FESTIVAL: Hochstehendes Kino in Venedig

Was für ein Auftakt: Das Filmfestival Venedig überschüttet sein Publikum mit kunstvollem Kino von Paul Schrader oder Alexander Payne. Enttäuschend ist lediglich die Flüchtlingsdoku des Künstlers Ai Weiwei.

Daniel Kothenschulte
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Publikumsliebling Matt Damon brachte mit «Downsizing» einen Oscar-Anwärter mit nach Venedig. (Bild: Ettore Ferrari/EPA (Venedig, 30. August 2017))

Publikumsliebling Matt Damon brachte mit «Downsizing» einen Oscar-Anwärter mit nach Venedig. (Bild: Ettore Ferrari/EPA (Venedig, 30. August 2017))

Daniel Kothenschulte

Eigentlich könnte man schon wieder nach Hause fahren. Schon nach der Halbzeit hat Venedig mehr erstklassige Filme gezeigt als manches andere Festival in zehn Tagen.

Selten hat ein Festival in den letzten Jahren derart aus dem Vollen schöpfen können wie Venedig, und besonders zahlt sich dabei die traditionell gute Beziehung zum amerikanischen Kino aus. Mit Annette Benning präsidiert zudem eine der angesehensten Hollywoodschauspielerinnen die Jury, was für den bisherigen Favoriten, Altmeister Paul Schrader («First Reformed») allerdings auch problematisch sein könnte – mitunter scheuen sich Juroren, ihre eigenen Landsleute auf das Schild zu heben.

Ein Prediger wird radikalisiert

Der Autor von «Taxi Driver», der seinen grössten künstlerischen Erfolg als Regisseur bereits 1980 mit einer Annäherung an den rituellen Suizid des japanischen Dichters «Mishima» feierte, führt die Themen beider Filme nun zusammen. Im Mittelpunkt von «First Reformed» steht die Radikalisierung eines Predigers. Ethan Hawke spielt eine seiner besten Rollen mit dieser zerbrechlichen Figur. Hochstilisiert, ist es ein formvollendetes, klassisches Werk .

Wie im letzten Jahr, als die Eröffnung dem eleganten, aber doch auch etwas selbstverliebten «La La Land» gehörte, sieht man auch dem diesjährigen Auftaktfilm «Downsizing» das erhoffte Oscar-Gold förmlich wie Dollarzeichen aus den Augen blitzen. Dabei liegt der Reiz von Alexander Paynes Film nicht in der hübschen Idee allein, die Menschheit könne ihre Zukunft retten, wenn der Homo Sapiens auf zwölf Zentimeter schrumpfte. In echter Nachfolge zu Switfs «Gullivers Reisen» staunt man vor allem über die Gesellschaftssatire, die sich dahinter verbirgt. Matt Damon spielt einen glücklosen Altruisten, der sich schrumpfen lässt. Doch der hübsche Traum, in einer Miniwelt werde jeder automatisch zum Millionär, hat kurze Beine. Auch dort verbannt der Kapitalismus die Ärmsten in Wohnsilos aus Schuhkartons. Das Unglück des Helden soll unseres nicht sein: In seiner bescheidenen Etagenwohnung trifft er auf zwei Glücksritter als Nachbarn, die man nicht besser hätte besetzen wollen: Christoph Waltz und Udo Kier verdienen ihr Geld damit, teures Parfüm in Mini-Fläschchen zu füllen. Ihrem traurigen Nachbarn ist mit der Dauerparty-Laune des lustigen Duos indes kaum geholfen. Im Werk des «Sideways»-Regisseurs ist «Downsized» der bitterbö­seste Film und wohl auch der Lus­tigste.

Ai Weiwei macht Selfies mit Flüchtlingen

Die erste Enttäuschung im Wettbewerb wirkte dafür umso nachhaltiger. Der chinesische Künstler und politische Aktivist Ai Weiwei hatte mit der deutschen Produktion «Human Flow» nicht weniger versprochen als ein umfassendes Dokument globaler Flucht- und Migrationsbewegungen. Doch wer die bisherigen Werke des Künstlers zu diesem Thema kennt, war vielleicht schon skeptisch: Als sich Ai Weiwei in der Position des toten syrischen Flüchtlingskinds Alan Kurdi 2015 an einem Strand fotografieren liess, erinnerte er eher an einen gestrandeten Wal. Seine zahlreichen Auftritte in diesem Film sind kaum geschmackvoller. Immer wieder mischt er sich selbst in die dokumentarischen Bilder von Fluchtrouten und Lagern ins Bild oder überreicht einer jungen Geflüchtete einen seiner Kunstkataloge. Das an vielen Orten auf der Welt gedrehte Filmmaterial wirkt disparat und auf Effekt gebürstet: Aus dem Zusammenhang gerissene Zeitungsschlagzeilen legen sich über die Bilder. Die politischen Hintergründe zu erklären, überlässt der Regisseur Mitarbeitern der UNO-Flüchtlingshilfe, unabhängige Helfer kommen seltener zu Wort. Umso ungehemmter posiert der Filmemacher selbst, drängt sich wie zum «Selfie mit Flüchtlingen» in seine Bilder.