Klassikstar Daniel Barenboim: Lucerne Festival ist eine Plattform für engagierte Kunst.

Der Dirigent und Pianist Daniel Barenboim (75) engagiert sich mit seinem Divan-Orchester für Versöhnung im Nahen Osten. Jetzt spricht er auch mit einem neuen musikalischen Werk über menschliche Hintergründe eines politischen Konflikts.

Interview: Urs Mattenberger
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Vereint arabische und jüdische Musiker: Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra beim letztjährigen Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Vereint arabische und jüdische Musiker: Daniel Barenboim mit dem West-Eastern Divan Orchestra beim letztjährigen Auftritt am Lucerne Festival. (Bild: LF/Priska Ketterer)

Daniel Barenboim, Sie kombinieren am Festival Bruckners Neunte Sinfonie mit einem ganz neuen Werk: Steht «Looking for Palestine» wie das Divan-Orchester für Versöhnung im Nahen Osten, oder ergreift es Partei?

Die Frage stellt sich so nicht, weil David Robert Colemans «Look­ing for Palestine» überhaupt kein politisches Stück ist. Der Ausgangspunkt hat mit dem Orchester selber zu tun. Denn die Texte stammen aus den gleichnamigen Memoiren der amerikanisch-palästinensischen Autorin und Schauspielerin Najla Said, der Tochter von Edward Said, der mit mir zusammen 1999 das Divan- Orchester gegründet hat.

Worum geht es in diesen Texten?

Sie handeln von einem palästinensischen Mädchen, das in einem stark jüdisch geprägten Milieu in New York lebt. Schon damit wird die Begegnung zwischen den beiden Kulturen vom Politischen weg ins Menschliche verlegt.

In den Videos auf Ihrem Youtube-Kanal geben Sie unter anderem Hinweise, wie Konzertgänger Zugang zu zeitgenössischer Musik finden können. Was würden Sie bezüglich der Musik von Coleman raten?

Ich denke, die Musik ist sehr zugänglich. Coleman hat es für Sopran und Orchester geschrieben, und die Sopranistin Elsa Dreisig ist eine der grossen Sängerinnen der jungen Generation. Zum Instrumentarium gehört eine arabische Laute, die Oud. Und auch die Musik selber hat ab und zu einen arabischen Charakter. Allerdings ist dieser sehr fein und diskret und geht überhaupt nicht in Richtung Popmusik. Generell ist Colemans Musik rhythmisch sehr interessant, ich würde sagen, in dieser Hinsicht spürt man den Einfluss von Pierre Boulez.

Nach Pierre Boulez haben Sie den modulabel bestuhlbaren Saal in der 2016 eröffneten Barenboim-Said-Akademie in Berlin benannt. Dessen Flexibilität geht dem Konzertsaal des KKL ab. Wie schätzen Sie diesen Konzertsaal ein?

Der Konzertsaal des KKL ist sehr gut, als Dirigent und als Pianist fühle ich mich darin sehr wohl. Ich bin aber auch beeindruckt, wie im KKL die Geschichte des Lucerne Festival weitergeführt wird. Diese Geschichte, die mit Toscanini angefangen hat, finde ich wunderbar. Das Festival in Luzern war von Anfang an mit einer Idee verbunden, der Idee auch der künstlerischen Freiheit. Hier werden nicht nur Konzerte produziert.

Auch das Divan-Orchester verkörpert eine solche Idee. Aber heute wäre ein Konzert, wie Sie es einst in Ramallah gaben, nicht mehr möglich, haben Sie kürzlich gesagt. Wie schätzen Sie denn die politische Lage im Nahen Osten heute ein?

Entscheidend ist, dass der Konflikt im Nahen Osten im Grunde gar kein politischer ist, sondern ein menschlicher. Da stehen sich nicht Nationen gegenüber, die um Grenzen, Wasser oder Öl kämpfen. Es geht vielmehr um einen Konflikt zwischen zwei Völkern, die glauben, Anrecht zu haben auf dieses kleine Stück Land, und das am besten ohne den jeweils anderen. Das führt in eine Katastrophe, wenn beide nicht den Punkt erreichen, wo sie sich gegenseitig akzeptieren können. Und so wie sich die israelische Regierung gegenwärtig verhält, will sie offensichtlich keine Lösung. Ich nehme an, sie ist überzeugt, durch die aktuelle Regierung in den USA nicht darauf angewiesen zu sein.

Rechtsnationale Tendenzen nehmen auf der ganzen Welt zu. Fühlt man sich da als Musiker nicht machtlos?

Ich halte es mit dem italienischen Philosophen Antonio Gramsci, der vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb, intellektuell sei er ein Pessimist, aber emotional müsse man Optimist sein. Das gilt erst recht, wenn man in die Zukunft schaut. In den nächsten 20, 30 Jahren werden viele Menschen aus Afrika nach Europa kommen. Europa muss sich deshalb bereits heute um Afrika kümmern und auf dem Kontinent Hilfe leisten. Da kann auch die Kunst eine ­Rolle spielen. Ich habe bereits ein Konzert in Ghana gegeben – vor Menschen, die noch nie ein klassisches Konzert gehört haben, aber voller Ehrfurcht und konzentriert zuhörten. Es war eine wunderbare Erfahrung. Deshalb plane ich für die nahe Zukunft eine Konzertreise nach Afrika.

Konzerte

Daniel Barenboim gibt mit dem West Eastern Divan Orchestra zwei Konzerte im Konzertsaal des KKL. Das erste Konzert vom Dienstag ist praktisch ausverkauft. Bruckners Neunte Sinfonie und Colemans «Looking for Palestine» stehen am Mittwoch, 23. August, 19.30, auf dem Programm.

www.lucernefestival.ch