FESTIVAL: Starkes Dauerbeben im Konzertsaal

Der Dirigent Valery ­Gergiev bringt mit dem ­Mariinsky Orchestra das KKL in Wallung. Der Solist – Pianist Daniil ­Trifonov – geht derweil eigene Wege.

Simon Bordier
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Der russische Pianist Daniil Trifonov mit dem Mariinsky Orchestra im KKL. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

Der russische Pianist Daniil Trifonov mit dem Mariinsky Orchestra im KKL. (Bild: Lucerne Festival/ Peter Fischli)

Gegensätze ziehen sich an, heisst es. Das ist beim Dirigenten Valery Gergiev (61, passionierter Putin-Anhänger, Mann der grossen, dramatischen Gesten) und beim Pianisten Daniil Trifonov (23, ebenfalls Russe, aber ein politisch unbeschriebenes Blatt, ein Mann des poetischen Feinsinns) nicht der Fall. Die beiden Weltstars führten am Sonntag im Konzertsaal des KKL leidenschaftlich, teils berauschend durch das hochromantische Programm mit Richard Wagners Vorspiel zu «Lohengrin», Frédéric Chopins Klavierkonzert Nr. 2 f-Moll und Pjotr Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 h-Moll – nur zwischen den Hauptakteuren wollte die Leidenschaft nicht recht aufkommen.

Massige Orchestereffekte

Begonnen hatte alles in dem von irdischem Schmachten und Trachten weitgehend befreiten «Himmel» des «Lohengrin»-Vorspiels, wobei die Geiger des St. Petersburger Mariinsky Orchestra in Abwesenheit ihres Konzertmeisters Yuri Zagorodnyuk, der verspätet eintraf, den musikalischen Raum des Operndramas öffneten. Dirigent Gergiev schien sich dabei in den wolkenfreien Himmelsgefilden nicht wirklich zu Hause zu fühlen, sondern forderte zu Beginn von den Streichern ein starkes Vibrato: hin zu widerstrebenden, massigen Klängen.

Den «wirkungsstarken Orchestereffekt» des Stücks, den Tschaikowsky einst rühmte, erzielte das Mariinsky Orchestra dennoch auf äusserst eindrückliche Weise: Die melodische Linie der Violinen, nahtlos abgelöst von den Hörnern, senkte sich schwebend im vibrierenden und dennoch transparenten Klangraum, der mit dem Einsatz der Bläser und tiefen Streicher stetig an Kontur gewann; der Einsatz der Blechbläser bildete den erschütternden Höhepunkt dieser klanglichen Verfestigung.

Ungleiche Klangwelten

Während im Wagner-Vorspiel der grosse dramatische Spannungsbogen für starke Momente sorgte, beeindruckten in Chopins Klavierkonzert Nr. 2 die Klangfarben des St. Petersburger Orchesters und des jungen Pianisten aus Nischni Nowgorod – wenn auch auf unterschiedliche Weise. Wie bereits im Vorspiel waltete Gergiev als Dramatiker und setzte die Instrumentenregister wie Charaktere einer kleinen Opernwelt ein. Trifonov griff die farbenfrohen Effekte des Orchesters auf, führte sie aber in seine eigene poetische Klangwelt über.

Dort entfaltete er durch sein dichtes und zugleich federleichtes Figurenspiel einen ungeheuren Reichtum an Klangfarben und Stimmungen. Seine Virtuosität wirkte betörend, aber auch sehr flüchtig: Kaum sah man sich in eine bestimmte Stimmung versetzt, die man im eigenen Seelenkeller schon längst vergessen glaubte – kaum war sie geweckt, verflüchtigte sie sich bereits wieder im nächsten Lauf. Sein luftig-leichtes Spiel erinnerte an den musikalischen Himmel aus dem «Lohengrin», wobei er sogar mit den handfesten Tremoli des Orchesters in Windeseile davonzog.

Gergiev schien sich dabei so wenig mit den Klangidealen des Pianisten anfreunden zu können wie mit der Idee eines wolkenlosen Himmels im «Lohengrin»: Das Orchester überdeckte unter seiner Führung Trifonovs Spiel und zeigte wenig Gespür im Dialog mit dem Solisten – die Klaviermelodie des Larghetto war etwa in der Wiederholung des Fagotts kaum wiederzuerkennen.

Der Wille des Dirigenten

Seinen dramatischen Geist konnte Gergiev nach der Pause in Tschaikowskys Sinfonie Nr. 6 ausleben. Er schöpfte aus dem Vollen: Vibrierende Streichermelodien, knackige Blechbläserkaskaden, in höchsten Lagen auftrumpfende Fagotte und donnernde Schlagzeuger sorgten für ein fast einstündiges Dauerbeben. Für ein so intensives Musikerlebnis liess man sich gerne einmal vom Willen des Dirigenten statt von Partiturangaben leiten. Das Publikum bedankte sich mit Standing Ovations.