FERNSEHEN: «Gotthard» – eine Reise in die Enge

Mit dem monumentalen Zweiteiler «Gotthard» wagt sich SRF an die Geschichte um den Bau des alten Eisenbahntunnels. Da wird selbst der Sprengstoff-Transport zum Krimi.

Hansjörg Betschart
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Der Unternehmer Louis Favre (Carlos Leal, hinten) lässt sich in den Gotthardtunnel fahren. (Bild: SRF/Julie Vrabelova)

Der Unternehmer Louis Favre (Carlos Leal, hinten) lässt sich in den Gotthardtunnel fahren. (Bild: SRF/Julie Vrabelova)

Noch geht in Göschenen die Post ab. Doch bereits sind die Weichen für die Zukunft gestellt. Der Fuhrmann liefert der Eisenbahn auf dem Fuhrweg ein Rennen. Doch der Ausgang ist absehbar. Der Zug ist abgefahren. So fängt «Gotthard», das Historien-Epos von Urs Egger über den Bau des ersten, 1882 längsten Eisenbahntunnels der Welt, an. Mit einer ersten, kleinen Episode deutet Egger an, was er mit seinem dreistündigen Blick auf die Geschichte will – Geschichten erzählen.

Tatsächlich haben mehrere technologische Abenteuer die Baudauer verkürzt und die Geschichten geliefert: Der Tunnelbauunternehmer Favre konnte bei Eingabe des Projektes 1870 nur ahnen, dass diese Erfindungen Wirklichkeit würden: Man kannte die Druckluftbohrer noch nicht, die Dynamitstange, die luftdruckbetriebene Dampflok, das Mikroskop. Am Ende konnte keine einzige dieser Technologien die Opfer wieder lebendig machen. Auch Favres Bankrott liess sich nicht abwenden.

Verzicht auf historischen Ballast

Egger macht mit seiner Bildwahl immer deutlich, wohin die historische Reise führt. In die Enge. Der Tunnelbau in Göschenen ist bereits im Gang. In den Felsen hallt das Echo der grossen Wettbewerbe jener Tage: Man kämpft auch in Göschenen um Einfluss, gegen die Zeit. Gegen den Berg. Um Geld. Und die Liebe.

Stefan Dähnert, der das Drehbuch geschrieben hat, erspart uns historischen Ballast. Er führt uns am Schicksal der Arbeiter vor, wie die Dörfler damit leben lernen, dass sich innert Monaten Tausende meist italienische Einwanderer einfinden, um für die Gotthard SA zu arbeiten. Und wie Tausende alle Standards der Zivilisation aufgeben müssen, um an dem Abenteuer beteiligt zu bleiben.

Wo der alte Fuhrmann sich dagegenstellt, erkennt seine Tochter die Zeichen der Zeit. Sie führt zwei Neuankömmlinge in einen Verschlag im Estrich ihres Vaters. Dort wohnen die beiden. Max, der Ingenieur, und Tommaso, der Mineur. Dass sich daraus eine Liebe entwickelt, darf man erwarten. Mirjam Stein spielt dieses lebenskluge, weibliche Zentrum der Liebesgeschichte mit bedachter Abenteuerlust. Maxim Mehmet und Pasquale Aleardi sind die rivalisierenden Partner. Aus der weitergehenden Männerfreundschaft wird eine Männerrivalität, die sich in die Konflikte der Bauleitung einreiht.

Prominent besetzter Cast

Prominent besetzt ist auch der restliche Cast. Max Simonischek rackert sich als ehrgeiziger Buchhalter an die Unternehmensspitze. Auch Roeland Wiesnekker bringt als Dorfgendarm die sozialen Spannungen auf den Punkt. Carlos Leal liefert mit seiner Studie des schwärmerischen Unternehmers Favre ein faszinierendes Zentrum des Films. Mit Akribie werden so Lebensumstände und Fakten rund um den Tunnelbau ins Bild gesetzt, die leicht vergessen gingen, samt dem bewaffneten Vorgehen gegen Streikende.

Egger nutzt dabei bewährte Grundkonstellationen des historischen Epos. Rivalisierende Liebhaber. Selbstlose Schwärmer. Abenteurer. Leichte Damen. Das Personal ist reich an ­Figuren, wie sie sich in den ­Geschichten der 1870er-Jahre auch in der Literatur fanden. Das liefert grosse Emotionen. Und viel Gründerzeitpathos.

Stark ist die Dramaturgie vor allem dort, wo die technologischen Neuerungen Spannungsbögen liefern. So soll der Nitroglyzerin-Transport von Fuhrmännern des Dorfes durch- geführt werden. Dass der Gefrierpunkt von Nitroglyzerin bei 13 Grad liegt, wissen sie nicht. Da wird der Antransport der Sprengstoffe zum Thriller. An anderer Stelle werden die Mineure mit veralteten Dampfbohrern in den Berg geschickt. Sie prallen glühend am Granit ab.

Es sind meist Bilder der Enge, die Egger wählt. Es fehlen die weiten Bilder. Ganz selten darf die Natur dort oben in den Bergen eine Hauptrolle spielen. Nur die Gespräche zwischen Anna und Max setzt Egger vor einen ­offenen Himmel. Auch wenn am Ende kaum Weite bleibt, so umfasst der Fernsehfilm eben gerade damit die Weite des Abenteuers. Die Dorfprostituierte formuliert es überspitzt: «Die Männer starren alle nur auf ­dieses Loch. Und alle wollen sie hinein!»

Hansjörg Betschart
kultur@luzernerzeitung.ch