FESTIVAL: «Der Blues wird niemals sterben»

Toronzo Cannon (46) zählt zu den kommenden Stars des Blues. Gestern eröffnete er das Lucerne Blues Festival und spielt bald wieder. Ein Gespräch über Wurzeln und Chancen des Stils.

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Toronzo Cannon gestern bei der Eröffnung des Lucerne Blues Festival im «Schweizerhof». (Bild Roger Grütter)

Toronzo Cannon gestern bei der Eröffnung des Lucerne Blues Festival im «Schweizerhof». (Bild Roger Grütter)

Toronzo Cannon, Sie treten zum ersten Mal am Lucerne Blues Festival auf: Wie gefällt es Ihnen hier?

Toronzo Cannon: Luzern hat eines der prestigeträchtigsten Bluesfestivals der Welt. Ich fühle mich geehrt, dass ich eingeladen wurde. Ich habe in Chicago nur Gutes gehört. Musiker haben immer geschwärmt, wie toll es hier sei und wie gut sie behandelt würden. Ich werde alles geben.

«Cannon plays the blues like it should be played», habe ich gelesen. Wie muss denn der Blues gespielt werden?

Cannon: Mein Blues ist nicht der traurige Blues. Ich will Spass haben, zusammen mit dem Publikum. Der Blues soll keine Schullektion sein, sondern ein Erlebnis, wie eine Messe in der Kirche. Ich habe es gerne, wenn das Publikum mitmacht und die Emotionen hin- und hergehen. So muss ein Blueskonzert sein.

Welche Vorbilder waren wichtig für Sie? Was waren Ihre Helden?

Cannon: So klischeemässig das tönen mag: Muddy Waters und Howlin’ Wolf. Das sind einfach die Giganten des Chicago Blues. Um diese kommt man nicht herum, auch nicht um die drei Kings (Albert King, Freddie King, B.B. King). Als ich das erste Mal ein Video von Jimi Hendrix sah, hat es mich weggeblasen. Wie er sich aus­drückte, was er spielte, dazu dieser Sound: Ich kriege heute noch Hühnerhaut. Auch Hendrix ist ein Teil dieser Blues-Linie, die mit Robert Johnson und Charlie Patton begann und sich bis heute weiterzieht.

Blues hat 3 Akkorde, 12 Takte, das hat man schnell begriffen. Was macht es aus, dass der Blues lebendig wird?

Cannon: Viele Leute denken das auch vom Herzschlag. So einfach. Bum bum, bum bum. Aber was muss nicht alles mitspielen, damit das Herz schlägt! So ist es auch mit dem Blues. Seine Oberfläche scheint simpel, aber so vieles ist in seinen Schichten verborgen, wenn man ihn öffnet.

Was hat Sie zum Blues hingezogen?

Cannon: Ich bin bei meinen Grosseltern aufgewachsen. Wenn die Erwachsenen zusammensassen, Karten spielten und feierten, haben sie Little Walter, Muddy Waters, Al Green, Little Minton und all diese Leute gehört. Als Kind habe ich das alles sofort aufgesogen. So war der Blues zwar da, aber ich wusste nicht wirklich, dass er auch in mir war. Erst mit dem Gitarrespielen Anfang zwanzig kam dann der Blues so richtig aus mir heraus.

Wie haben Sie Ihre Handschrift entwickelt, Ihren persönlichen Stil?

Cannon: Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne, was die Gitarre betrifft. Du hörst Licks von andern Künstlern und integrierst sie rasch in dein eigenes Spiel. Ich liebe den rauen und dreckigen Sound von Elmore James, Hound Dog Taylor, Charlie Patton oder T-Model Ford. Oft ist es nur ein Lick, aber es kommt ungezähmt. Das ist wie eine offene Wunde. Der raue Sound öffnet die Sinne. Dann kannst du deine Geschichte dazugeben.

Es ist Ihnen wichtig, Geschichten zu erzählen mit Ihren Songs?

Cannon: Ich wünschte, ich könnte das Publikum nur mit meinem Gitarrenspiel erreichen, wie das etwa Ronnie Earl kann, den ich verehre. Anders als er brauche ich meine Texte, meine Stimme, meine Songs und meine Show, um ein Publikum zu berühren. Das hat ja auch seine Po­wer. Jemand sagte mir vor langer Zeit: Die Leute gehen nicht nach Hause mit einem Gitarrensolo auf den Lippen, sondern mit einem Song.

Sie sind ein Vertreter des Chicago Blues. Stört es Sie, wenn man Sie in diesen Topf wirft?

Cannon: Es gibt Musiker, die keine solche Bezeichnung wollen. Sie fürchten, dass das einengend wirkt. Ich bin stolz, ein Chicago Bluesman zu sein! Ich stehe auf den Schultern von Giganten. So viel Blues-Geschichte ist mit Chicago verbunden. Warum sollte ich mich sperren, damit assoziiert zu werden?

Was halten Sie davon, wenn Leute eine Unterscheidung machen zwischen schwarzem Blues, der sogenannt authentisch sei, und weissem Blues?

Cannon: Ich habe in Litauen Leute getroffen, deren Bluesplatten man zerkratzt hat oder die verhaftet wurden, weil sie Blues hörten. Wie könnte ich da sagen, dass weisse Leute kein Verständnis für Blues hätten, ihn nicht fühlen könnten, wenn sie dafür in Gefängnis gehen? Ich war auch nie ein Sklave und habe nie Baumwolle gepflückt. Bin ich deswegen kein echter Blueser?

Black Music ist heute vor allem R ’n’ B und Hip-Hop. Ist der Blues noch wichtig für die junge Generation?

Cannon: Der Blues wird niemals sterben. Er steckt so tief im Dreck der amerikanischen Erde. Gleichzeitig ist er in der Welt präsent. Ich habe in Armenien gespielt und bin auf ein begeistertes Publikum getroffen. Ich war der erste Blueser, der nach B.B. King wieder im Land war. Den Blues wird es immer und überall geben.

Wie kann der Blues überleben, wie könnte seine Zukunft aussehen?

Cannon: Vielleicht wird es zu einer neuartigen Mischung von Hip-Hop und Blues kommen. Wenn das einer schaffte, wäre er ein moderner Ray Charles. Ray Charles hat den Rhythm ’n’ Blues mit Gospel verbunden. Damals sagten auch alle, das geht nie, das kann man nicht machen.

Es gibt doch schon heute Musiker, die Hip-Hop und Blues verschmelzen.

Cannon: Aber damit es wirklich ein Ding wird und Plattenfirmen Geld investieren, braucht es zugkräftige Namen. Früher haben Leute wie Eric Clapton oder Stevie Ray Vaughan den Blues populär gehalten. Heute wären das Leute wie Jay Z oder Kanye West. Sie haben die Macht, Massen zu beeinflussen. Wenn sie sagen, das ist cool, dann kann es etwas auslösen. Solche Katalysatoren braucht es.

Interview Pirmin Bossart