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FESTIVAL: Die Musik war viel besser als das Wetter

Über 30 Bands, viel Regenwetter, gedämpft gute Stimmung: 4500 Leute haben am B-Sides auf dem Sonnenberg und im (Bühnen-)Nebel ein paar gute Konzerte erlebt.
Pirmin Bossart
Der Tuareg-Rock von Bombino aus dem Niger hätte bei weniger Regen am Samstagabend sicher noch mehr Leute zum Tanzen gebracht. (Bild: PD/Silvio Zeder)

Der Tuareg-Rock von Bombino aus dem Niger hätte bei weniger Regen am Samstagabend sicher noch mehr Leute zum Tanzen gebracht. (Bild: PD/Silvio Zeder)

Pirmin Bossart

Open-Air-Festivals bringen Menschen zusammen, die ähnliche Codes und Vorlieben haben, die gerne trinken und etwas Leckeres essen und eine gute Zeit verbringen wollen. Man trifft sich, es wird geplaudert und gescherzt und irgendwo trägt noch eine Band zur akustischen Hintergrundstrahlung bei.

Das ist auch am B-Sides zu erleben, diesem charmanten Festival auf dem Sonnenberg, das mit gut sortierten Bands abseits des Mainstreams lockt. Die 11. Ausgabe ist Samstagnacht zu Ende gegangen. «Drei Tage voller Musik und grosser Momente», bilanzierten die Verantwortlichen gestern zufrieden.

Small-Talk-Pegel

Aber auch am B-Sides stehen, wie an einem Mainstream-Festival, die Gesamtatmosphäre und das gesellschaftliche Ereignis im Mittelpunkt und nicht die Musik per se. Gerade im Boheme-Zelt war der Small-Talk-Pegel zeitweise so hoch, dass das Ding, das vorne auf der Bühne als Musik erklang, im Geplärr des Publikums zweitrangig wurde. Wer wirklich zuhören respektive eintauchen wollte, kam nur in den vordersten Reihen auf die Rechnung. Ansonsten wähnte man sich an einem dicht gedrängten Apéro-Anlass, an dem der Veranstalter auch noch eine Band zur allgemeinen Beschallung gebucht hatte.

Von Joe Haege (White Wine) stammt der Satz: «Es deprimiert mich total, wenn Leute Musik nur als etwas wahrnehmen, das für den Hintergrund oder für die perfekte Party erschaffen wurde.» Aber eben: Open Airs sind keine Konzertsäle, sondern Kilbi. Da ist es relativ zufällig und gehört auch zum Kick solcher Anlässe, welche Bands einen gerade aus den Socken hauen und welche man ein halbes Bier lang reinschlürft, um dann zu einer nächsten Attraktion weiterzuwandern. Oder hängen bleibt bei den Kumpels, die gerade eingetroffen sind.

Die B-Sides-Verantwortlichen haben einmal mehr mit top gezimmerter Infrastruktur, kulinarischen Highlights, Öko-Nachhaltigkeit und verspielten Decos ein prächtiges Setting auf dem Hügelplatz erstellt. Nicht auszudenken, wenn uns auch noch Herr Sommer ein paar laue und trockene Nächte beschert hätte. Vielleicht hätten die Leute dann zu Hunderten getanzt zum hell kringelnden Tuareg-Rock von Bombino aus dem Niger oder zum munter groovenden Disco-Jazz-Pop von Samba de la Muerte zu später Samstagnachtstunde.

Handwerk und Energie

Glücklicherweise fiel der Regen am Freitag und Samstag nur phasenweise, ein lauschiges Open-Air-Feeling aber entstand nie. Beide Abende waren ausverkauft, die Stimmung war gut, wenn auch nicht abgehoben. Musikalisch gab es eher mehr Bands auf den Off-Bühnen zu entdecken, als im grossen Halbrund mit der knackigen Anlage. Eine gute Ausnahme bildeten am späten Freitagnachmittag White Wine. In kleiner Besetzung, inklusive Fagott, versetzten sie das klassische Indie-Pop-Song Format mit eigenwilligen Schlenkern.

Destroyer erschienen als vollausgebaute Band mit zwei Bläsern, die mit dichten Arrangements und schrillen Tuttis den Sonnenberg schon fast stadionrockmässig beschallten. Beak aus Bristol mit dem Portishead-Mitglied Geoff Barrow gewannen mit ihren rhythmisch gut verzahnten Minimal-Tracks rasch Aufmerksamkeit. Das Set franste im Mittelteil etwas beliebig nach vielen Richtungen, um dann im letzten Drittel mit stoischen Beats, Hardrock-Infusionen und progrockigem Mini-Bombast nochmals an Kompaktheit zuzulegen.

Noch ein paar Zacken fulminanter powerten The Skeletons aus New York von der Zeltbühne. Die Band ist irgendwo zwischen Art-Rock, Post-Rock und Jazz-Rock anzusiedeln und versteht es, melodisch und rhythmisch knackige Songteile, durchsetzt mit funky Riffs, in eng verwobene Jams mit Trance-Wirkung ausufern zu lassen. Da traf sich perfektes Handwerk mit der Energie, althergebrachte Rockstrukturen auf einen dringlichen Zeitgeistpuls zu bringen.

Dunkler Surf

Auf der gleichen Bühne machten eine Nacht später Puts Marie ihrem exzellenten Ruf alle Ehre. Die Bieler Band mit einem kontrollierten Energiebündel als Sänger spielte eine bezwingende Rockmusik ohne Klischees, die einen eigentümlich berührte. Rhythmus und ­Groove donnerten die Musik auf, trotzdem waren die Songs melodisch, und es schwang oft ein dunkler Surf-Sound mit. Der aufgekratzte Rap-Song am Schluss brachte den Power der Band nochmals zur Geltung. Puts Marie sind internationaler als viele Schweizer Bands zusammen.

Als Entdeckung sind auch Lord Kesseli and the Drums zu vermelden. Ihr psychedelisierter Gruft-Rock ist hymnisch verschleppt, wuchtig und erhaben. Pulsende Bassfiguren, Soundflächen und entrückte Gesänge entladen sich in dynamischen Schüben aus einem schwarzen Loch der Energie. Das Duo, das sich auf Bildern wie ein esoterisches Guru-Paar präsentiert, ist im flauen Tiefland-Rock der Schweiz definitiv eine neue Urgewalt, die man sich gerne mal eindröhnt. Adieu B-Sides, nächstes Jahr scheint wieder die Sonne.

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