FESTIVAL: Beethoven als klappernde Geistermusik

Beethovens Fünfte auf Baumarkt-Instrumenten: Der KKL-Konzertsaal war zur Hälfte voll und das Experiment schon dadurch ein Grosserfolg.

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Ein Ernstfall, der Spass macht: Studenten der Festival Academy mit den Bastelinstrumenten im Konzertsaal. (Bild: LF/Stefan Deuber)

Ein Ernstfall, der Spass macht: Studenten der Festival Academy mit den Bastelinstrumenten im Konzertsaal. (Bild: LF/Stefan Deuber)

Geht die Pauke gleich beim ersten Schlag des berühmten «Ta-ta-ta-taaa» kaputt? Oder brechen die Hälse der Streichinstrumente auseinander, wenn Musiker der Lucerne Festival Academy darauf Beethovens fünfte Sinfonie mit dem ganzen Revolutions-Furor spielen, den Beethoven da hineinkomponierte?

Die Antwort darauf gab gestern die Aufführung des bisher spektakulärsten «Soundzz.z.zzz...z»-Projekts, mit dem Lucerne Festival und das Kunstmuseum Luzern Musik und Kunst zusammenbringen. Der Künstler Johannes Willi baute dafür aus Baumarktmaterialien wie Sperrholz, Kupferrohr oder Draht 48 Instrumente für ein Beethoven-Orchester nach, die im Kunstmuseum bereits zu sehen waren (Ausgabe vom 13. August).

Der einalkulierte Schock

Gestern morgen wurde in der Performance getestet, was geschieht, wenn – so Willi – diese Bastelei in die Hände von Profis gerät. Die Ausgangslage erinnerte an Happenings und Aktionskunst der 60er Jahre, in denen reale Instrumente zertrümmert wurden, um die Voraussetzungen von Kunst und den Kult um sie provokativ zu hinterfragen.

Da sassen sensationelle 900 Zuhörer im Konzertsaal des KKL, und waren wohl – ein erster Erfolg – so gespannt auf die Fünfte wie Besucher nie mehr seit der Uraufführung des Werks. Dann, mit dem ersten Ton, kam der einkalkulierte Schock: Die Streichinstrumente klangen überhaupt nicht! Sie gaben nur klappernde und rumpelnde Geräusche her, wenn die Musiker sie wie echt traktierten. Bei den Bläsern schimmerte schief immerhin das Original durch und erinnerte über allen Spass hinweg an die Diskrepanz zwischen hehrem Kunstobjekt und seinem Ausverkauf in der Billigvariante.

Experiment mit Grenzen

Der Dirigent Mariano Chiacchiarini agierte, wie es John Cages berüchtigtes Stück «4’33» vom Musiker verlangt, der am Instrument grosse Gesten, aber keinen Ton hervorbringen darf. Und wie bei Cage wird in Willis Projekt nicht nur Kunstausübung als Projektion entlarvt, sondern die Aufmarksamkeit auf die Musik der Nebengeräusche gelenkt, wenn von Beethoven nur die Geistermusik handwerklicher Klappergeräusche übrigblieb.

Das machte 25 Minuten lang Spass, aber radikal zu Ende gedacht war die Performance – etwa in der Beschränkung auf konventionelle Spielweisen – nicht. Die Pauke bekam zwar beim ersten Schlag Schräglage, wurde aber so behutsam traktiert, dass sie bis zum Schluss wummerte. Von anderen Instrumenten flog höchstens ein Stückchen Holz durch die Luft. Am Schluss blieben sie intakt wie fürs Museum, wo sie noch bis zum 13. September zu sehen sind.

Revolutionärer als die Performance selbst schien so die tolle Stimmung im bunt gemischten Publikum, wie man es im Konzertsaal und bei Beethoven kaum je erlebt hat. Damit öffnete dieses Experiment viele Türen. Aber selbst hier stiess es an seine Grenzen, wenn das Saalpersonal wie üblich Besucher anwies, keine Kittel über Rückenlehnen zu hängen. Da war er gerade nochmals da, der hehre Kunsternst, bevor Willi ihn auf der Bühne auf die Schippe nahm.

Urs Mattenberger