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FESTIVAL: Eine kurze Mutprobe für Jungdirigenten

Am ersten 40-Minuten-Konzert wagten sich vier Jungdirigenten aufs Podium. Während die Festival Strings ohne Dirigenten den barocken Geist beschworen.
Simon Bordier
Andrea Maria Schenkel (51) schreibt so, dass man sich in einem realen Fall wähnt. (Bild: PD/Jürgen Bauer)

Andrea Maria Schenkel (51) schreibt so, dass man sich in einem realen Fall wähnt. (Bild: PD/Jürgen Bauer)

Das Publikum hatte es nicht in der Hand, das Abstimmungsgerät, um zwischen den vier Dirigenten zu entscheiden, obwohl ihm der Veranstalter sonst sehr entgegengekommen war. Mit einer «Mutprobe für junge Dirigenten» lancierte das Lucerne Festival am Mittwoch seine neue Konzertreihe «40min» – und zeigte im Luzerner Saal des KKL mit hundert Orchestermusikern, den vier Dirigenten und David Robertson, wofür die insgesamt elf Konzerte stehen sollen: nicht zu kostspielige, nicht zu lange, nicht zu schwere zeitgenössische Musik.

Unterschiede im Dirigierstil

So verging fast die Hälfte der 40 Minuten mit Robertson, der locker aus dem Nähkästchen plauderte; von seinen Erfahrungen als Dirigent zeitgenössischer Musik in Lyon, St. Louis und hier in Luzern, wo er den «Meisterkurs Dirigieren» mit dem Nachwuchsorchester der Lucerne Festival Academy leitet. In der verbleibenden Zeit probten die vier international ausgewählten Teilnehmer des Kurses mit dem Orchester an der Turangalîla-Sinfonie von Olivier Mes­siaen. Obwohl jeder von ihnen nur sehr kurz und mit kaum vergleichbaren Stellen des Werks zum Zug kam, waren Unterschiede im Dirigierstil zu spüren: in einem gezielten Hammergestus, einer zierlichen Handbewegung, einem nüchternen Schlag oder einem gehaltenen Schluss.

25. August 1938. Die Gründung. Touristische Kreise in Luzern realisierten 1938 den Plan, mit musikalischen Veranstaltungen den wegen der Weltwirtschaftskrise serbelnden Fremdenverkehr anzukurbeln. Die Nazi-Diktatur verhalf dem Unternehmen zu unverhofftem Aufschwung: Arturo Toscanini, der Bayreuth und Salzburg demonstrativ den Rücken kehrte, dirigierte zur Eröffnung der ersten Musikfestwoche ein eigens für ihn und von ihm zusammengestelltes Festspielorchester vor illustrem Publikum. Im Bild ist Festival-Mitbegründer Walter Strebi in der zweiten Publikumsreihe (Zweiter von links) erkennbar. (Bild: zvg)
1942. Meisterkurse.Ebenfalls von den Kriegswirren profitierten die 1942 eingeführten Meisterkurse mit namhaften Künstlern wie dem Pianisten Edwin Fischer und dem Geiger Carl Flesch. Sie sollten auch die musikalische Basis in Luzern verbreitern. Dazu gehörte die Gründung des Konservatoriums Luzern und der bis heute international renommierten Festival Strings Lucerne durch Rudolf Baumgartner (Bild, hier im Jahr 1961). Er war mit Wolfgang Schneiderhan den Meisterkursen verbunden und wurde erster Direktor des Konservatoriums und 1970 erster Intendant des Festivals. (Bild: zvg)
1943. Festspielorchester. Nach politisch umstrittenen Gastspielen des Scala-Orchesters aus Mussolinis Italien (1941 und 1942) wurde 1943 das Schweizerische Festspielorchester gegründet: Zusammengesetzt aus Elite-Musikern von Schweizer Orchestern, machte es das Festival von ausländischen Orchestern unabhängig und prägte es unter namhaften Dirigenten ein halbes Jahrhundert mit. (Bild: zvg)
1948. König von Luzern. Nach seinem dreijährigen Aufführungsverbot - als ehemaliges Nazi-Parteimitglied - luden die Musikfestwochen 1948 Herbert von Karajan für sein erstes Dirigat ausserhalb Deutschlands ein. Ein geschickter Schachzug: Das Festival verband sich damit mit dem aufstrebenden Stern am Klassik-Himmel. Karajan dankte es ihm mit 69 Auftritten bis 1989. Wie familiär er mit Luzern wurde, zeigt eine Aufnahme aus dem Strandbad Lido (Bild). Die alljährlichen Auftritte des baldigen Megastars mit den Berliner Philharmonikern im alten Kunsthaus galten jahrzehntelang als Höhepunkte der Musikfestwochen, die in der Folge immer mehr renommierte europäische Orchester verpflichten konnten. (Bild: zvg)
1964. Die Amerikaner. Künstler wie der Pianist Van Cliburn (Bild) hatten zwar schon vor 1964 amerikanische Virtuosität nach Luzern gebracht. Ein Meilenstein aber war, als in diesem Jahr erstmals ein US-amerikanisches Orchester an den Festwochen auftrat. Das ist ein weiterer Schritt zur Internationalisierung - zusammen mit den regelmässigen Auftritten aller grossen Künstler jener Zeit - von Vladimir Horowitz bis zum jungen Daniel Barenboim und Claudio Abbado (erstmals 1966 mit dem Festspielorchester). (Bild: zvg)
1970. Intendanten-Debüt. Nachdem die Leitung des Festivals 1970 professionalisiert wurde, führte Rudolf Baumgartner als erster Intendant verschiedene Neuerungen ein. Sie reichten bis zum stärkeren Einbezug von zeitgenössischer Musik in eigenen Konzertreihen. Ein Coup gelang Baumgartner in den ebenfalls neuen Debüt-Konzerten für junge Künstler: Nach ihrem Auftritt 1976 in der St. Charles Hall Meggen begann hier «das musikalische Leben» der Geigerin Anne-Sophie Mutter (im Bild), wie sie selber sagt. Auch deshalb, weil der Dirigent Herbert von Karajan durch diesen Auftritt auf die junge Geigerin aufmerksam wurde und sie förderte. (Bild: zvg)
1980er-Jahre. Politische Krise. Als sich abzeichnete, dass das alte Kunsthaus den modernen Ansprüchen eines Festivalbetriebs nicht mehr genügte, lancierten Musiker wie Vladimir Ashkenazy und der Unternehmer Walter von Moos die Idee eines neuen Konzertsaals. Die zu erwartenden Millionen-Investitionen der öffentlichen Hand für das bis heute - über Ticket-Einnahmen und Sponsoring - privat finanzierte Festival weckten in linken Kreisen Widerstand gegen das Festival. Auch deshalb, weil dieses zunehmend als elitär-konservativer «Luxusdampfer» kritisiert wurden, wie «Der Spiegel» 1968 schrieb. Bei Demonstrationen vor dem Kunsthaus suchte Stadtpräsident Franz Kurzmeyer das Gespräch mit den Demonstanten: Es war der Anfang des Luzerner Kulturkompromisses, der die Idee eines neuen Konzertsaals mit der gleichzeitigen Schaffung von Räumen für die alternative Kultur verband und politisch den Weg zum KKL ebnete. (Bild: zvg)
1992. Die Öffnung. Das Festival seinerseits reagierte mit einer markanten Öffnung unter dem Intendanten Matthias Bamert (1992-1998). Er ergänzte den weiter ausgebauten klassischen Kernbereich durch zusätzliche «Festivals im Festival», die die Festwochen erstmals in die Stadt hinaustrugen - mit Zigeuner-, Amateur- oder schliesslich dem Strassenmusikfestival, das von seinem Nachfolger Michael Haefliger bis heute weitergeführt wird. Bamert verbreiterte die Basis des Festivals aber auch weiter durch die Gründung des Piano-Festivals im Herbst - zusätzlich zum Osterfestival, das Intendant Ulrich Myer-Schoellkopf (1981-1991) 1988 ein erstes Mal durchgeführt hatte. (Bild: zvg)
1997. Risiko als Chance. 1994 hatten die Stimmberechtigten der Stadt Luzern mit 66 Prozent Ja-Stimmen 96 Millionen Franken für den Bau des KKL bewilligt (18 Millionen sollten 2003 zusätzlich folgen). Möglich machten die Zustimmung auch der Kulturkompromiss und das Engagement der Konzerthausstiftung, die unter ihrem Präsidenten, dem Unternehmer Walter von Moos, 60 Millionen Franken privater Gelder beisteuerte. Von da an war klar, dass das Festival ein Jahr lang über keinen Konzertsaal verfügen würde. Laut Mathias Bamert hätte eine Pause das Festival zurückgeworfen. So nutzte er das Risiko als Chance: In die Von-Moos-Stahlhalle in Emmenbrücke liess er einen Konzertsaal bauen, der das Übergangsjahr 1997 zum Symboljahr machte: Klassik in der Fabrik, im Foyer Stöckelschuhe auf Gleisen und eine Industriehalle, in der sich Musikfreaks und schickes Publikum demokratisch mischten, brachten die Öffnung bis hinunter zum Parkett. (Bild: zvg)
1998. KKL-Eröffnung. Die Eröffnung des KKL Luzern 1998 (Konzertsaal) und 2000 (integral) bescherte dem Festival einen Quantensprung. Es bot mit Konzert- und Luzerner Saal inhaltlich neue Möglichkeiten und erwies sich als gleichermassen attraktiv für Künstler, das Publikum wie die Sponsoren. So stieg die Besucherzahl am Sommer-Festival auf Anhieb von 50 000 Besuchern im letzten Jahr im Meili-Bau (1996) auf 71 000 (1998). Seit der KKL-Eröffnung steigerte sich das Budget des Lucerne Festival bis heute von 14 auf 25 Millionen Franken, der Beitrag der Sponsoren wurde von 4,2 auf 10 Millionen mehr als verdoppelt. Der Anteil des ausländischen Publikums stieg, ganz gemäss den Zielen schon der ersten Musikwoche 1938, auf 15 Prozent. Damit dürfte auch die volkswirtschaftliche Bedeutung des Lucerne Festival markant gestiegen sein. Eine Studie der Universität St. Gallen zeigte 2011 erstmals, dass das Festival in der Region Einkommenseffekte von 18 Millionen Franken ausgelöst hat. (Bild: zvg)
2003. Wege in die Zukunft. Michael Haefliger (Intendant seit 1999) nutzte das neue Raumangebot im KKL Luzern für weitreichende Neuerungen, die auch durch erfolgreiches Sponsoring finanziert werden können. Als zukunftsträchtig erwiesen sich die beiden Neugründungen aus dem Jahr 2003. Das Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado wurde schon bei seinem Debüt von einer deutschen Zeitung zum besten Orchester der Welt gekürt. Die von Altmeister Pierre Boulez gegründete Lucerne Festival Academy, wo alljährlich 120 Studenten aus aller Welt neue Musik einstudieren, experimentiert zunehmend mit neuen Konzertformaten abseits klassischer Rituale. Auch wenn das Scheitern der Pläne für eine Salle Modulable den stärkeren Einbezug innovativer Theaterproduktion vorläufig nicht zulässt: Die vielfältigen Kontakte, über die das Festival verfügt, dürften die Ausstrahlung der genannten Meilensteine auch über das Engagement von Abbado (80) und Boulez (88) hinaus sicherstellen. Ein Signal dafür ist die Ankündigung, dass Simon Rattle ab nächstem Jahr das Academy Orchestra regelmässig in einer prominenten Uraufführung dirigiert. (Bild: zvg)
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Die Meilensteine des Lucerne Festivals

Auf der Suche nach neuen Konzertformaten blieb auch das erste «40min»-Konzert in einem Punkt beim Alten: Da stand ein Dirigent vor einem Orchester. Das nachfolgende Konzert der Festival Strings Lucerne im Konzertsaal wirkte im Vergleich dazu flexibler und mo­derner. Das traditionsreiche Streicherensemble unter der Leitung des Violinisten Daniel Dodds präsentierte «Musik über Musik», die nicht vieler Worte bedurfte. Der Impetus des geladenen Star-Violinisten Daniel Hope übertrug sich sogleich auf das Orchester. Äusserst agogisch führten Hope und Dodds am eigenen Instrument durch das barocke Programm.

Im Zentrum stand der Komponist Antonio Vivaldi. In seinem Konzert für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo in a-Moll war die Generalbassmusik in ihrer ganzen Vielfalt zu erleben. Der barocke Geist verliess die Lucerne Festival Strings aber auch bei den Werken späterer Zeit nicht, der «Musik über Musik», die sich auf spezifische Weise auf das Generalbasszeitalter bezieht. Betörend bedient sich etwa der zeitgenössische Komponist Arvo Pärt der Barockformeln. In seinem Werk «Fratres», das am Mittwoch in der Fassung für Streichorchester und Schlagzeug zu hören war, schienen sie sich wie ein Herzflimmern endlos zu wiederholen.

Sequenzierter Bass

Die Wiederholungstechnik der Minimal Music überzeugte auch im Werk «The Four Seasons – Recomposed» des britischen Komponisten Max Richter. Er hat 2011 Vivaldis «Vier Jahreszeiten» für Daniel Hope neu komponiert und führt darin die Stringenz der Generalbassmusik überwältigend ins 21. Jahrhundert über: Der Bass wird sequenziert, mehrmals wiederholt, führt plötzlich nirgends mehr hin, hängt wie in einer Warteschlaufe, wird nur lauter und lauter, bis man merkt, dass er nicht mehr das Fundament der Musik ist, sondern von einem Synthesizer geboosted wird. Das Publikum honorierte es mit Standing Ovations. Erhob es sich von selbst?

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