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FERNSEHEN: Sylvia Caduff schrieb Geschichte

Der Film «Maestras – der lange Weg der Dirigentinnen ans Pult» konfrontiert die Luzerner Pionierin Sylvia Caduff mit dirigierenden Frauen des diesjährigen Lucerne Festival Sommer.
Fritz Schaub
Die Dirigentinnen Sylvia Caduff (links) und Konstantia Gourzi. (Bild: SRF/Accentus Music/Michael Boomers)

Die Dirigentinnen Sylvia Caduff (links) und Konstantia Gourzi. (Bild: SRF/Accentus Music/Michael Boomers)

1955 erhielt die in Kriens wohnhafte Pianistin und Dirigentin Hedy Salquin einen Brief vom Hessischen Rundfunk mit den Worten: «Sehr geehrter Herr Salquin, obwohl Sie eine Frau sind, reden wir Sie mit Herr an. Ausserdem haben wir für Sie keine Verwendung.» Es ist Hedy Graber, ihre Tochter, die diesen Brief 1984 in einer Sendung des Schweizer Fernsehens zitiert. Wie steht es heute, rund 60 Jahre später? Das Schweizer Fernsehen nutzte die Gelegenheit, die ihm das Lucerne Festival mit seinem diesjährigen Sommer-Motto «Primadonna» und den Auftritten von knapp einem Dutzend Dirigentinnen bot, zu einem fast einstündigen Film, der am Sonntag, 9. Oktober, unter dem Titel «Maestras – der lange Weg der Dirigentinnen ans Pult» in der Sternstunde ausgestrahlt wird.

Erfolg versprechende Anfänge

Wenn man sich diese brüske Absage vor Augen hält, nimmt man den Weg, den Sylvia Caduff etwa zehn Jahre später als Salquin gegangen ist, beinahe ungläubig zur Kenntnis. Die in Chur aufgewachsene Luzernerin berichtet gleich zu Beginn des Films in ihrer Wohnung im Bellerive­quartier, wie die letzten 400 Plätze im Nu weggegangen seien, als vor einigen Jahren ein Konzert in Luzern mit ihr angekündigt wurde, das sie als Einspringerin für einen erkrankten Dirigenten übernommen hatte. Darüber konnte sie sich riesig freuen.

Die vitale, ihre bald 80 Jahre glatt verleugnende Frau kramt in Erinnerungsdokumenten, die zeigen, wie Erfolg versprechend ihre Anfänge waren in einer Zeit, die Frauen am Dirigentenpult alles andere als günstig gesinnt war. Sie hält eine Fotografie in der Hand, auf der man sie 1955 «als schüchternes Mädchen» (O-Ton Caduff) zusammen mit anderen Kursteilnehmern am Dirigentenkurs in Siena sieht, darunter Zubin Mehta und Claudio Abbado. Zwei bekannte Dirigenten rieten ihr 1966, nach New York zum renommierten Mitropoulos-Dirigentenwettbewerb zu fahren, wo Leonard Bernstein Jurypräsident sei, was sie auch tat und prompt den ersten Preis gewann.

Begegnung mit Karajan und Bernstein

Die Preisträgerin musste sich damit für ein Jahr als Assistentin von Leonard Bernstein bei den New Yorker Philharmonikern verpflichten. Bernstein bemerkt in dem Filmausschnitt, in dem er Sylvia Caduff als Dirigentin ankündigt, jetzt gebe es nur noch ein Hindernis für sie: Sie müssten die Statuten des Orchesters ändern, denn in diesen stehe, dass keine Frau das Orchester dirigieren dürfe. Da wird einem bewusst, wie die junge Dirigentin damals Geschichte schrieb.

Fast im selben Jahr, in dem Hedy Salquin den Absagebrief erhielt, hatte Sylvia Caduff bereits als Hospitantin am Dirigierkurs Karajans im Rahmen der Internationalen Musikfestwochen Luzern teilgenommen, nachdem sie den Mut gehabt hatte, dem Stardirigenten direkt ihren Wunsch vorzubringen. «Eigentlich machen die Frauen das nicht, aber warum nicht, kommen Sie einfach vorbei», meinte er. In der Folge nahm sie auch in Berlin an seinen Meisterkursen teil. Sie liest ein Empfehlungsschreiben Karajans vor: «Ich konnte mit Freude sehen, dass sich die fraglos von Anfang an sichtbare Begabung zu einer wirklichen Beherrschung des Orchesters und zu künstlerischer Vertiefung entwickeln konnte. Ich hoffe, dass Ihr einziges Handicap, nämlich eine Frau zu sein, sich nicht nachteilig auf Ihre Laufbahn auswirken wird.»

«Das hat man 1965 noch sagen müssen», bemerkt Caduff trocken. Bei der ersten Begegnung in Luzern hatte ihr der damals berühmteste Dirigent noch gesagt: «Sind Sie bereit, alles auf sich zu nehmen, was in diesem Beruf auf Sie zukommt?», was sie ohne Zögern bejaht. Sylvia Caduff: «Er erkannte sofort, dass es mir völlig ernst war.» Die Wettbewerbsgewinne öffneten ihr die Tore zu den Konzertsälen der Welt, und sie dirigierte in der Folge in Amerika, Südafrika und Asien sowie in fast allen europäischen Ländern Orchester. 1978 sogar als erste Frau überhaupt die Berliner Philharmoniker.

Weil es sie drängt, selbst ein Orchester aufzubauen, nimmt sie 1977 eine feste Stelle an und wirkt bis 1986 als Generalmusikdirektorin des Städtischen Orchesters Solingen, das sie aber nach neun Jahren erschöpft verlässt, weil sie mangels genügender Finanzen praktisch alle Konzerte selber leiten musste. Eine historische Videoaufnahme des Orchesters zeigt die Dirigentin in der charakteristisch schnörkellosen Haltung mit klarer, suggestiver Zeichengebung.

«Bist du verrückt?»

Der Film fragt auch, ob und wenn ja welchen Widerständen Sylvia Caduff als Frau beim Orchester begegnete. Sie verneint solche nicht, tut diese im Gespräch mit der Griechin Konstantia Gourzi jedoch eher als nebensächlich ab. Wohl hätten am Anfang Musiker gelegentlich Witze gemacht oder gelächelt, aber nach einer halben Stunde sei es vorbei gewesen. Sie erklärt im Rückblick, ihr Schutz sei eine gewisse Naivität gewesen. Sie habe sich halt ganz auf die musikalische Arbeit konzentriert, ohne sich der Macht über das Orchester bewusst zu sein oder sich als Frau in einem Männerberuf zu fühlen.

Sylvia Caduff ist überzeugt, dass man, die nötige Liebe und Leidenschaft für die Musik vorausgesetzt, sich von äusseren Widerständen, die auch heute teilweise bestehen, nicht abhalten lassen sollte. Sylvia Caduff, die stets die Antwort «Bist du verrückt?» erhielt, wenn sie erklärte, sie wolle Dirigentin werden, ist dafür das beste Beispiel.

Caduff ist im Film omnipräsent, sei es in früheren Fernsehinterviews, in alten Fotos oder in Aktionen als Dirigentin. Die Kamera ist ihr am Lucerne Festival des vergangenen Sommers dicht auf den Fersen. Man sieht sie als aufmerksame Zuhörerin bei Proben und Konzerten im KKL, in direkten Begegnungen mit Damen, die heuer am Lucerne Festival ­dirigierten, neben Konstantia Gourzi mit der Kanadierin Barbara Hannigan und der Estin Anu Tali. Mit zweien aber kommt es zu besonders herzlichen Begegnungen: in gegenseitigem Respekt mit einer älteren, der Amerikanerin Marin Alsop, und mit schier grenzenloser Empathie mit einer jungen, der litauischen Dirigentin Mirga Grazinyté-Tyla, die in diesen Tagen die Nachfolge von Simon Rattle und Andris Nelsons beim City of Birmingham Symphony Orchestra antritt (sie kommt mit diesem Orchester im nächsten Jahr erneut nach Luzern).

Das ist jene, die im Film freimütig bekennt: «Ich fühle mich in diesem herausfordernden Beruf sehr wohl und bin überhaupt nicht benachteiligt.» Und es ist jene, die bei Sylvia Caduff den stärksten künstlerischen Eindruck hinterlässt. In der Tat: Selbst am Bildschirm kommt das Charisma dieser erstaunlichen Frau unmittelbar herüber, wenn sie mit dem Gustav Mahler Chamber Orchestra Ausschnitte aus Beethovens «Pastorale» mit einer Leichtigkeit und Effizienz dirigiert, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, und man sich gar nicht fragt, ob eine Frau am Werk sei. Eine Naturbegabung eben, wie Sylvia Caduff meint.

Fritz Schaub
kultur@luzernerzeitung.ch

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