FESTIVAL: Moderne Soldaten und Prinzessinnen

Märchenzauber, Witz und Hintersinn: Die «Young»-Konzerte erproben Möglichkeiten, mit denen Musik auch Erwachsenen neuartig vermittelt werden könnte.

Urs Mattenberger
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Strawinskis «Soldaten»-Geschichte als überbordendes Schachspiel: Schauspieler Uwe Topmann im Luzerner Saal des KKL. (Bilder Lucerne Festival/Georg Anderhub)

Strawinskis «Soldaten»-Geschichte als überbordendes Schachspiel: Schauspieler Uwe Topmann im Luzerner Saal des KKL. (Bilder Lucerne Festival/Georg Anderhub)

«Sooo doof sind Prinzessinnen nun auch wieder nicht!» Der Satz war im Sitzkissenkonzert von gestern Morgen zwar auf moderne Prinzessinnen gemünzt, die keine Lust haben, sich vom «hungrigen Drachen» fressen zu lassen. Aber er taugte zugleich zum Motto für die «Young»-Konzerte dieses Lucerne-Festival-Sommers. Sie nämlich nehmen auch die Kinder selbst nicht für «doof», sondern erfreulich ernst.

Dazu gehört zuallererst, dass sie sie nicht mit immer gleichen und naheliegenden Klischees bedienen, sondern immer wieder auf andere Art fordern – in einer Vielfalt, die auch für Erwachsene interessant ist. Das reichte bisher vom bedrohlichen Märchenzauber in der «Rusalka»-Adaption des Figurentheaters Petruschka über schnoddrige Ironie im Sitzkissenkonzert («Oskar und der hungrige Drache») bis zur Trickfilmversion von Strawinskys «Geschichte vom Soldaten» gestern im Luzerner Saal des KKL («Strawinsky:Animated»).

Ein Modell für Erwachsene!

Allen gemeinsam ist, dass sie Musik mit Sprache, Spiel und Bildern kombinieren – und damit verschiedene Ebenen bieten, über die Zuhörer je nach Alter den einen oder anderen Zugang finden. Am weitesten im Anspruch ging gestern Strawinskys «Geschichte vom Soldaten», der dem Teufel für die Aussicht auf das grosse Geld seine Geige verkauft. Die Animation des Kollektivs «motionfruit» bedient da noch alle Altersstufen: Sie beginnt mit einem asketisch-reduzierten Formenspiel, wenn sich rote (Teufels-)Dreiecke und grüne (Soldaten-)Quadrate wie im Schach auf der Leinwand verschieben und schlagen. Aber die Formen wuchern fantasyartig weiter im Verlauf dieser Parabel von der Suche nach dem Glück.

Die Dramatik, die Uwe Topmann in den Text und in sein Spiel legt, sowie die Regie von Daniel Pfluger, der sie mit einer Tänzerin weiter aufbricht, zeigen: Viele Mittel, mit denen in Jugendprojekten experimentiert wird, könnten auch Erwachsenen neuartige Zugänge erschliessen. Statt die Geschichte auf die kindgerecht-einfache Frage «Was macht uns glücklich?» (Flyer) zu reduzieren, wurde sie hier kaleidoskopisch immer weiter aufgefächert und drohte den einfachsten Zugang zu verbauen. Die toll gespielte Musik (unglaublich agil die Geige von Diana Tishchenko) rückte in diesem psychedelischen Trip allzu sehr in den Hintergrund.

Ironie vom Hellraumprojektor

Wie man Musik gleichermassen kindgerecht wie kreativ bebildern kann, zeigte gestern das Sitzkissenkonzert «Oskar und der hungrige Drache». Die Bilder ab Hellraumprojektor waren in ihrer comicartigen Vereinfachung so einfach-raffiniert wie die Geschichte selbst: Ein hungriger Drache, dem das Dorf statt einer der entflohenen Prinzessinnen den kleinen Oskar zum Frass vorwirft, verschont den Knaben, um von seinen Kochkünsten zu profitieren. Die jazzige Musik (am Flügel: Henning Ruhe) untermalt die Geschichte mit handfest rumorenden Drachenklängen, aber schon die Zeichnungen von Patrick Widmer bringen sie auf eine witzige Ebene. Und das gilt erst recht für die Erzählung selbst: Ursula Gessat macht deren Ironie mit vital sprühendem Temperament auch für Vierjährige zugänglich, die dem Text – das einzige Minus: auf Hochdeutsch – nicht immer folgen konnten. Wo die Kinder mittrampeln durften, kochte jedenfalls der ganzen Maskenliebhabersaal mit.

Direkter Draht zu grossen Gefühlen

Von Musik wollen aber Kinder wie Erwachsene neben Fantasy und Ironie auch grosse Gefühle. Diese bietet das «Young»-Programm weiterhin mit Dvoráks «Rusalka» in der Version des Figurentheaters Petruschka (Tribschen-Pavillon, wir berichteten). Auch ihr Märchenzauber führt die Kleinen hinaus in eine «andere Welt», wie sie Kinder lieben und von der selbst in Strawinskys «Soldat» die Rede ist. «Rusalka» tut es mit hochemotionalen Auszügen aus der Oper (ab Band) und mit den wundersamen Sandmalereien von Marianne Hofer, die Erwachsene und Kinder gleichermassen faszinieren können. Keine Frage: Ergänzt mit Live-Musik wäre sie es, die den direktesten Draht herstellt zwischen Kindern und eben der «anderen Welt» der klassischen Musik.

Hinweis

Letzte «Young-Produktion»: Young Performance «Heroïca», szenisches Konzert für sieben Instrumentalisten, Samstag, 13. September, 11/15 Uhr, KKL Luzern, Luzerner Saal.