FESTIVAL: Der Berg ruft, die Musik kommt

Die «Königin der Berge» hat es ihr angetan. Deshalb hat die Bratschistin Diemut Poppen auf der Rigi Musiktage für Kammermusik ins Leben gerufen.

Fritz Schaub
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Beeindruckt von der «Ruhe und Harmonie» auf der Rigi: Bratschistin Diemut Poppen (54). (Bild: PD/Claudia Böckelmann)

Beeindruckt von der «Ruhe und Harmonie» auf der Rigi: Bratschistin Diemut Poppen (54). (Bild: PD/Claudia Böckelmann)

Dieses Bild prägte sich Jahr für Jahr den Besuchern (und Fernsehzuschauern) der Sinfoniekonzerte des Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado ein: ein in Ehren ergrauter Orchesterkollege führt rechts vom Dirigenten am ersten Pult die Gruppe der Bratschen an. Dicht daneben sitzt als zweite Solo-Bratschistin eine jüngere Frau mit blondem Haar. Ihr Name: Diemut Poppen.

Flachländerin in den Bergen

«Seit der Gründung des Lucerne Festival Orchestra im Jahre 2003 kam ich jeden Sommer nach Luzern und bedauerte, dass ich die Berge ringsum immer nur von unten sah», sagt Diemut Poppen. Dabei liebe sie als Flachländerin (geboren in Münster, aufgewachsen in Bonn und Berlin) die Berge und Seen besonders. «Da fasste ich mir eines Tages ein Herz, stieg auf den Bürgenstock, besuchte den Pilatus und schliesslich auch die ‹Königin der Berge›, die Rigi. Anfänglich logierte ich dort in den schönen Hotels und mietete mich dann oben auf der Staffelhöhe in eine Wohnung ein. Ich war beeindruckt von der hier herrschenden Ruhe und Harmonie. Wenn ich am Fenster übte, erschienen Kühe mit Kuhglocken und hörten mir zu. Mozart sollen sie besonders lieben, schoss es mir durch den Kopf. Da dachte ich mir: Warum sollen eigentlich nur Kühe diese Musik hören?»

Hommage an Brahms

Das war der Auslöser für die Rigi- Musiktage, die in Anlehnung an die jeweils im September stattfindenden Literaturtage entstanden und am Wochenende vom 19. und 20. Juli Premiere feiern. Nun können auch zweibeinige Musikhörer in den Genuss der Musik kommen. Aber die Musiktage sind auch eine Hommage an die Vorgänger von Diemut Poppen, die seit dem 19. Jahrhundert sich ebenso von diesem Berg in den Bann ziehen liessen, und unter denen sich illustre Namen von Goethe bis Tolstoi und Mark Twain befinden.

Zu ihnen gehört auch Johannes Brahms. Angesichts der Tatsache, dass sich Brahms auch ins Gästebuch des berühmten Hotels im Maderanertal eingetragen hat und diese Unterschrift sich als Fälschung erwies, ist diesbezüglich allerdings Skepsis angebracht. Diemut Poppen wehrt ab. Doch, es sei eindeutig erwiesen. 1856 unternahm Brahms mit seiner Schwester und mit Clara Schumann eine Schweizer Reise, stieg in Gersau ab und von dort auf die Rigi. Wie auch immer, Brahms besteigt dieses Jahr virtuell wiederum den Berg, zusammen mit J. S. Bach, Schubert, Mozart und Arvo Pärt. Warum ausgerechnet Bach? «Bach eignet sich einfach für einen kleinen Raum, besonders für sakrale Räume. Und in solchen finden ja die Konzerte auf der Rigi statt, will heissen in der reformierten Bergkirche und in der Felsenkapelle.»

«Kraftort» Felsenkapelle

Diese Felsenkapelle, an der Stelle, wo bis heute die heilsame kalte Quelle sprudelt, die dem Ort den Namen Rigi Kaltbad gab, hat es der künstlerischen Leiterin Diemut Poppen besonders angetan. «Das ist ein Kraftort. Zudem zeichnet sich der Raum, wie Messungen ergaben, durch besonders hohe Schwingungen aus und ist akustisch gerade für diese Musik hervorragend geeignet.». Zu der Zeit Bachs wurden dort von drei Nonnen Heilungen durchgeführt.

Auch der altdeutsche Vorname «Diemut» lautet wie der einer Nonne, der Musikerin und Malerin Diemut im Kloster Wessobrunn (von Dienemut, in dem dienen und Demut mitschwingt). «Ich bin mit Bach aufgewachsen, schon mein Grossvater hat sich intensiv mit ihm beschäftigt. Bach wird jedes Jahr in diesen Musiktagen vertreten sein, neben einem ausgewählten Komponisten, der die Rigi bestiegen hat», meint die künstlerische Leiterin, welche jeweils abwechselnd mit der mit ihr seit langem befreundeten renommierten Cellistin Natalia Gutmann in jedem Konzert eine Bach-Solosuite (Poppen auf der Viola) vortragen wird. Diemut Poppen ergänzt jeweils auch die Musiker des Merel-Quartett um den Luzerner Cellisten Rafael Rosenberg, die sie eingeladen hat, zum Quintett: im berühmten Schubert Streichquintett C-Dur D 956 (mit Gutmann als erstem Cello) im Eröffnungskonzert sowie im Streichquintett C-Dur KV 515 von Mozart im Schlusskonzert in der Felsenkapelle. Weitere Highlights der Kammermusik, die zur Aufführung kommen, sind das Streichquartett op.51/1 c-Moll von Johannes Brahms, der Quartettsatz c-Moll von Franz Schubert und «Summa» von Arvo Pärt.

Mendelssohn im nächsten Jahr

«Das ist ein sehr meditatives Stück, das sich für die Felsenkapelle hervorragend eignet. Mit ihm soll das Publikum behutsam an ein zeitgenössisches Werk herangeführt werden», so Diemut Poppen. Im nächsten Jahr wird «Rigi-Besteiger» Mendelssohn im Programm vertreten sein, und es bestehen Pläne, die Konzerte über die Rigi hinaus auszuweiten. «Ich bin auf der Rigi reich beschenkt worden, und es liegt mir daran, davon etwas zurückzugeben, das heisst Kultur auf die Rigi bringen» – womit die Kammermusikerin und Solistin einen weiteren Beweggrund für die Gründung des Festivals ausdrückt.

Hinweis

Rigi-Musiktage, Rigi Kaltbad, 19. und 20. Juli. www.rigi-musiktage.ch, VV: 041 227 18 20

Samstag, 19. Juli, 16 Uhr, reformierte Bergkirche Samstag, 19. Juli, 21 Uhr, Felsenkapelle Sonntag, 20. Juli, 16 Uhr, Felsenkapelle Am Samstag, 16. August, 14.30 Uhr, nimmt Diemut Poppen im Auditorium des KKL Luzern an einem Gespräch über Claudio Abbado und sein «Orchester der Freunde» teil.