FESTIVAL: Ein Feuerwerk wie aus Stalinorgeln

Knapp 21 000 Besucher zählte das World Band Festival, das gestern zu Ende ging: Mit einem Tattoo on Stage, das auch qualitativ bunt durchmischt war.

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Blieb vor allem ein optisches Spektakel: die Red Poppy Ladies’ Percussion Group auf der Konzertsaal-Bühne. (Bild Dominik Wunderli)

Blieb vor allem ein optisches Spektakel: die Red Poppy Ladies’ Percussion Group auf der Konzertsaal-Bühne. (Bild Dominik Wunderli)

Urs Mattenberger

Das letztjährige Defizit war nur ein Ausrutscher: Das World Band Festival, das am Sonntag (4. Oktober) zu Ende ging, verzeichnete in 12 Konzerten mit einer Auslastung von rund 92 Prozent knapp 21 000 Besucher. Das sind nicht nur leicht mehr als im vergangenen Jahr. Sie bescheren dem Festival, das bereits zum 17. Mal stattfand, auch wieder schwarze Zahlen. Und das mit einem Programm, das aus Luzerner Sicht eine bemerkenswerte Veränderung erfuhr. So fehlte dieses Jahr ein sinfonisches Blasorchester der Weltklasse, aber eine einheimische Formation, das Blasorchester Stadtmusik Luzern, sprang bravourös in die Lücke.

Dass sich insgesamt der Akzent noch stärker weg von traditioneller Blasmusik und hin zu modernen Unterhaltungsformaten verschob, bestätigte sich auch im dreimal gegebenen Abschlusskonzert des «Tattoo on Stage». Exemplarisch dafür stand der Auftakt zur zweiten Konzerthälfte. Denn wer nach der Pause vom Mäss-Trubel auf dem Europaplatz zurück ins KKL wechselte, tauchte keineswegs ein in eine andere Welt.

Chilbi im Konzertsaal

Flunkernde Lichter, Suchscheinwerfer, die ins Publikum schwenkten, und bombastische Sounds aus den Lautsprechern verlängerten da nahtlos die Chilbi-Atmosphäre hinein in den Konzertsaal. Und auch der Auftritt der chinesischen Red Poppy Ladies’ Percussion Group, der all das akustisch und optisch aufpeppen sollte, war reizvoll allenfalls als eine Art Zirkusshow, bei dem die Schlägelakrobatik spannender blieb als das wirblig-virtuose, aber einförmige Hämmern auf grosse Trommeln.

Die beiden Kürzestauftritte der chinesischen Showtruppe waren die grösste Enttäuschung an einem Tattoo, das nicht nur stilistisch, sondern eben auch im Niveau extrem durchmischt war. Und in dem, weit entfernt von altmodischen Marschparaden, bläserisches Musizieren an den Rand rückte.

Musikalisch sichere Werte waren da zwar die Auftritte der königlichen Bands aus Schottland oder der belgischen Marine, die dafür aber szenisch kaum Akzente setzten. So vermisste man beim statischen Aufmarsch der Belgier gänzlich die Dramatik, die die Suite «The Fields of Honour» mit Krieg, Ehrerbietung an die Toten und Hoffnung auf ein friedliches Europa – so der Speaker aus den anonymen Lautsprechern – versprach. Auch die Komposition selbst schwörte sich ohne Kampfgetümmel auf einen feierlichen Ton ein, der einer reizvollen Adaption des Freuden-Hymnus aus Beethovens neunter Sinfonie immerhin einen pointierten Abschluss verdankte.

So hörte man schon zuvor die erste Konzerthälfte als eine Art Vorprogramm zum grossen Finale. Die Auftritte des holländischen Pasveerkorpsen, der showband.CH oder der «schottischen» Pipes and Drums of Basel boten zwar mit Massenaufmärschen durchs Publikum auch etwas fürs Auge. Aber aufregend war selbst der brav-folkloristische Kurzauftritt der sechs Damen der Basler Highland-Dancer nicht, der im «Welcome to Glasgow» für Nelson Mandela – mit Schweizer Akteuren, afrikanischen Trommeln und schottischem Dudelsacksound – den Höhepunkt an multikultureller Durchmischung bot.

Grosses vorgezogenes Finale

So richtig bewusst wurde einem das, als der Abend zum Ende hin richtig in Fahrt kam – mit dem Auftritt des Orchesters der Suworow-Militärakademie Moskau. Da war auf einen Schlag klar, was die Faszination eines Tattoos on Stage ausmacht. Schon die sprungbereite Vitalität, mit der Musiker nicht auf die Bühne prozessierten, sondern tänzelten, sorgte für knisternde Spannung.

Das galt erst recht für das so feurige wie präzise Spiel der Truppe. In ihren theatral ausgereizten Medleys wirkten auch Marschrhythmen nicht altbacken, hatten jenen Kick, den die Russen mit off-beat-gespickten Gesängen aus ihrer Heimat entfachten. Bläserisches Musizieren auf Weltklasseniveau wurde hier gewürzt mit instrumentalem Theater, wenn ein Saxofonspieler zu einem Tango sein Instrument wie eine Geliebte in den Arm nimmt oder die Posaunen eine an Stalinorgeln erinnernde Phalanx bilden: Das war zeitgemässes Tattoo on Stage at its best. Und man verstand, wieso die Suworows seit Jahren in Luzern zu den Publikumslieblingen gehören. Der erstmals frenetische Applaus des vollen Saals war bereits die Einladung für das nächste Festival.

Suworow on Stage!

Das konnte das eigentliche Finale nur noch äusserlich toppen, nämlich mit dem Grossaufgebot aller Mitwirkenden, dem prachtvollen Einsatz der von Markus Kühnis gespielten Orgel und einem spektakulären Feuerwerk. Dass das Suworow-Orchester in diesem Schluss­tableau in einer Statistenrolle am Rand gebändigt wurde, machte einem nochmals die Gefälle an diesem Abend bewusst. Und man fragte sich, ob man diesen Konzertabend nicht vom Kopf auf die Füsse stellen müsste: Mit einem Suworow on Stage im nächsten Jahr.