FESTIVAL: «Musikmachen ist wie Bäume pflanzen»

John Eliot Gardiner dirigiert als Agnostiker das Herzstück des Osterfestivals: mit jenem Forschungsdrang, der ihn als Musiker wie Biobauer beflügelt und selbst in Bachs Matthäuspassion Spuren des Zweifels entdeckt.

Urs Mattenberger
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Bahnte in den 90er-Jahren dem Originalklang den Weg ans Festival in Luzern: John Eliot Gardiner (72) vor drei Jahren im KKL-Konzertsaal. (Bild Archiv Neue LZ)

Bahnte in den 90er-Jahren dem Originalklang den Weg ans Festival in Luzern: John Eliot Gardiner (72) vor drei Jahren im KKL-Konzertsaal. (Bild Archiv Neue LZ)

Urs Mattenberger

John Eliot Gardiner, Ensembles mit alten Instrumenten rebellierten in den 60er-Jahren gegen das Klassik-Esta­blishment. Inzwischen sind Sie selber längst zum Star geworden. Wie haben Sie diesen Wechsel erlebt?

John Eliot Gardiner: (lacht) Zum Esta­blishment zähle ich mich auch jetzt noch nicht! Und das Ziel, alte Musik immer wieder neu zu entdecken, ist nie abschliessbar. Da gibt es immer noch viele Schritte zu tun. Aber die Voraussetzungen dafür sind tatsächlich heute anders. Insofern waren diese 50 Jahre schon ein riesengrosses Erlebnis.

Inwiefern?

Gardiner: Als ich mit den English Baroque Soloists auf alte Instrumente wechselte, gab es wenige gute Musiker, die diese Instrumente gut spielen konnten. Heute gibt es davon eine fantastische Anzahl, die das mit grosser Neugier und Leidenschaft tut.

Wieweit profitieren von diesem Wandel moderne Orchester, die Sie auch dirigieren?

Gardiner: Anfangs schlug mir bei modernen Orchestern grosse Skepsis entgegen, weil sie glaubten, sie könnten in ihrer Art alles vom Barock bis heute spielen. Heute wissen die meisten Orchester, dass es dafür eine grosse stilistische Flexibilität braucht. Und viele haben Erfahrung mit historischer Aufführungspraxis. Als ich mit dem London Symphony Orchestra einen Mendelssohn-Zyklus machte, staunte ich, wie selbstverständlich sie praktisch ohne Vibrato spielten – dafür mit mehr Sensibilität und fast ohne jeden Anflug eines Wagner’schen Stils.

Viele Orchester sagen, gerade weil sie von ihnen gelernt hätten, seien heute alte Instrumente überflüssig. Wie wichtig sind diese noch?

Gardiner: Das ist eine sehr persönliche Sache. Wichtiger als das Instrument ist sicher der Musiker und der Spass und der Enthusiasmus, die er mitbringt. Aber von alten Instrumenten, vom Erlebnis und von den Proben mit ihnen, kann man immer noch unheimlich viel lernen. Ich persönlich mache die Erfahrung, dass man das im Repertoire ab Mozart recht gut auf moderne Instrumente übertragen kann. Aber bei Bach oder Händel bleiben mir moderne Instrumente fremd.

Bach, dessen Matthäuspassion Sie jetzt in Luzern aufführen, begleitet Sie seit Ihrer Kindheit: Sie wuchsen unter seinem Blick auf, weil da das berühmte Haussmann-Porträt von Bach hing. Stand der saturierte Beamte, als der er da wirkt, Ihrer eigenen Vitalisierung Bachs nicht im Weg?

Gardiner: Anfänglich fand ich diesen Bach tatsächlich sehr pädagogisch und etwas unsympathisch. Aber mit der Zeit entdeckte ich in diesem Porträt viele Facetten. Wenn man sich die Perücke wegdenkt, die eine Art Maske ist, sieht man, dass um die Lippen ein bisschen Humor spielt. Und dann ist da noch die Intensität seiner Augen! Heute liebe ich das Bild und finde es sehr lebendig.

Sie bezeichnen sich selber als Agnostiker. Ziehen Sie deshalb für die Passion das KKL einer Kirche vor?

Gardiner: Nein, denn natürlich ist die Matthäuspassion ein eminent christliches und spirituelles Werk. Wenn ich das dirigiere, bin auch ich ein Gläubiger – und muss es sein. Das ist ähnlich, wie wenn ich in Epidauros ein Stück von Sophokles anschaue: Da bin ich involviert, als wäre ich ein Schüler aus Platons Akademie! Die Matthäuspassion führe ich sowieso auch in Kirchen auf – wie demnächst in Bachs Thomaskirche in Leipzig. Aber in einem Konzertsaal sitzt man bequemer, und die vorzügliche Akustik im KKL hat auch bei diesem Werk grosse Vorteile.

Welche?

Gardiner: Man kann ihm in einem Konzertsaal unvorbelastet wie einem religiös-intellektuellen Gespräch folgen. Und die Akustik bringt dessen viele Facetten angemessen zum Ausdruck – die weichen meditativen Stimmungen ebenso wie die Leidenschaft und die opernhafte Energie. Die grösste Herausforderung für die Interpretation besteht ja darin, dass es keine durchgezogene Linie gibt. Der Wechsel von Arien, Chorälen, Rezitativen und Chören sorgt ständig für Unterbrüche zwischen Erzählung und Reflexion. Zur Spiritualität der Matthäuspassion gehört deshalb, dass sie sich dem Zugriff auch entzieht – wie eine Seife, die einem in der Badewanne immer wieder entgleitet.

Im Zusammenhang mit Ihrer Aufführung aller Bach-Kantaten haben sie gezeigt, wie Bach da eigene Glaubenszweifel einkomponierte. Gibt es Ähnliches in der Matthäuspassion?

Gardiner: Bach entsprach sicher nicht dem verklärten Klischee vom «fünften Evangelisten», das ihm einst angehängt wurde. Tatsächlich gibt es auch in der Matthäuspassion Stücke, in denen das zum Ausdruck kommt. In der Tenor-Arie «Geduld» etwa ist die beschworene Geduld keineswegs selbstverständlich. Der Tenor sucht sie vielmehr und bittet darum. Und wenn die sich sanft wiegende Instrumentalbegleitung umkippt in einen überpunktierten, energiegeladenen und kaum mehr kontrollierbaren Rhythmus, ist klar, dass der Tenor keine Ruhe findet.

Und das gilt auch für Bach selber?

Gardiner: Das kann man zumindest mit vielen Lebenssituationen von Bach in Verbindung bringen. Er wurde öfter provoziert, hatte einen unsympathischen Herzog in Weimar oder musste sich in Leipzig mit einem Stadtrat herumschlagen, der sein Genie nicht verstand. Seine Schreiben zeigen, dass ihm da auch mal ganz konkret der Geduldsfaden riss.

Sind diese kaum kontrollierbaren Rhythmen ein Beispiel, wie man mit historischer Aufführungspraxis inhaltliche Bezüge akzentuieren kann?

Gardiner: Ja, man darf solche Dinge aber nicht übertreiben. Und diese Gefahr besteht, wenn man bloss solche Äusserlichkeiten kopiert. Schon meine Lehrerin Nadia Boulanger hat mich gelehrt, dass man nicht bloss imitieren soll, sondern selber tief eintauchen muss zu den Wurzeln der Musik. Auch in der historischen Aufführungspraxis ist keine Abkürzung über Shortcuts möglich.

Zurück zu den Wurzeln gingen Sie auch im Zweitberuf mit ihrem Biobauernhof. Sehen Sie da eine Verbindung zu Ihrer musikalischen Tätigkeit?

Gardiner: Ja, da gibt es für mich einen direkten Zusammenhang, auch wenn ich heute das Traktorfahren den Jüngeren überlasse. Hier übertrage ich meine Liebe zu Forschung und Wissenschaft quasi auf die Landwirtschaft. Und wenn man naturnah einen solchen Betrieb führt oder Bäume pflanzt, braucht man wie als Interpret beim Musikmachen Mut, Überzeugung und Disziplin.