FERNSEHEN: Der Samstagabend wird hochtouriger

Die Castingshow «The Voice of Switzerland», die am Samstag startet, entspricht exakt dem Trend heutiger TV-Unterhaltung. Und das liegt vor allem an uns Zuschauern.

Arno Renggli
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Ein Blick auf die Bühne, wo sich ab heute die Kandidaten messen werden. Die Coaches (hier Philipp Fankhauser und Stefanie Heinzmann) hören dabei zuerst nur deren Stimmen. (Bild: Paolo Foschini, SRF)

Ein Blick auf die Bühne, wo sich ab heute die Kandidaten messen werden. Die Coaches (hier Philipp Fankhauser und Stefanie Heinzmann) hören dabei zuerst nur deren Stimmen. (Bild: Paolo Foschini, SRF)

Man muss gar nicht bis zum «Teleboy» zurückdenken, dessen Einschaltquoten heute ein illusorischer Traum sind. Auch «Benissimo» etwa holte in seinen besten Zeiten bis zu einer Million Zuschauer ab. Es war die Ära der grossen TV-Kisten, die als einzelne Grossereignisse alle sechs, sieben Wochen kamen und Selbstläufer waren. Diese Ära ist noch gar nicht so lange her. Aber zu Ende ist sie, was nur schon der Blick auf die Schweiz zeigt: Bei «Wetten, dass ...?» ist man ausgestiegen, «Benissimo» wurde abgesetzt und nicht ersetzt, dazwischen gab es Flops wie «Ein roter Teppich für ...».

Seit einigen Jahren gibt anderes den Ton an: Castingshows, Wettbewerbe wie «Die grössten Schweizer Hits» oder «Kampf der Chöre», Best-of-Sendungen wie «Gipfelstürmer». Wobei das Schweizer Fernsehen viele dieser Sendungen zunächst vorsichtig am Sonntagabend brachte und höchstens mal die Finalshow als Samstagabend-würdig erachtete. Während etwa «Deutschland sucht den Superstar» schon vor über zehn Jahren am Samstagabend kam, liefen die vier «MusicStar»-Staffeln von SRF noch weitgehend am Sonntag. Erst mit «Die grössten Schweizer Talente» wechselte man auf den Samstag. Und an dieses Konzept schliesst «The Voice of Switzerland» nun nahtlos an.

Woran aber liegt es, damit man in der TV-Unterhaltung gerade für den Samstagabend zunehmend auf Events setzt, die dann oft mehrere Wochen laufen, bei «The Voice» über fast zwei Monate?

Samstagabend als Problemzone

Sicher hat es damit zu tun, dass der Samstagabend TV-mässig zur «Problemzone» geworden ist. Das Publikum, das schön brav und womöglich im Familienverbund vor dem Fernseher sitzt, wird kleiner. Denn wir heutigen TV-Zuschauer sind zunehmend selbstbewusst, kritisch und weniger markentreu.

Noch eher ein Selbstläufer ist der Sonntag, etwa mit dem «Tatort». Die Zuschauer aber am Samstag bei der Stange zu halten, gelingt immer weniger im sanften Rhythmus. Man muss hochtouriger einfahren. So bestätigt Christoph Gebel, Abteilungsleiter Unterhaltung SRF: «Durch Staffeln kann vor allem eine Publikumsbindung erreicht werden.» Und «The Voice of Switzerland» begnügt sich nicht nur mit dem Samstag. In der wichtigen Anfangsphase, wo man das Publikum an Bord holen will, kommt der Mittwoch dazu.

Aber es braucht auch inhaltliche Anreize: starke Emotionalisierung, Identifikation mit Akteuren, Wettkampfstrukturen. Dazu Gebel: «Über mehrere Wochen steht das Kompetitive im Vordergrund, Geschichten werden weitererzählt, etwa über Kandidaten, die sich steigern. Und am Schluss gibt es einen Sieger. Das ist beim Publikum, vor allem dem jüngeren, beliebt.»

All dies entspricht dem Kampf um die beschränkte, weil heute vielfach abgelenkte Aufmerksamkeitspanne der Konsumenten: Kurz, aber heftig muss es sein, begleitet von kondensierter PR-Power. Und natürlich ist gerade den Jungen auch die Interaktivität wichtig, etwa mittels Votings.

Ein anderer Grund, weshalb Staffelshows für die Sender attraktiv sind, ist ihre Herstellungseffizienz. Natürlich ist ein Format wie «The Voice» enorm aufwendig. Aber daraus resultieren ein Dutzend Sendungen, die meisten davon als vorproduzierte Konserven, was vermutlich günstiger ist, als wenn man zwölf separate Shows produzieren müsste, was laut Christoph Gebel allerdings von der Art der Show abhängt.

Auch mal kampflos

Eine der «billigsten» Samstagabendkisten war wohl die «Gipfelstürmer»-Reihe im letzten Herbst, wo eine Promirunde jeweils ein Ranking der besten Schweizer TV-Momente, Filme, Songs und legendäre Personen kommentierte. Ein wenig Fleissarbeit im Archiv, und die Show funktionierte tadellos.

Nicht immer aber läuft es so einfach. Und kaum ein Sender kann es sich heute leisten, den Kampf um den Samstagabend jede Woche zu führen. Da darf es ab und zu mal eine Rosamunde-Pilcher-Verfilmung sein, wo man sich mit älterem Stammpublikum zufrieden gibt. Um dann punktuell gezielt aufs Gaspedal zu treten. Ob diese Rechnung mit «The Voice» aufgeht? Die Erfahrungen im Ausland zeigten jedenfalls, dass gerade dieses Format alles hat, was erfolgreiche TV-Unterhaltung heute braucht.