FESTIVAL: «Sprachspielereien sind Kino fürs Ohr»

Das Forum Neue Musik stellt in acht Konzerten facettenreich die Stimme ins Zentrum. Urban Mäder sagt, wie sie eine Brücke bauen kann zur Neuen Musik.

Interview Urs Mattenberger
Drucken
Teilen
Am Samstag am Festival «Con Voce»: das Trio Canto Battuto mit (von links) Regula Stibi, Eva Nievergelt und Christoph Brunner. (Bild: PD)

Am Samstag am Festival «Con Voce»: das Trio Canto Battuto mit (von links) Regula Stibi, Eva Nievergelt und Christoph Brunner. (Bild: PD)

Urban Mäder, erstmals bündelt das Forum Neue Musik Luzern Konzerte zu einem zweitägigen Festival. Erhoffen Sie sich davon mehr Aufmerksamkeit beim Publikum?

Urban Mäder: Wir versuchen in jeder Saison ein Programm zu machen, in dem die Konzerte thematisch zusammenhängen. Dafür bietet sich die Form eines Festivals an – vor allem, weil jetzt die Konzentration auf die Stimme dem ein klares Profil geben kann. Aber der andere Aspekt spielt auch eine Rolle. Die Bündelung zum Festival soll einen besonderen Akzent setzen, der stärker beachtet wird. Dazu gehört auch der Südpol als Veranstaltungsort. Der Südpol möchte sein Publikum etwas verbreitern, wir möchten mehr jüngere Besucher ansprechen: Da könnten beide davon profitieren.

Wie haben sich denn die Besucherzahlen bei den Forums-Konzerten in den letzten knapp 25 Jahren entwickelt?

Mäder: In den ersten rund 10 Jahren hatten wir etwas mehr Besucher, weil damals im Bereich zeitgenössischer Musik in Luzern ausserhalb von Lucerne Festival praktisch nichts existierte. Aber die Zahl der Mitglieder, die eine Forum-Saison abonnieren, pendelt recht stabil um die 160 bis 180. Auch wenn die Zahl der Besucher in den einzelnen Konzerten schwankt, ist das erfreulich.

Veranstaltungen des Forums Neue Musik bewegen sich in Richtung interdisziplinärer Konzepte zwischen Konzert, Installation und Performance. Haben Sie dadurch traditionelles Konzertpublikum verloren, ohne ein neues hinzuzugewinnen?

Mäder: Nein. Zum einen haben wir immer schon interdisziplinäre Projekte etwa in Zusammenarbeit mit Künstlern gemacht. Und da hat sich umgekehrt gezeigt, dass man den Zuhörern eine Brücke zur Neuen Musik bauen kann, wenn man interdisziplinäre Projekte an ungewohnten Veranstaltungsorten macht und damit alltägliche Bezüge herstellt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Mäder: Nach einem Forum-Projekt im Lido, das stark von der Naturatmosphäre lebte und während des Einnachtens spielte, sagte mir ein Besucher, er habe noch nie derart viele neue und ungewohnte Klänge gehört und genossen wie da im Zusammenspiel mit der Natur. Solche Reaktionen hören wir immer wieder. Und im Grunde ist das auch der Ausgangspunkt für das Festival «Con Voce».

Inwiefern kann da die Stimme eine Brücke bauen?

Mäder: Die Stimme ist quasi auch ein Stück Natur. Sie ist nicht nur allen als «Instrument» vertraut, sondern schafft einen konkreten körperlichen Bezug und Zugang zur Musik. Studien zeigen, dass unsere eigenen Stimmbänder zu schwingen beginnen, wenn wir einer sprechenden Stimme zuhören. Hinzu kommt, dass die Stimme und ihr Atem auch in der Neuen Musik Artikulation und Phrasierung bis in Details hinein prägt. Umgekehrt ist das Geräusch- und Lauttheater, wie wir alle es beim Sprechen praktizieren (Mäder parliert, grimassiert, «chiflet» und mault mit Zunge und Lippen) nah an Klängen, mit denen zeitgenössische Komponisten arbeiten.

Das Festival bietet allerdings kein Musiktheater im herkömmlichen Sinn. Kommt das theatrale Moment dennoch zum Zug?

Mäder: Ja, in manchen der acht Konzerte, in denen immer eine Stimme mit im Zentrum steht, spielt das eine wichtige Rolle. Im Konzert des Ensembles Ascolta erklingt vielleicht der Klassiker der Moderne schlechthin, der die Stimme für ein solches vokales Lauttheater nutzt, nämlich Luciano Berios «Sequenza III» mit der Sängerin Sarah Maria Sun. Eine Art Kino fürs Ohr bieten der Wiener Vokalist Christian Reiner und der Schweizer Kontrabassist Christian Weber, wenn sie sich im Zwischenbereich von Sprache und Musik bewegen und über Sprachspielereien, Literaturzitate und Wortfetzen improvisieren.

Neue Musik nutzt Texte oft als abstraktes Lautmaterial – hat es da Platz für das Erzählen von Geschichten, das auch zur Stimme gehört?

Mäder: Ja, vor allem in der Form der Performance. Ein quasi inszeniertes Bühnenstück verspricht Leo Hofmanns «A. wie Albertine» nach Marcel Prousts Monumentalwerk «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit». Seine Performance spürt mit einer Collage von Wörtern, Gesten und Klängen den Mechanismen nach, die nach Proust in unseren Liebesbeziehungen wirksam sind. Maren Lena Kessler, die in Luzern ihr Masterstudium in zeitgenössischer Musik und Performance absolviert, verlegt das Narrative in die Pausen zwischen den Stücken. Darunter sind kurze «Folksongs» von Jennifer Walshe, zwischen denen die Jazz-Sängerin mit knappen, prägnanten Gesten alltägliche Geschichten andeutet.

Zum Schluss erklingen am Samstag unter anderen auch Lieder von Franz Schubert und Erik Satie. Wie passt dieser «Liederabend» in das Festival?

Mäder: Hier liegt das erzählende Element in der Art, in der das Programm aus Liedern unterschiedlichster Epochen und Stile zusammengebaut wird – zwischen Popsong und Chanson, Kunst- und Kinderlied, Litanei und Lamento. Das hierarchische Modell von Musiktheater, wonach zunächst ein Libretto erstellt, dieses vertont und dann inszeniert wird, wird heute ohnehin durch vielfältige Formen abgelöst, bei denen ein Stück gleichberechtigt aus verschiedenen Ebenen bis hin zur Performance selbst entstehen kann. Ein gutes Beispiel dafür ist am Samstagabend als einer der Höhepunkte des Festivals das bekannte Ensemble Wet Ink aus New York, das aus einem Kern von komponierenden Performern besteht.

Hinweis

Urban Mäder, 58 (Bild), ist Dozent für Improvisation und Musikdidaktik an der Hochschule Luzern – Musik und Präsident des Forums Neue Musik Luzern.

Festival «Con Voce»: Freitag, 17. Januar, 19 Uhr (Eröffnungs-Performance), 20 Uhr (Ensemble Ascolta), 22 Uhr (Reiner/Weber) Samstag, 18. Januar, 16 Uhr (Leo Hofmann, Maren Kessler), 17.30/20 Uhr (Ensemble Wet Ink, New York), 22 Uhr («Liederabend» mit Canto Battuto), Südpol Kriens. www.forumneuemusikluzern.ch

Wir verlosen 3-mal 2 Tickets für das Konzert des Ensembles Wet Ink und den «Liederabend» am Samstag, 18. Januar, ab 20 Uhr, im Südpol Kriens. Wählen Sie heute die Telefonnummer 0901 83 30 25 (Fr. 1.– pro Anruf, Festnetztarif), oder nehmen Sie an der Verlosung teil auf www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe.