FERNSEHEN: «Will ich das lesen»? Der «Literaturclub» hilft

Vor 25 Jahren wurde der «Literaturclub» von SRF erstmals ausgestrahlt. Seither gab es Höhen und Tiefen. Und Überraschungen.

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Nicola Steiner ist die aktuelle Moderatorin des «Literaturclubs» und auch heute Abend zu sehen. (Bild: SRF)

Nicola Steiner ist die aktuelle Moderatorin des «Literaturclubs» und auch heute Abend zu sehen. (Bild: SRF)

In ihrer letzten Sendung am 15. September diskutierten Christine Lötscher, Martin Ebel und Rüdiger Safranski mit der Moderatorin Nicola Steiner unter anderem den kontroversen Roman «Unschuld» von Jonathan Franzen. Nicolas Steiner umreisst die Handlung dieses rasanten, witzigen, interessanten Buchs.

Dann fragt sie Christine Lötscher, ob sie es ebenso gern weggeben würde wie das letzte von Jonathan Franzen. «Oh ja», sagte Christine Lötscher. «Franzen kann schreiben, ohne Frage», erklärte sie. «Aber ‹Unschuld› ist ein Buch ohne Geheimnis. Und unglaublich belehrend.» Dann redete sich Rüdiger Safranski ins Feuer, auch er auf der kritischen Seite. Bis Martin Ebel dann mit seinem überschwänglichen Lob wieder einen Kontrapunkt setzt.

Heute mit Daniel Cohn-Bendit

So geht es zu im «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens, und zwar seit 25 Jahren. Heute steht die Jubiläumssendung an, mit Daniel Cohn-Bendit, einem der früheren Moderatoren, als Gast. Und mit Büchern, die ein ebenso kontroverses Echo finden werden wie «Unschuld». Dafür werden schon die beiden Antipoden Elke Heidenreich und Philipp Tingler sorgen. Und Bücher wie Martin Amis’ «Interessengebiet» oder «Ignoranz als Staatsschutz?» von Max Frisch.

Zurück zur klassischen Form

Der «Literaturclub» hat seine Höhen und Tiefen erlebt. Davon können seine Moderatorinnen und Moderatoren Elke Heidenreich, Daniel Cohn-Bendit, Jürg Acklin und Stefan Zweifel nicht nur eines, sondern gleich mehrere Lieder singen. Dass das Schweizer Fernsehen die Sendung niemals eingestellt oder zumindest unterbrochen hat, muss dem Sender als grosses Verdienst angerechnet werden. Er hat Experimente gewagt mit allerlei Einspielfilmen, ist aber dann zurückgekehrt zu jener klassischen Form, mit der jetzt auch in Deutschland das «Literarische Quartett» neu gestartet ist: vier Kritiker, vier Bücher und, wenn es gut kommt, vier Meinungen. Denn Literaturkritik ist keine harte Wissenschaft. Es geht in ihr nicht um wahr oder falsch – sondern bestenfalls darum, ob ein Buch sein selbst gestecktes Ziel erreicht.

Fernsehen ist ein rasches Medium, da hat es eine so langsame, so unspektakuläre Sendung naturgemäss schwer. Nicola Steiner allerdings macht vor, wie sich diese beiden Handicaps ausgleichen lassen. Erstens mit einer klugen Auswahl ihrer Diskussionspartner. Dass deren Kombination wechselt, trägt zur Attraktivität bei. Zweitens spielt eine Rolle, worüber man diskutiert. Immer wieder wartet der «Literaturclub» mit Überraschungen auf, und: Es sind darunter keineswegs nur Bücher von 400 Seiten aufwärts. Schliesslich kommt es darauf an, wie sie die Debatte lenkt, dominante Gemüter bändigt und den zurückhaltenden Geistern Raum verschafft.

Bei Jonathan Franzens «Unschuld» gelang das beispielhaft. Am Ende hat jeder Zuschauer ein recht vielschichtiges Bild und kann die Frage beantworten: Will ich das jetzt lesen?

Rolf App

Hinweis

Literaturclub: Heute 22.20 Uhr, SRF 1.