FERNSEHEN: Der grosse Auftritt des Klischee-Türken

Dank «Müslüm Television» erhalten Menschen mit Migrationshintergrund ein Sendegefäss im Service public. Kaum ein anderer Komiker kann sein Gegenüber derart entlarven.

Benno Tuchschmid
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Semih Yavsaner (36) ist Müslüm. Und in dieser Rolle wird er ab morgen Freitag sein Unwesen auch im Fernsehen treiben. (Bild: PD/SRF/Roger Reist)

Semih Yavsaner (36) ist Müslüm. Und in dieser Rolle wird er ab morgen Freitag sein Unwesen auch im Fernsehen treiben. (Bild: PD/SRF/Roger Reist)

Benno Tuchschmid

Er habe die Schweiz so getroffen, wie sie sei, sagt Semih Yavsaner. Der 36-Jährige sitzt in einem Zürcher Café und spricht – endlich – über «Müslüm Television». Die neue TV-Sendung seiner Figur Müslüm – ein Roadmovie in vier Teilen fürs SRF. Zuvor hatte Yavsaner über alles andere gesprochen. Seine Nikotin- und Koffeinabstinenz, die Gefahren der virtuellen Welt und Dinge, die so abstrakt klangen, dass einem die Zeit fehlte, um herauszufinden, ob etwas dahintersteckt, weil Yavsaner unterdessen bereits beim nächsten Thema war. Seine Presseverantwortliche seufzte manchmal. Yavsaner ist kein Künstler, der sich an Konventionen hält. Extrem unterhaltsam und total unkontrollierbar. Das sollte das SRF noch zu spüren bekommen.

Ein Spiegelbild der Schweiz

Aber eben. Zurück zu «Müslüm Television». Der Klischee-Türke zu Gast bei den Klischee-Schweizern. Zum Beispiel am Zürcher Sechseläuten. Er sei in seiner Tour de Suisse auf eine «offene, freundliche und tolerante» Schweiz getroffen», sagt Yavsaner. Mit wenigen Ausnahmen, fügt er an.

Die gehen so: Müslüm fragt einen Mann, was das Kreuz im Schweizer Wappen soll. Der Gefragte antwortet: Dort nageln wir die Ausländer dran. «Ich glaube, einige Szenen werden die Zuschauer erschrecken», sagt Yavsaner. Für ihn sei «Müslüm Television» keine Comedy-Show, sondern ein soziokulturelles Experiment. Der Fernseher soll zum Spiegelbild der Schweiz werden. Könnte sein, dass einem da statt einer anatolischen Monobraue ein paar hässliche Schweizer Fratzen entgegen­starren.

Ein nationales Phänomen

Die Sendung «Müslüm Television» ist der vorläufige Höhepunkt in der Karriere von Semih Yavsaner. Die Figur mit Monsterschnauz und buschigen Augenbrauen ist ein nationales Phänomen. Auf allen Kanälen erfolgreich. Seine beiden Alben «Süpervitamin» und «Apochalüpt» standen beide oben in den Charts. Seine Konzerte sind voll. Auf Youtube hat er über 10 Millionen Clicks. Und jetzt auch noch eine SRF-Sendung.

Müslüm hat eine steile Karriere hinter sich. Er entstand 2007 für den Berner Mitmach-Radiosender RaBe – als Telefonscherz. Bereits in den frühen Episoden zeigte sich, was Yavsaner als Künstler ausmacht: Schlagfertigkeit. Liebe zur Sprache. Und die Fähigkeit, sein Gegenüber zu entlarven. Alles Stärken, die auch in den Rap-Übungskellern etwas zählten, in denen Yavsaner sozialisiert wurde. Bis heute zählt alles, was im Berner Mundart-Rap Rang und Namen hat, zu seinem Umfeld. Lo & Leduc, Eldorado FM, Greis.

Nischendasein hat ihn geprägt

Der breite Erfolg Müslüms hat für den Künstler Yavsaner eine Kehrseite: Müslüm wird gern verniedlicht. Beim Lachen über den türkischen Akzent, für den Yavsaners Vater als Inspiration diente, überhören viele seine gesellschaftskritische Botschaft. Und das, obwohl er sie nicht im Geringsten kaschiert. Gegenüber Journalisten wiederholt er gern Sätze wie «Besitz sollte man immer in Anführungszeichen setzen.» Yavsaner sagt: «Bei allem, was Müslüm macht, geht es darum, dass alle Menschen gleich sind.» Doch die Masse hört einfach «bambele».

Dass nicht alle gleich sind, weiss Yavsaner aus eigener Erfahrung. Er selbst ist anders. In jeglicher Hinsicht. Sohn türkischer Einwanderer. Vater Abwart, Mutter Spitex-Angestellte. Ausländerausweis C. Das Nischendasein hat ihn geprägt. Er sei in der Schweiz geboren, er liebe dieses Land. «Ich muss ständig beweisen, dass ich dazugehöre. Stattdessen würde ich lieber darüber diskutieren, was ich in diesem Land bewirken kann.»

Welt voller Kompromisse

Das ist eine Haltung, die Jugendliche mit ähnlichem Hintergrund anspricht. Granit Xhaka und Breel Embolo sind Müslüm-Fans. Junge Männer, die die Beweislast kennen, die auf Menschen mit Migrationshintergrund drückt.

Immerhin: zum Service public gehört Müslüm ab 1. April. Die Dreharbeiten verliefen erwartungsgemäss alles andere als reibungsfrei. Hier der chaotisch-kreative Müslüm, dort das durchstrukturierte Leutschenbach. Yavsaner und die SRF-Verantwortlichen stritten unter anderem darüber, ob es für die Sendung einen Regisseur braucht oder nicht. Das SRF setzte sich durch. Die Welt des gebührenfinanzierten Fernsehens ist eine Welt voller Kompromisse. Vielleicht ist Yavsaner auch deshalb nicht vollends zufrieden mit dem Resultat. «Vom Potenzial her könnten wir uns noch viel potenter entfalten», sagt er. Die Sendung sei okay, aber noch nicht grossartig. Trotzdem: Eine zweite Staffel ist bereits beschlossen.

Neue Comedy- Formate im Test

Das SRF testet neben «Müslüm Television» zwei weitere neue Comedy-Formate. Ab 29. April läuft das Format «Headhunter», moderiert von Anet Corti und Michel Gammenthaler. Ab dem 27. Mai strahlt das SRF dann die Late-Night-Show «Deville» des Luzerners Dominic Deville aus. Alle auf demselben Sendeplatz, Freitagnacht um 23.45 Uhr. Rolf Tschäppät, Bereichsleiter Comedy und Quiz, nennt den späten Sendeplatz «einen Ort, um zu experimentieren». Von den drei Formaten werden vorerst je vier Folgen produziert. Sowohl bei «Deville» als auch bei «Müslüm Television» ist klar, dass eine weitere Staffel folgen wird.

«Müslüm Television». 1. April, 23.45 Uhr. SRF 1; srf.ch/müslümtv