FESTIVAL: Musikalische Pointen am Lucerne Festival

Können Klassikkonzerte, in denen man still sitzen muss, lustig sein? Ja, sagt das Lucerne Festival, das vom 14. August bis 13. September unter dem Thema «Humor» steht. Dieser Humor durchzieht das ganze Programm von Gratiskonzerten für Einsteiger bis zu den Sinfoniekonzerten.

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Akrobatisch angereicherte Klassik-Comedy-Show: Das Duo Igudesman & Joo mit seiner Truppe. (Bild: Julia Wesely)

Akrobatisch angereicherte Klassik-Comedy-Show: Das Duo Igudesman & Joo mit seiner Truppe. (Bild: Julia Wesely)

Urs Mattenberger

Die Sommer-Ausgabe von Lucerne Festival, die am Freitag beginnt und bis am 13. September dauert, überrascht mit ihrem diesjährigen Motto. Denn sein Renommee verdankt das Festival auch dieses Jahr der weltweit bedeutendsten Parade von Spitzenorchestern, vielen Klassikstars sowie den neuen Wegen, die es mit der Lucerne Festival Academy in der zeitgenössischen Musik geht. Das alles ist hochkarätig, manchmal experimentell oder so exklusiv wie das Lucerne Festival Orchestra, in dem bekannte Solisten und Kammermusiker mitwirken.

Humor macht hellwach

Aber können Konzertrituale, in denen man still sitzt und die noch immer von einer strengen Etikette geprägt sind, auch lustig sein? Ja, behauptet das Festival eben mit seinem diesjährigen Thema «Humor».

Überraschend ist das allerdings nur auf den ersten Blick. Denn in der klassischen Musik selber spielte Humor seit ihren Anfängen eine prominente Rolle, wie ein Streifzug durch das Programm beweist. Freilich geht es dabei nicht immer nur darum, lustig zu sein. Das erklärte der Geiger des Klassik-Comedy-Duos Igudesman & Joo im Magazin unserer Zeitung zum Lucerne Festival («PIU» vom 21. Juni) so: «Jedem würde übel, wenn bei einem mehrgängigen Menü nach dem Schweinsbraten noch eine Ente und eine Lammkeule serviert würde. Es braucht dazwischen ein leichtes Sorbet, damit man den nächsten Gang wieder hellwach geniessen kann.»

Humor, der mit seinen Pointen die Sinne schärft, findet sich in zahlreichen Konzerten dieses Festivalsommers. Zwar erklingen in den Sinfoniekonzerten auch hochdramatische, also humorlose Schwergewichte aus dem klassisch-romantischen Repertoire. Aber selbst da blitzt der Humor überraschend häufig auf. Noch selten war das Festivalthema in allen Programmschienen so konkret präsent wie dieses Jahr.

Schabernack und Kabarett

Haydn etwa, als Meister musikalischer Pointen ein Stammgast in diesem Sommer, rüttelt in seiner Sinfonie mit dem Paukenschlag schläfrige Hörer überfallartig mit einem Orchesterschlag wach. Schostakowitsch unterläuft parodistisch die Erwartungen des einstigen Sowjetregimes an eine triumphale Siegessinfonie. Gustav Mahler versetzt seine Weltanschauungs-Utopien in einen ironisch gebrochenen Schwebezustand. Richard Strauss spielt mit Till Eulenspiegel hochvirtuos lustige Streiche.

Darum herum findet sich Humor prominent in der alten wie in der ganz neuen Musik. So treiben Alte-Musik-Ensembles mit Tierlautimitationen und Schlachtgetümmel barocken Schabernack oder feiern im Luzerner Theater Karnevals-Maskeraden. Wie sich Komponisten der frühen Moderne vom Kabarett zu abgründigem Humor inspirieren liessen, zeigen in den Late-Night-Konzerten zwei Meisterwerke von Arnold Schönberg und Igor Strawinsky (vgl. Kasten).

Show mit Akrobaten

Zeitgenössische Komponisten retteten diesen Humor mit der Komik des instrumentalen Theaters bis in die Gegenwart hinein. Das prominenteste Beispiel dafür ist in diesem Sommer der Schweizer Komponist Jürg Wyttenbach: Von ihm erklingt, eine Sensation, unter anderem die Uraufführung des theatralen Madrigalspiels «Der Unfall» nach einem Libretto von Mani Matter.

Trotz allem wird das Publikum bei den meisten dieser Konzerte aufmerksam still sitzen und allenfalls schmunzeln. Es gibt sie aber durchaus auch, Konzerte, wo man herzhaft heraus­lachen darf und muss. Intendant Michael Haefliger, der sich im «PIU» in Sachen Humor eher als Zyniker outete, fiel «vor Lachen fast vom Stuhl», als er erstmals das Klassik-Comedy-Duo Igudesman & Joo sah und hörte.

Diese nutzen für ihre Komik klassische Ohrwürmer, indem sie sie mit akrobatischer Virtuosität auch mit anderen Stilen vermischen. Jetzt in Luzern tun sie es mit einer international durchmischten Truppe von Musikern, die alle auch Akrobaten, Gaukler, Rapper oder sonstige Multitalente sind. Und bringen Showelemente mit ein, die noch im romantischen 19. Jahrhundert selbstverständlich in Klassik-Programmen Platz hatten. Aber es geht selbst hier nicht darum, «immer nur lustig zu sein», wie Igudesman die Message ihres Humors umschreibt: «Humor kann im Gegenteil helfen, auch den Zauber und die Schönheit von Musik besser wahrzunehmen, statt sich einlullen zu lassen.»

Eröffnung: Es darf gelacht werden!

Die mit alledem angestrebte Vielfalt zwischen Lammkeule und Sorbet prägt das Programm des Sommerfestivals insgesamt. So wird das Hauptprogramm, in dessen Zentrum nach wie vor die Stars und Sinfoniekonzerte stehen, mit neuen Konzertformaten nach allen Seiten aufgelockert. Die «40min»-Gratiskonzerte und die Open-Air-Auftritte von Festival-Musikern bei der Buvette sind eine Art Appetizer, schillernd ausklingen lassen kann man den Abend in einem Late-Night-Konzert oder immer am Freitag – in der Bourbaki-Lounge.

Einmal kommt sogar all das zusammen. Morgen Freitag nämlich, wenn die Eröffnung mit der Rede des Pianisten Alfred Brendel zum Thema Humor – mit dem Konzert des Lucerne Festival Orchestra unter Bernard Haitink auf Grossleinwand übertragen wird. Während es im Konzertsaal mucksmäuschenstill sein wird, darf man draussen auf dem Inseli sogar gemeinsam lachen, wie es zu jedem guten Humor gehört.

Hinweis

Programm und VV: www.lucernefestival.ch, Tel. 041 226 44 80. Das Kartenbüro im KKL offen ab 10 Uhr.

Verlosung: Tickets für Nelsons

Wir verlosen 3x2 Tickets für das Konzert des Lucerne Festival Orchestra unter Andris Nelsons am Mittwoch, 19. August, 19.30, im Konzertsaal des KKL Luzern. Auf dem Programm stehen von Gustav Mahler Lieder aus «Des Knaben Wunderhorn» (mit Matthias Goerne) und die fünfte Sinfonie. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 23 (Fr. 1.50 pro Anruf), oder nehmen Sie unter www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe an der Verlosung teil. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern ermittelt und informiert.