FESTIVAL: Eine klingende, funkelnde Wundertüte

Mit Text und Gesang ist das Jazz Festival Willisau eröffnet worden. Anna Trauffer, Tim Krohn und Philipp Schaufelberger erfanden die Welt neu.

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Der amerikanische Trompeter Dave Douglas bei seinem Auftritt am Jazz Festival in Willisau. (Bild: Roger Gruetter)

Der amerikanische Trompeter Dave Douglas bei seinem Auftritt am Jazz Festival in Willisau. (Bild: Roger Gruetter)

Pirmin Bossart

Es war kein Paukenschlag, eher ein feiner Wirbel, mit dem das Jazz Festival Willisau aus den Startlöchern schlüpfte. Festivalleiter Arno Troxler bewies Mut und programmierte als erste Band ein einheimisches Trio, das ein musikalisch-literarisches Projekt jenseits von Jazz und Spoken Word uraufführte. Der Titel «Die vierzig Mütter Kirgistans» suggerierte schwere Kost, doch das Resultat war leichtfüssiger und bekömmlicher als befürchtet.

Nicht nur jaulendes Beiwerk

Im Mittelpunkt standen die monoton deklamierten Texte von Tim Krohn, die mit ihrer sinnlichen Poesie und ihren Aufzählungen an einen Schöpfungsmythos erinnerten. Man lauschte diesen märchenhaften Bildern gerne, sie klangen nach dem naturhaft Elementaren und Archaischen, das in einer durchgestylten Welt kaum Platz mehr hat. Krohns eigentümliche Evolutionspoesie wurde von der singenden Kontrabassistin Anna Trauffer und vom Gitarristen Philipp Schaufelberger behutsam musikalisiert.

Trauffer sang mit hoher und zarter Girl-Stimme, manchmal auch simultan mit Krohns Rezitation, gleichzeitig klaubte sie die Saiten des Kontrabasses, was schon rein technisch eine Herausforderung ist. Auch das Theremin spielte Trauffer sehr konzentriert und strukturiert. Unter ihren Handbewegungen wurde das archaische Elektro-Gerät tatsächlich ein Instrument, das Räume und Stimmungen schuf, und nicht bloss ein dekorativ jaulendes Beiwerk generierte.

Latente Zerbrechlichkeit

Souverän untermauerte Schaufelberger die Text- und Gesangsflüsse des Trios. Seine folkig-vertrackten, stets melodiös fliessenden Linien erinnerten an Frisell und gaben der latenten Fragilität dieses Mütter-Unternehmens einen guten Boden. Das Trio sorgte für einen ungewohnt ruhigen Auftakt des Jazz Festivals. Aber die Musiker waren vorbereitet und entwarfen eine lyrische Imagination, in die man eintauchen konnte. Und mit ihrer Solozugabe zeigte Anna Trauffer, dass sie auch den skurrilen Berner Mundartsong stimmig auf der Zunge hat.

Vifer Elektroniker

Vergleichsweise wenig experimentierfreudig wirkte die neue Band des amerikanische Trompeters Dave Douglas, die sich immerhin «High Risk» nennt. Doch davon keine Spur – zumindest nicht auf Anhieb. Die Musik hatte dennoch ihre Sogkraft. Sie entstand nicht aus dem Innern einer jazzigen Funktionsharmonik, die in dieser Besetzung gar nicht möglich war, sondern als Summe von Puls/Rhythmus, Melodie und Atmosphäre.

High Risk ist kein Knall der Extreme. Weder rumoren die Beats einsilbig gegen eine Jazztrompete, noch wird ein ausgefuchstes Interplay von elektronischen Noise-Collagen überfrachtet. Stattdessen herrscht ein ruhiges Miteinander von modalem Jazzflow und elektronischen Soundscapes. Jonathan Maron legte mit Elektrobass und Basssynthesizer die wuchtigen bis grellen Fundamente, und Ches Smith kanalisierte den Puls mit seinem Getrommel.

Als prägender Musiker in diesem Quartett erwies sich der Elektroniker Shigeto. Er drehte nicht einfach Modulationsknöpfchen und speiste Beats ab Sampler ein, sondern kreierte stante pede mit Keyboard und Geräten atmosphärische und effektreich gefilterte Soundbilder. Manchmal klang das, als ob er eine klingende Wundertüte mit Glitterzeugs auf die Bühne leeren würde, das herumkollerte und umherblitzte. Sein tänzerisches Hantieren mit den kleinen Maschinen machte deutlich, wie präsent er die Musik miterschuf und mit ihr verschmolz.

Zeitlose Jazz-Spur

In diesem basspulsigen und sanft-elektronischen Klangbild setzte Dave Douglas seine klaren Markierungen: Melodische Statements in erdiger Impulsivität. Das klang manchmal wie Downbeat Hard-Bop, der von Dub unterfuttert wurde. Mit einer insistierenden Art entwickelte Douglas seine Motive und blieb dabei so klar auf der zeitlosen Jazz-Spur, dass man im ersten Stück Anklänge an Coltranes «A Love Supreme» herauszuhören meinte. Das abschliessende Stück «Cardinals» thematisierte in dunkler Solidarität die Morde an jungen Schwarzen in den USA. High Risk oder nicht: Jazz schweigt nicht, wenn er klingt.

Hinweis

Tickets und weitere Infos: www.jazzfestivalwillisau.ch