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FESTIVAL: Er liess die Orgel zwitschern

Ein Tastentag fast nur auf der Orgel? Der erste Erlebnistag am Piano-Festival liess einen die Orgel im KKL neu kennen lernen.
Der Pariser Organist Pierre Pincemaille verhalf dem Tastentag im KKL zu einem eindrücklichen Abschluss. (Bild: PD/Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Der Pariser Organist Pierre Pincemaille verhalf dem Tastentag im KKL zu einem eindrücklichen Abschluss. (Bild: PD/Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Urs Mattenberger

Erlebnistage am Lucerne Festival waren bisher immer für Überraschungen gut. Als Lucerne Festival einen Erlebnistag erstmals auch am Piano-Festival ankündigte, begannen deshalb die Synapsen zu funken. Ein Tastentag, den gestern das Klavierduo Adrienne Soos und Ivo Haag eröffnete? Da stellte man sich vor, dass auch ein Hammerflügel oder gar ein Clavichord zu hören sein würde.

Dass Franz Schaffner, der gestern eine Orgelsymphonie von Louis Vierne spielte, Werke auf dem Cembalo aufführt. Oder dass Wolfgang Sieber, der jetzt Gershwins «Rhapsodie In Blue» für Orgel und Klavier adaptierte, das Spektrum zu anderen Stilen öffnen würde: bis hin etwa zu einem Konzert wie jenem von Chilly Gonzales, der kürzlich im KKL Rocksongs mit Kammermusik für Streicher kombinierte.

So war man etwas enttäuscht, als sich der Tastentag abgesehen vom Luzerner Klavierduo auf die Orgel beschränkte: Mit Rezitals von Luzerner Organisten und Pierre Pincemaille als Stargast. Ein Klavierduo-Rezital und vier Orgelkonzerte von vierzehn Uhr bis abends um neun Uhr: Das schien für einen Tastentag zu einseitig.

Grosse Transparenz

Aber die besten Überraschungen sind eben jene, die anders daherkommen, als man es erwartet. So lernte man an diesem Tag tatsächlich die KKL-Orgel 15 Jahre nach ihrer Einweihung nochmals neu kennen. Die Frage, ob das Instrument, das gegenüber grossen Orchestern oft über zu wenig Klangkraft verfügt, für diesen Saal zu klein konzipiert wurde, wurde noch nie so deutlich weggewischt. Hier, wo sich das Ohr ganz auf die Orgel einstellen konnte, entfaltete sie eine ungeahnte, mitunter aggressive Klangkraft. Und wahrte in der kristallklaren Akustik des Saals dennoch eine Transparenz, wie sie in halligen Kirchenräumen nicht zu haben ist.

Ein Paradebeispiel dafür bot gleich im ersten Orgelrezital Elisabeth Zawadke mit Franz Liszts Präludium und Fuge über Bach, das nicht nur die polyfonen Strukturen plastisch nachzeichnete, sondern auch bei raschen Läufen kristalline Klarheit bewahrte. Die breite, nicht nur romantische Farbenpalette, über die das Allround-Instrument verfügt, nutzte Zawadke ausgeprägt in Regers Sonate Nr. 2. Franz Schaffner führte sie in Carl Rüttis «Veni Creator» und Louis Viernes erster Orgelsinfonie in die Moderne und eine Spätromantik weiter, die mit himmlischen Stimmen und pastellenen Seidentönen betörte.

Alle Register gezogen

Am weitesten gespannt war das Spektrum im Abendrezital des Pariser Organisten Pierre Pincemaille: Er löste die Monumentalität von Bachs Passacaglia und Fuge c-Moll auf in französische Farbigkeit – von rauen Fagotten und Trompeten bis zum Vogelgezwitscherglanz der höchsten Register. Pincemaille zog mit einer ausgedehnten Improvisation über ein archaisches Thema buchstäblich alle Register und verhalf damit diesem Tastentag zu einem eindrücklichen Abschluss. Und er hatte in einem Scherzo von Eugene Gigout bewiesen, dass auch Witz und Esprit in der Orgelmusik eine lange Tradition haben.

Gespannt war man diesbezüglich auf das Rezital von Wolfgang Sieber, der an der Hoforgel, dem Rolls-Royce unter den Luzerner Orgeln, solche Spielarten der Orgelmusik pflegt. Sein Auftritt bewies, dass die Goll-Orgel auch dafür beste Voraussetzungen bietet: In Siebers Ethnic-Suite profitierten die klar zeichnenden Bässe sowie Latin- und Jazz-Rhythmen wiederum von der KKL-Akustik. Und die fremdartigen und charakterscharfen Klänge, die Sieber dem Instrument entlockte, schnarrten mitunter, wie von einer ausgelassenen Banda intoniert, wie akustische 3-D-Projektionen in den Raum.

Daneben fiel sogar Gershwins «Rhapsody In Blue» ab. Obwohl Siebers Sohn Joseph am Flügel sass, wollten die Jahrmarktsfröhlichkeit der Orgel und das Romantik-Pathos des Klavierparts schon im Grundansatz nicht zusammenpassen.

Orgel intensiv kennen lernen

Der pianistische Höhepunkt blieben so Messiaens «Amen»-Meditationen, mit denen das Duo Soos-Haag den Tag eröffnet hatte. Von dessen archaischen, vom gigantischen Glockenklang in den schwarzen Bässen bis hin zu den Glasperlenspielen im Diskant reichenden Klangwelten spannten sich Bezüge zu den Orgelrezitals und schufen so eine Art Programm für diesen Tag. Auch wenn das Parkett und der erste Rang nur bei Siebers Auftritt weitgehend voll waren, zeigte sich das Publikum begeistert. «Toll, dass man die Orgel einmal so intensiv kennen lernen konnte», meinte ein Klavierfreak, der sich den ganzen Marathon zu Gemüt führte.

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