FESTIVAL: Film und Musik in farbenreicher Symbiose

Das Trio Chausson und ein historischer Film setzen neue Akzente im Zaubersee-Festival. Über allem schwebt die unglaubliche Fantasie des französischen Künstlers Marc Chagall.

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Zu sehen waren nebst der Original-Filmaufnahme des Balletts «Aleko» zwei von Chagall konzipierte und bemalte Kostüme von der Uraufführung 1942 in Mexiko. (Bild: Ingo Höhn/Chagall, (r)/(c) 2017, Pro Litteris Zurich)

Zu sehen waren nebst der Original-Filmaufnahme des Balletts «Aleko» zwei von Chagall konzipierte und bemalte Kostüme von der Uraufführung 1942 in Mexiko. (Bild: Ingo Höhn/Chagall, (r)/(c) 2017, Pro Litteris Zurich)

«Es ist ein Chagall-Konzert» sagte Numa Bischof Ullmann, künstlerischer Direktor und Gründer des Zaubersee-Festivals am Donnerstag im «Schweizerhof» zu Beginn des Konzertes Bild und Musik II. Waren im Eröffnungskonzert am Mittwoch noch alle Bilder imaginär durch die Musik entstanden, konnte man nun schon beim Eintreten in den Saal rechts vor der Bühne zwei wunderbare Originalkostüme (Bauer und Bäuerin)sehen, die von Marc Chagall zu dem Ballett «Aleko et Zemphira au clair de lune» 1942 gestaltet wurden.

Dass Meret Meyer, die Enkelin von Bella und Marc Chagall, anwesend war und anschaulich von der Entstehung der grossen Bühnenbilder und über 70 Kostüme erzählte, gab dem Abend besonderes Flair. Man erfuhr, wie alles innerhalb eines Monats für die Uraufführung des Balletts am 8. September 1942 in Mexico City fertig werden musste.

Und als grosse Inspiration hörten die beiden während der Arbeit an Bildern und Kostümen ständig das Klaviertrio in a-Moll von Peter Tschaikowsky, nach dessen Musik das Ballett (Choreografie Léonide Massine) entstanden war.

Welch ein Glück, dass es einen Film von der Premiere gibt, und dass es den Initiatoren von Zaubersee gelungen ist, nicht nur die Kostüme, sondern auch den Film präsentieren zu dürfen. Seit das 21st Century Symphony Orchestra Musik live zu Kinofilmen spielt, hat man da schon einiges in Luzern gesehen. Hier war es das Trio Chausson, das Tschaikowskys Musik synchron zu dem Schwarz-Weiss-Film spielte – eine Herausforderung, die den riesigen Bühnenbildern Chagalls die Farben beimischten, die im Film nicht zu sehen waren. Im Begleitbuch des Festivals allerdings leuchten sie einem umso strahlender entgegen. Aufmerksam gestalteten Léonard Schreiber, Violine, Antoine Landowski, Cello, und der Pianist Boris de Larochelambert die Musik zu den Bewegungen der Tänzer, die vor den ausdrucksvollen Bühnenbildern die Geschichte um Aleko lebendig werden liessen. Man war zum einen gefesselt von diesem Ballett, zum anderen von der Musik, die sich ganz dem Tanz unterordnete. Dabei spürte man, wie sehr die Musiker den Bewegungen nachgingen, die Stimmungen erfassten und auch mal fast innehielten, um wieder synchron zu sein. Eine immense Leistung, bei der die Dynamik manchmal etwas zu kurz kam und vielleicht nicht so differenziert ausgespielt werden konnte wie sonst.

Liebespaar und ein fliegendes Pferd

Über Bewegung und Musik aber schwebte Chagalls unglaubliche Fantasie, die in den Bühnenbildern mit Hahn und Liebespaar, einer Zirkusszene, dem Weizenfeld in strahlender Sonne und dem fliegenden Pferd der Handlung den bildhaften Rahmen gab. Das tragische Ende war musikalisch schon längst angedeutet, bahnte sich doch Melancholie zwischen lustig derben Tänzen und zärtlichen Liebesszenen unaufhaltsam ihren Weg. Die zahlreichen Besucher waren tief beeindruckt und wurden von den Musikern mit einem süffig interpretierten Tango von Piazzolla verabschiedet.

Begonnen wurde das Konzert mit «Vitebsk. Study On A Jewish Theme» von Aaron Copland, das quasi an den Vorabend, der mit Klezmermusik endete, anknüpfte. Und den Bogen zu Chagall schlug, der bei Vitebsk geboren ist. Man musste sich erst einhören in die «unrein» klingenden Melodien, die sich in ungewöhnlichen Halb- und Vierteltönen rieben. In ihrer eigenen Bearbeitung von Maurice Ravels «La Valse» zeigten die Musiker, dass sie die Orchesterfassung spannend umsetzen konnten. Mit wienerischem Schmelz, schwungvoll tänzerischer Leichtigkeit und heftig sich steigernder Vehemenz machten sie den berühmten Walzer zu einem exzellenten Kammermusikstück.

Gerda Neunhoeffer

kultur@luzernerzeitung.ch