Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

FESTIVAL DA JAZZ: Die Klangmesse eines Genies

Jacob Collier ist erst 22 Jahre und fegt alleine jede Grossband von der Bühne. Das Konzert des ­unfassbar talentierten Briten im Dracula Club in St. Moritz war wie ein Blick in die Zukunft des Jazz.
Michael Hasler
Hat fast zu viele Begabungen für nur eine Person: Jacob Collier in St. Moritz. (Bild: Giancarlo Cattaneo)

Hat fast zu viele Begabungen für nur eine Person: Jacob Collier in St. Moritz. (Bild: Giancarlo Cattaneo)

Michael Hasler

Es ist kurz nach neun und selbst der sonst so eloquente Direktor des Festival da Jazz, Christian Jott Jenny, tut sich einigermassen schwer, das zu beschreiben, was in den kommenden zwei Stunden auf das Publikum in St. Moritz zukommen wird. Sein treffsicherster Satz folgt am Ende. «Die Lüftung müssen wir für einmal nicht ausmachen, es wird ohnehin so laut. Aber keine Sorge, wir verteilen im Zweifelsfall auch Ohrstöpsel.» Jennys Worte jagen keine Pointen, sondern künden an, was kurz darauf als brachiale Klangwand auf das altersmässig gut durchmischte Publikum zuwalzt.

Ein Irrer, der keine musikalischen Grenzen kennt

Jacob Collier spurtet in den Raum, gekleidet wie ein Open-Air-Frischling, der am Batik-Verkaufsstand ordentlich ausgenommen wurde. Schon animiert er sein Publikum zum Mitklatschen, setzt sich dann ans Klavier, bearbeitet Sekunden später den Bass, mischt perkussive Klänge bei und prügelt dann auf das Schlagzeug ein, als ob es kein Morgen und schon gar keine Grenzen gäbe. Alles vermengt sich dank cleverer Loop- und ­Vocal-Harmonizer-Technik zu einem Klangberg, der einen zu erdrücken scheint. Dann schält sich langsam Stevie Wonders Hit «Don’t you worry bout a thing» heraus.

Collier bewältigt nicht nur die Leadstimme spielerisch zwischen Falsett und Bass, sondern erzeugt dank einer speziell entwickelten Harmonizer-Maschine gleichzeitig auch alle Chorpassagen. Der Song wummert in der Folge sicher zehn Minuten vor sich hin, vereint mehrere Mitklatschparts und Solis auf diversen Instrumenten. Collier dürfte die ersten 150 Kalorien des Abends abgearbeitet haben. Das Publikum staunt, will nicht glauben, dass hier ein in wenigen Wochen 23-jähriger Brite ganz alleine eine One-Man-Show orches­triert die ganze Grossbands locker wegdrücken würde. Das Tempo bleibt weiterhin hoch, die Soundwände kein bisschen transparenter. Nach zwei Songs wird nachvollziehbar, wieso sich auch gestanden Journalisten die immer gleichen Phrasen zu Collier gegenseitig abschreiben. Denn das, was er tut, gab es in dieser Konsequenz, dieser Dichte und in dieser Vollkommenheit weder im Jazz noch sonst wo jemals zuvor.

Der «Guardian» bezeichnete ihn als Messias des Jazz, sein Manager Quincy Jones als den talentiertesten Musiker, den er je getroffen hatte. Und Jamie Cullum, der am Vorabend auf dem En­gandiner Ausflugsberg Muottas Muragl ein grandioses Konzert gegeben hatte, hält ihn für einen der fünf talentiertesten Menschen auf dem Planeten.

Das klingt alles so grossartig, dass man die gesamte Geschichte dieses Youtube-Künstlers gerne zerschlagen würde. Dass man ihm gerne vorwerfen würde, seine Musik nicht in einem sechs Quadratmeter grossen Zimmer im Haus seiner Eltern in London erarbeitet und produziert zu haben. Dass man immer dann, wenn er seinen autodidaktischen Weg erwähnt, sein Studium als Jazzpianist an der Royal Academy of Music sowie die Musikerkarrieren seiner Eltern einwerfen möchte. Und auch seinen unerwarteten Erfolg im Netz möchte man mit seiner minutiösen Karriere als Kinderstar in gleich mehrere Medien konterkarieren.

Und doch, nach einem Abend mit ihm will man dies alles ausblenden. Es ist bedeutungslos. Denn was er hier in der Intimität von 150 staunenden Gästen abzieht, ist einerseits Hochleistungssport und andererseits nichts, aber auch gar nichts weniger, als die Klangmesse eines Genies. Und wie und wo soll man ihn einordnen? Vielleicht würde ein blutjunger Prince heute so klingen. Brian Wilsons klangliche Vorstellungswucht dürfte in etwa jener von Collier entsprechen. Aber letztlich sind das alles nur vage Annahmen.

Die Zukunft auf Youtube finden

Sicher ist, dass das Festival da Jazz in seinem zehnten Jahr mit Künstlern wie Jamie Cullum und Jacob Collier angedeutet hat, wohin sich dieses Festival entwickeln könnte – und wohl auch muss. Vielleicht sollte der künstlerische Leiter Christian Jott Jenny mit Blick auf die Zukunft seine Energie doch weniger auf seinen launischen Wunschkandidaten Keith Jarrett konzentrieren und sich öfter auf Youtube rumtreiben. Ob bewusst oder nicht: mit Collier hat er so etwas wie die Zukunft des Jazz und womöglich seines Festivals bereits einen Abend lang erprobt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.