltweit immer beliebter. Diese hier am Bondi Beach in Sidney stand allerdings nur einen Tag: Es war eine Werbeaktion eines Möbelherstellers. Bild: James D. Morgan/Getty (Bild: James D. Morgan/Getty)

Junge Mutter gerät ins Visier eines Hackers

Pauliina Susi: Das Fenster.

dtv, 527 S., Fr. 24.–.

THRILLER Wie wäre es mit kühlender Sommerlektüre aus dem ­Norden? Im Thriller von Pauliina Susi, die dafür den finnischen Krimipreis gewann, gerät die alleinerziehende Mutter Leia in einen virtuellen Albtraum: Jemand schickt Drohungen per SMS, sperrt Konten und Kreditkarten. Liegt es daran, dass sie für ein brisantes Forschungsprojekt tätig ist? Der wahre Hintergrund: Ein mächtiger Politiker hat sich auf einen schlüpfrigen Internetchat mit einer Minderjährigen eingelassen, wovon ein Video existieren soll. Sein skrupelloser Berater will das Video um jeden Preis verschwinden lassen. Und die Spuren führen zu Leia, die nichts davon ahnt.

Um Druck auf sie auszuüben, wird ein Computernerd engagiert. Der haust nach der Trennung von Frau und Sohn in einer Absteige voller Computer, ernährt sich von zahllosen Energydrinks und verdient sich als kriminelles Hackergenie sein Geld. Doch ausgerechnet er wird quasi zum Helden der Story, als er realisiert, dass er mit seinen Machenschaften nicht nur Leia in tödliche Gefahr bringt, sondern auch deren Teenagertochter. Der Thriller behandelt auf spannende Art die Gefahren des Webs, auch wenn er die ­Verletzlichkeit von persönlichen Daten etwas zuspitzt. Die Triade der Hauptfiguren, deren Perspektiven sich abwechseln, ist sehr gelungen. Die Story ist gut erzählt und bietet vor allem auch leicht verdauliche Unterhaltung.

Arno Renggli

Krokodilstränen im ­Haifischbecken

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene.

Kiepenheuer & Witsch, 320 S., Fr. 29.–

ERZÄHLUNGEN Bei grosser Hitze braucht es einen ersten Satz, der richtig einfährt, sonst gibt man schnell der sanften Schläfrigkeit in der Hängematte nach. Eva ­Menasse versteht sich auf die Kunst, mit wenigen Worten verheissungsvolle Plots anzudeuten. Gleich hat sie die Leserin (männliche Leser sind herzlich willkommen) hellwach mit Trompetenstössen wie diesem: «Ihr Jugendfreund Martin ist gestorben, und Tom, die Frau, die auf einem Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkei­urlaub mit Wasserrutschen.» Umso mehr, wenn man das Buch in sicherer Distanz zu solchen Rutschen aufschlägt.

Die Verhaltensweisen moderner Städter in abgesicherten Verhältnissen (aber nicht ganz so gesicherten Beziehungen) sind das Forschungsfeld: Man blickt in Patchworkfamilien, Künstlerkolonien, in den Keller eines alten Patriarchen mit dementer Gattin. Die Inspiration dazu – mal mehr, mal weniger zwingend – stammt aus Zeitungsmeldungen über zoologische Kuriosa. Sie sind den Erzählungen jeweils vorangestellt. In den besten Fällen ist der Zusammenhang nicht so offensichtlich wie in «Opossum», wo ein Regisseur in prekärer Lebenslage zwischen zwei Frauen nächtens einen Wildwechsel zu spät bemerkt. Was ihm vorher passiert, ist spannender, weil rätselhaft. Dabei wird die Erzählerin nicht müde, ihre gnadenlosen kleinen Spitzen zu platzieren.

Bettina Kugler

Wie einer versucht, ein Mauersegler zu werden

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde - Wie ich versuchte, als Tier zu leben.

Malik-Verlag, 288 S., Fr. 29.-

SELBSTVERSUCH Ferien – das bedeutet: hinaus in die Natur. In den Garten, ans Wasser, in den Wald. Weg aus der Stadt, weg vom Büro. Auf seine Weise ist auch Charles Foster diesen Weg gegangen, nur mit anderem Ziel. Er wollte erfahren, wie es ist, ein Tier zu sein. Zum Beispiel ein Dachs. Oder ein Mauersegler. Oder ein Hirsch. Und weil es ihm nicht genügte, Bücher zu lesen (was er freilich auch getan hat, sein eigenes steckt voller aufregender Lesefrüchte), ist er zur Tat geschritten. Hat einen Dachsbau ausgehoben und sich darin verkrochen – und sich von Würmern ernährt. Oder sich von einem Gleitschirm in die Höhe tragen lassen, und die Erfahrung gemacht: «Ich bin ein schrecklich langsames Tier. Mauersegler zu sein fällt mir am leichtesten, wenn ich auf der Erde bin.»

So ist dieses Buch: voller philosophischem Staunen über die Natur und voller skurriler Erfahrungen. Man übertreibt nicht, wenn man sagt: Solch wahnwitzige Versuche konnte sich nur ein Engländer antun. Der die Erfahrung macht: Man kann nicht einfach die Seiten wechseln.

Denn etwas vom Menschen, diesem aufrecht gehenden Augentier, bleibt in jeder Versuchsanordnung an ihm hängen. Aber lehrreich, ja fesselnd bleibt sein Reisebericht gleichwohl. Und unterhaltsam. Wenn Sie das nächste Mal einem Käfer zuschauen, werden Sie sich bei Foster’schen Gedanken ertappen.

Rolf App

Der jugendliche Schwung eines Neunzigjährigen

Herbert Blomstedt: Mission Musik.

Henschel-Bärenreiter, 192 S., Fr. 37.–

MUSIK Der schwedische Dirigent und 18. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt wird am Dienstag neunzig. Er hat eine grossartige Karriere hinter sich, nicht nur in Leipzig, sondern auch bei der Dresdner Staatskapelle oder beim San Francisco Symphony Orchestra. Ein machtbesessener Pultstar war er nie, dafür aber stets ein sein Orchester befeuernder Musiker.

Und genauso unverbraucht, wie er bis heute Musik voll jugendlicher Frische, aber auch geistiger Klarheit macht, gibt er der Musikkritikerin Julia Spinola Auskunft über die Kunst des Dirigierens, das Abenteuer Interpretation und seinen Werdegang als Sohn eines Adventistenpastors. 30 000 Bücher besitzt Blomstedt. Aber nie dozierend, sondern offen und mit entspanntem, weiten Zugang zum eigenen immensen Wissenshintergrund nimmt Blomstedt den Leser mit ins Reich der Musik als universelle Sprache. Das Buch über sein musikalisches Denken ist durch die Interviewform flüssig lesbar.

Emotion und intellektuelle Brillanz paaren sich bei diesem Maestro nicht nur in seinen Interpretationen, sondern auch in seinen Ausführungen über Musik und den Musikbetrieb. Selbstzweifel befielen ihn auch nach über sechzig Jahren Musikmachen immer noch, gibt er zu. Und ein Orchester brauche keinen Beherrscher, sondern jemanden, der ihm «geistige Energie» gebe. Genau das tut Herbert Blomstedt auch noch als Neunzigjähriger.

Martin Preisser

Der Mensch wird sich in Algorithmen auflösen

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von morgen.

C. H. Beck, 576 S., Fr. 37.–

ZUKUNFT Vor 70000 Jahren, als der Mensch die Höhlen verlassen hatte, beginnt die eigentliche Menschheitsgeschichte. Seither hat der Mensch Kulturtechniken wie Ackerbau, Sprache, Buchdruck und Computer erfunden. Nun stehen wir vor einer neuen Stufe, so die These von Yuval Noah Harari. Der Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem glaubt, der Mensch – vor allem die reiche Elite – strebe nun nach der Unsterblichkeit. Durch Fortschritte in Biotechnologie und künstlicher Intelligenz würde der Homo sapiens zum gottähnlichen Homo Deus avancieren. Hararis Thesen sind gewagt. Der 41-jährige Historiker vermutet sogar, die Menschheit werde sich in Biotechnologie, Algorithmen und Daten auflösen. Der physische Körper werde verschwinden und die Menschen nur noch in Form von Daten existieren. Dass es so weit kommen könnte, liege daran, dass Politik und Gesellschaft Zukunftsvisionen dem Silicon Valley überlasse, wo Grossunternehmen bereits heute am technologischen Übermenschen arbeite.

Wer sich auf Hararis gedankenscharfe, nüchterne, wissenschaftlich fundierte und ironische Erzählweise, seine Gedankenexperimente und Bezüge zur Popkultur einlassen kann, findet in «Homo Deus» ein kluges Buch, das zum Denken anregt. Diesen Lesern wird auch die Frage beantwortet, was Elvis Presley und der ägyptische Pharao gemeinsam haben.

Philipp Bürkler

Wo sich Geld und Lust begegnen

Nora Bossong: Rotlicht. Die Lust, der Markt und wir.

Hanser, 240 S., Fr. 29.–

REPORTAGE Es gibt sie noch, die Rotlichtviertel – auch wenn sich das Geschäft mit dem käuflichen Sex und der Pornografie ins Internet verlagert. Nora Bossong wollte mit eigenen Augen sehen: Sexmessen mit Live-Shows, schmuddelige Swingerclubs, Bordelle. Und herausfinden, was dies mit ihrer und unser aller ­Sexualität macht. Auch den Schweizer Sexkönig Edi Stöckli trifft sie zum Gespräch. Das Resultat ist ein erstaunliches Buch, in dem sich journalistische Genauigkeit und Nachdenklichkeit verbinden: Wie sich angesichts roher Sex-Präsentation Angst und Schamgefühle melden, wie technische Lustarbeit sich zwischen sexueller Freiheit und kapitalistischer Ausbeutung vorführt. So umfassend und klug hat man selten über dieses Phänomen gelesen.

Hansruedi Kugler

Federleichte Tragödie aus dem 19. Jahrhundert

Camillo Boito: Sehnsucht.

dtv,102 S., Fr. 23.–

LIEBESDRAMA Livia heiratet als 22-Jährige einen vierzig Jahre ­älteren Grafen, doch schon auf der Hochzeitsreise in Venedig stürzt sie sich in eine heftige Liebes­affäre mit einem Leutnant. Livia ist Hauptfigur und Ich-Erzählerin in Camillo Boitos Novelle «Sehnsucht», die 1883 erschienen ist und gerade in einer schönen deutschen Ausgabe neu aufgelegt wurde. Contessa Livia gilt als italienisches Pendant zu Madame Bovary, Effi Briest und Anna ­Karenina. Anders als Flaubert, Fontane und Tolstoi aber erzählt Boito das Drama um Ehebruch, verratene Liebe und Rache als federleichte, nicht einmal achtzig Seiten umfassende Novelle. Eine Geschichte voller kunstvoller Andeutungen und Ausblendungen, dennoch glasklar, unmissverständlich und sinnlich.

Beda Hanimann

Mit fantastischen Notlügen gegen die Tücken des Alltags

Horst Evers: Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex.

Rowohlt, 240 S., Fr. 24.–

COMEDY Was man als durchschnittlicher Mitvierziger alles an skurrilen Erlebnissen zu ­berichten hat! In Berlin scheinen sich alle einen Spass daraus zu machen, andere mit fantastischen Notlügen reinzulegen oder sich mit ebensolchen aus peinlichen Situationen zu retten. Für den Unterhosenkauf für die pubertierende Tochter gibt man sich als Arzt aus, wird in der S-Bahn von einer falschen Schaffnerin veräppelt, holt die Nachbarskatze vom Baum (sie trägt den Namen des Bürgermeisters), muss sich selbst aber von der Feuerwehr retten lassen. Auf die Tücken des Alltags reagiert man hier mit Berliner Schnauze, und wenn man mal im Geschäft zu freundlich war, hofft man, die Verkäuferin habe es nicht bemerkt. Sehr lustiger Sommerstoff, ein kreatives Vergnügen!

Hansruedi Kugler

Krokodilstränen im ­Haifischbecken

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene.

Kiepenheuer & Witsch, 320 S., Fr. 29.–

ERZÄHLUNGEN Bei grosser Hitze braucht es einen ersten Satz, der richtig einfährt, sonst gibt man schnell der sanften Schläfrigkeit in der Hängematte nach. Eva ­Menasse versteht sich auf die Kunst, mit wenigen Worten verheissungsvolle Plots anzudeuten. Gleich hat sie die Leserin (männliche Leser sind herzlich willkommen) hellwach mit Trompetenstössen wie diesem: «Ihr Jugendfreund Martin ist gestorben, und Tom, die Frau, die auf einem Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkei­urlaub mit Wasserrutschen.» Umso mehr, wenn man das Buch in sicherer Distanz zu solchen Rutschen aufschlägt.

Die Verhaltensweisen moderner Städter in abgesicherten Verhältnissen (aber nicht ganz so gesicherten Beziehungen) sind das Forschungsfeld: Man blickt in Patchworkfamilien, Künstlerkolonien, in den Keller eines alten Patriarchen mit dementer Gattin. Die Inspiration dazu – mal mehr, mal weniger zwingend – stammt aus Zeitungsmeldungen über zoologische Kuriosa. Sie sind den Erzählungen jeweils vorangestellt. In den besten Fällen ist der Zusammenhang nicht so offensichtlich wie in «Opossum», wo ein Regisseur in prekärer Lebenslage zwischen zwei Frauen nächtens einen Wildwechsel zu spät bemerkt. Was ihm vorher passiert, ist spannender, weil rätselhaft. Dabei wird die Erzählerin nicht müde, ihre gnadenlosen kleinen Spitzen zu platzieren.

Bettina Kugler

Wie einer versucht, ein Mauersegler zu werden

Charles Foster: Der Geschmack von Laub und Erde - Wie ich versuchte, als Tier zu leben.

Malik-Verlag, 288 S., Fr. 29.-

SELBSTVERSUCH Ferien – das bedeutet: hinaus in die Natur. In den Garten, ans Wasser, in den Wald. Weg aus der Stadt, weg vom Büro. Auf seine Weise ist auch Charles Foster diesen Weg gegangen, nur mit anderem Ziel. Er wollte erfahren, wie es ist, ein Tier zu sein. Zum Beispiel ein Dachs. Oder ein Mauersegler. Oder ein Hirsch. Und weil es ihm nicht genügte, Bücher zu lesen (was er freilich auch getan hat, sein eigenes steckt voller aufregender Lesefrüchte), ist er zur Tat geschritten. Hat einen Dachsbau ausgehoben und sich darin verkrochen – und sich von Würmern ernährt. Oder sich von einem Gleitschirm in die Höhe tragen lassen, und die Erfahrung gemacht: «Ich bin ein schrecklich langsames Tier. Mauersegler zu sein fällt mir am leichtesten, wenn ich auf der Erde bin.»

So ist dieses Buch: voller philosophischem Staunen über die Natur und voller skurriler Erfahrungen. Man übertreibt nicht, wenn man sagt: Solch wahnwitzige Versuche konnte sich nur ein Engländer antun. Der die Erfahrung macht: Man kann nicht einfach die Seiten wechseln.

Denn etwas vom Menschen, diesem aufrecht gehenden Augentier, bleibt in jeder Versuchsanordnung an ihm hängen. Aber lehrreich, ja fesselnd bleibt sein Reisebericht gleichwohl. Und unterhaltsam. Wenn Sie das nächste Mal einem Käfer zuschauen, werden Sie sich bei Foster’schen Gedanken ertappen.

Rolf App

Der jugendliche Schwung eines Neunzigjährigen

Herbert Blomstedt: Mission Musik.

Henschel-Bärenreiter, 192 S., Fr. 37.–

MUSIK Der schwedische Dirigent und 18. Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt wird am Dienstag neunzig. Er hat eine grossartige Karriere hinter sich, nicht nur in Leipzig, sondern auch bei der Dresdner Staatskapelle oder beim San Francisco Symphony Orchestra. Ein machtbesessener Pultstar war er nie, dafür aber stets ein sein Orchester befeuernder Musiker.

Und genauso unverbraucht, wie er bis heute Musik voll jugendlicher Frische, aber auch geistiger Klarheit macht, gibt er der Musikkritikerin Julia Spinola Auskunft über die Kunst des Dirigierens, das Abenteuer Interpretation und seinen Werdegang als Sohn eines Adventistenpastors. 30 000 Bücher besitzt Blomstedt. Aber nie dozierend, sondern offen und mit entspanntem, weiten Zugang zum eigenen immensen Wissenshintergrund nimmt Blomstedt den Leser mit ins Reich der Musik als universelle Sprache. Das Buch über sein musikalisches Denken ist durch die Interviewform flüssig lesbar.

Emotion und intellektuelle Brillanz paaren sich bei diesem Maestro nicht nur in seinen Interpretationen, sondern auch in seinen Ausführungen über Musik und den Musikbetrieb. Selbstzweifel befielen ihn auch nach über sechzig Jahren Musikmachen immer noch, gibt er zu. Und ein Orchester brauche keinen Beherrscher, sondern jemanden, der ihm «geistige Energie» gebe. Genau das tut Herbert Blomstedt auch noch als Neunzigjähriger.

Martin Preisser

Der Mensch wird sich in Algorithmen auflösen

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von morgen.

C. H. Beck, 576 S., Fr. 37.–

ZUKUNFT Vor 70000 Jahren, als der Mensch die Höhlen verlassen hatte, beginnt die eigentliche Menschheitsgeschichte. Seither hat der Mensch Kulturtechniken wie Ackerbau, Sprache, Buchdruck und Computer erfunden. Nun stehen wir vor einer neuen Stufe, so die These von Yuval Noah Harari. Der Historiker an der Hebräischen Universität in Jerusalem glaubt, der Mensch – vor allem die reiche Elite – strebe nun nach der Unsterblichkeit. Durch Fortschritte in Biotechnologie und künstlicher Intelligenz würde der Homo sapiens zum gottähnlichen Homo Deus avancieren. Hararis Thesen sind gewagt. Der 41-jährige Historiker vermutet sogar, die Menschheit werde sich in Biotechnologie, Algorithmen und Daten auflösen. Der physische Körper werde verschwinden und die Menschen nur noch in Form von Daten existieren. Dass es so weit kommen könnte, liege daran, dass Politik und Gesellschaft Zukunftsvisionen dem Silicon Valley überlasse, wo Grossunternehmen bereits heute am technologischen Übermenschen arbeite.

Wer sich auf Hararis gedankenscharfe, nüchterne, wissenschaftlich fundierte und ironische Erzählweise, seine Gedankenexperimente und Bezüge zur Popkultur einlassen kann, findet in «Homo Deus» ein kluges Buch, das zum Denken anregt. Diesen Lesern wird auch die Frage beantwortet, was Elvis Presley und der ägyptische Pharao gemeinsam haben.

Philipp Bürkler

Wo sich Geld und Lust begegnen

Nora Bossong: Rotlicht. Die Lust, der Markt und wir.

Hanser, 240 S., Fr. 29.–

REPORTAGE Es gibt sie noch, die Rotlichtviertel – auch wenn sich das Geschäft mit dem käuflichen Sex und der Pornografie ins Internet verlagert. Nora Bossong wollte mit eigenen Augen sehen: Sexmessen mit Live-Shows, schmuddelige Swingerclubs, Bordelle. Und herausfinden, was dies mit ihrer und unser aller ­Sexualität macht. Auch den Schweizer Sexkönig Edi Stöckli trifft sie zum Gespräch. Das Resultat ist ein erstaunliches Buch, in dem sich journalistische Genauigkeit und Nachdenklichkeit verbinden: Wie sich angesichts roher Sex-Präsentation Angst und Schamgefühle melden, wie technische Lustarbeit sich zwischen sexueller Freiheit und kapitalistischer Ausbeutung vorführt. So umfassend und klug hat man selten über dieses Phänomen gelesen.

Hansruedi Kugler

Federleichte Tragödie aus dem 19. Jahrhundert

Camillo Boito: Sehnsucht.

dtv,102 S., Fr. 23.–

LIEBESDRAMA Livia heiratet als 22-Jährige einen vierzig Jahre ­älteren Grafen, doch schon auf der Hochzeitsreise in Venedig stürzt sie sich in eine heftige Liebes­affäre mit einem Leutnant. Livia ist Hauptfigur und Ich-Erzählerin in Camillo Boitos Novelle «Sehnsucht», die 1883 erschienen ist und gerade in einer schönen deutschen Ausgabe neu aufgelegt wurde. Contessa Livia gilt als italienisches Pendant zu Madame Bovary, Effi Briest und Anna ­Karenina. Anders als Flaubert, Fontane und Tolstoi aber erzählt Boito das Drama um Ehebruch, verratene Liebe und Rache als federleichte, nicht einmal achtzig Seiten umfassende Novelle. Eine Geschichte voller kunstvoller Andeutungen und Ausblendungen, dennoch glasklar, unmissverständlich und sinnlich.

Beda Hanimann

Mit fantastischen Notlügen gegen die Tücken des Alltags

Horst Evers: Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex.

COMEDY Was man als durchschnittlicher Mitvierziger alles an skurrilen Erlebnissen zu ­berichten hat! In Berlin scheinen sich alle einen Spass daraus zu machen, andere mit fantastischen Notlügen reinzulegen oder sich mit ebensolchen aus peinlichen Situationen zu retten. Für den Unterhosenkauf für die pubertierende Tochter gibt man sich als Arzt aus, wird in der S-Bahn von einer falschen Schaffnerin veräppelt, holt die Nachbarskatze vom Baum (sie trägt den Namen des Bürgermeisters), muss sich selbst aber von der Feuerwehr retten lassen. Auf die Tücken des Alltags reagiert man hier mit Berliner Schnauze, und wenn man mal im Geschäft zu freundlich war, hofft man, die Verkäuferin habe es nicht bemerkt. Sehr lustiger Sommerstoff, ein kreatives Vergnügen!

Hansruedi Kugler

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