FESTIVAL: Gassenhauer für eine andere Welt

Beethoven und Mahler als Grossmonumente: Das Gewandhausorchester Leipzig zeigte die Stärken und Risiken einer einzigartigen Orchestertradition.

Urs Mattenberger
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Grossorchester und 150 Sänger für Beethoven: das Gewandhausorchester mit Chören im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Grossorchester und 150 Sänger für Beethoven: das Gewandhausorchester mit Chören im KKL. (Bild: Lucerne Festival/Priska Ketterer)

Lucerne Festival fächert sich zwar an den Rändern mit Lounge- und anderen neuen Formaten immer mehr auf. Und doch bleiben die Sinfoniekonzerte das Herzstück des Festivals, wie Intendant Michael Haefliger immer wieder betont. Allein schon im Aufwand gehen sie weit über das hinaus, was im Alltag möglich ist, und bilden das Aussergewöhnliche, das nur ein Festival bieten kann. Exemplarisch demonstrierten das die beiden Konzerte des Gewandhausorchesters Leipzig im Konzertsaal des KKL Luzern: Mit einer 150-köpfigen Chorgemeinschaft und einer Orchesterbesetzung von weit über 100 Musikern am Sonntag (mit Beethovens neunter) und Montag (mit Mahlers dritter Sinfonie).

Grosse Kisten also: Damit schienen auch zum Auftakt der letzten Festivalwoche zwei Höhepunkte vorprogrammiert. Kam hinzu, dass das Orchester aus Leipzig vor allem im Werk Mahlers sich als wunderbares Instrument erwies, das deutschen Orchesterklang auf höchstem Niveau vorführte: mit einem warm und tief grundierten, ungemein schmelzfähigen und leuchtkräftigen Streicherklang, charakterstarken Hölzern und Blechbläsern, die auch im Fortissimo betörend rund klingen können.

Masse im Stechschritt

Umso überraschender war, wie zwiespältig die Resultate blieben. Vielleicht lag es daran, dass Chefdirigent Riccardo Chailly, der das seit Mendelssohn legendäre Orchester verjüngt hat, wegen eines Unfalls verhindert war. Der Amerikaner Alan Gilbert liess keine Gelegenheit aus, mit den verschwenderischen Klangmitteln aufzutrumpfen. Gerade so, als fasste der Konzertsaal 2700 Besucher wie die Avery Fisher Hall, in der Gilbert sein New York Philharmonic dirigiert.

Dabei hatte der Beethoven-Abend spannend angefangen. Friedrich Cerhas «Paraphrase über den Anfang der 9. Sinfonie von Beethoven» hatte ihre Pointe darin, dass sie mit kompakt gedrängten Intervallrufen zur Quinten-Leere am Uranfang von Beethovens Neunter hinführt. Aber schon da liess die Unterbrechung, die der Einzug des Chors erforderte, den Faden reissen. Und Gilberts Hang zu grossen, lautstarken Gesten füllte die gespenstische Leere dieses Anfangs ohnehin rasch mit orchestralem Muskelspiel aus.

Was folgte, war eine Neunte im cineastischen Breitwandformat – «voll fett», meinte gar ein Konzertbesucher. Dass Gilbert dieses Monument nicht breit zelebrierte, sondern mit raschen Tempi vorantrieb, führte im Finale zum Paradox, dass die potenten Chöre (Gewandhaus und Oper Leipzig) kaum vom Text her artikulieren und gestalten konnten, sondern der Stechschritt in der Masse Freudenhymnus und Sternzeltmagie zu nivellieren drohten. Allerdings gab das mit Christina Landshamer, Gerhild Romberger, Steve Davislim und Dimitry Belosselsky homogen besetzte Solistenquartett diesem Monumentalgemälde unforciert berührende menschliche Züge.

Ein Hauch von Neujahrskonzert

Von den enormen klanglichen Qualitäten, die das Orchester hier ausgesprochen im flüssig ausgesungenen Adagio bewies, profitierte zwar am Montag stärker noch die dritte Sinfonie von Gustav Mahler. Aber den Hang zum Effekt, der sich schon im ersten Piano-Schmettern der Trompeten bei Beethoven angekündigt hatte, wurde hier auf die Spitze getrieben. Da war kein Bläserglissando, das nicht genüsslich ausgequetscht wurde, hatte jeder Blechakzent ätzende Schärfe, verdünnten sich die Pianissimi zu Extremwerten, die selbst in der Konzertsaalakustik zu zerbröseln drohten. Der «gebrochene» Mahlerton kehrte verwandelt zurück – ins Positive gewendet durch die pure Lust an starken Reizen und Effekten. Die Gassenhauer etwa, mit denen Mahler im ersten Satz triviale Betriebsamkeit karikiert, machten ohne doppelten Boden süffig Spass wie beim Neujahrskonzert.

Vom Lärm zur Magie

Dabei gestaltet Mahler in diesem Werk eine Art Schöpfungsgeschichte, die gipfelt in der Beschwörung des Menschen und in einem grossen Liebeshymnus. Da, beginnend in der hauchzart verschmelzenden Posthorn-Episode des dritten Satzes und mit dem nach innen gewendeten Altsolo des vierten, hatte diese Aufführung ihre wahrhaft grosse Momente. Gerhild Romberger entrückte mit entspannt und doch weit strömender Stimme aus der lärmigen in eine magische Welt, mit der Kinder- und Frauenchor unforciert kontrastierten. Und im weltumarmenden Finale bewies das Gewandhausorchester seine Weltklasse mit einer Klangkultur, die nun tatsächlich die jener «ganz anderen» Welt war, die Mahler beschwört. Selbst wenn die Fortissimosteigerungen zum Schluss etwas abgenutzt wirkten, war da klar: Sinfoniekonzerte bleiben das Herzstück dieses Festivals.