FESTIVAL: Jazz vertreibt Geigendünkel

Ein Trommelschlag zum Abschluss: Die «Young Performance» begeisterte Kinder jeden Alters und erwies sich als Modell mit Zukunft.

Urs Mattenberger
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Junge Musiker spielen mit ihren Instrumenten Theater: Die Jazz-Combo in der «Young Performance» gestern im Luzerner Saal des KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Junge Musiker spielen mit ihren Instrumenten Theater: Die Jazz-Combo in der «Young Performance» gestern im Luzerner Saal des KKL. (Bild: Lucerne Festival/Peter Fischli)

Am Anfang steht, wie meist bei Kindern, das Staunen. Ein Geigenton hängt im Raum, noch bevor die Geigerin zu sehen ist. Und mischt sich mit dem Flimmern des Vibrafons oder mit bauchig durchhängenden Brummern vom Kontrabass. Die Musiker recken neugierig die Hälse nach den raunenden Klängen im Raum, das junge Publikum im Luzerner Saal des KKL ist ein erstes Mal verzaubert. Bis zum grossen Eclat: Ein junger Mann sprintet gehetzt mitten hindurch und furzt mit seiner Posaune lautstark in den Saal hinaus.

Im prustenden Gelächter, in dem sich das stille Staunen entlädt, landet diese «Young Performance» des Lucerne Festivals einen ersten Grosserfolg beim jungen Publikum. Und findet zum Erfolgsrezept, das während 50 Minuten raffiniert abgewandelt wird: Nach choreografischen Inputs des Jugendtheatermachers Dan Tanson und der zirkuserprobten Choreografin Laura van Hal spielen sieben junge Musiker – alles ehemalige Teilnehmer der Academy – nicht nur ihre Instrumente, sondern buchstäblich mit vollem Körpereinsatz.

Das Tuten und Blasen, Streichen, Schlagen und Zupfen wird zur Grundlage von kurzweilig aneinandergereihten szenischen Aktionen. Das theatrale Potenzial, das im Spielen eines Instruments steckt, schafft Kindern einen unmittelbaren Zugang zu Musik, ist «Young»-Leiter Johannes Fuchs überzeugt. Und setzt diese Idee erstmals mit einer Eigenproduktion des Festivals mit Jungen für Junge um.

Geschlechterkampf für alle

Nach Schulvorstellungen vor rund 1000 Kindern bestätigte sich gestern, dass das auch ohne durchgehende Geschichte bestens funktioniert. Die Idee, unter dem Titel «Heroïca» frech, spassig, poetisch und mit einem Schuss Akrobatik Imponiergehabe unter Jugendlichen vorzuführen, flackert immer wieder auf. Erstaunlich ist, wie sich dabei musikalische Stile – meist in Auszügen und Arrangements – zwanglos mischen. Wenn die Posaune Mozarts wirblige «Cosi-fan-tutte»-Ouvertüre aufmischt, denkt man nicht: Achtung zeitgenössische Musik (Berios «Sequenza» für dieses Instrument)! Es ist einfach lustvolles instrumentales Theater.

Konkret greifbar wird das Imponier-Thema, wenn die hochnäsige Geigen-Primadonna die patzenden Mitmusiker der Reihe nach von der Bühne schickt – und dann von deren Jazz-Combo selber an den Rand gedrängt wird. Das ist so griffig, dass dieses für Kinder ab neun gedachte Konzept auf allen Altersstufen funktioniert. Das pubertierende Bandengezänk zwischen Mädchen und Burschen etwa wird zu einem Höhepunkt auch für Vierjährige, wenn es in einen gewalttätig trommelnden, in Blutrot getauchten Geschlechterkampf ausartet. «Das het sich aber glohnt», meinte ein Mädchen begeistert zum Mami.

Ein zukunftsweisender Abschluss also für die «Young»-Reihe dieses Sommers. Bei vielen Produktionen konnte man bisher an Details herummäkeln, etwa weil sie mit Hochdeutsch Vierjährige abhängten oder ohne Live-Musik auskommen mussten. Hier stimmt alles und steht erst noch die Musik im Zentrum.

Eine Schlüsselproduktion ist das zudem, weil sie das enorme Potenzial der Academy in neuartiger Form nutzt – ohne Scheuklappen gegenüber Klassik wie Moderne. Da wurde sie ein Tag vor Schluss greifbar: Haefligers Vision des «Young»-Bereichs als drittem Standbein für das Festival.