Festival-Strings-Geschäftsführer Mauruschat: «Die Krise verändert den Musikmarkt»

Die Festival Strings sind als Tourneeorchester vom Lockdown global betroffen. Aber ihr Krisenmanagement geht über Corona hinaus.

Urs Mattenberger
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Das abgesagte Konzert mit Midori funktionierten die Festival Strings zur Aufnahme ihrer Beethoven-CD um.

Das abgesagte Konzert mit Midori funktionierten die Festival Strings zur Aufnahme ihrer Beethoven-CD um.

Fabrice Umiglia (Luzern, 15. März 2020)

Man stelle sich vor: Im KKL tragen alle Konzertbesucher und die Musiker auf der Bühne Schutzmasken. Was vor Wochen undenkbar gewesen wäre, könnte Realität werden, wenn die Veranstaltungsverbote wieder gelockert werden. Denn auch da gilt es, das Risiko einer Ansteckung durch das Coronavirus zu minimieren. Damit haben sich Musiker und Veranstalter schon einmal auseinandergesetzt: zu Beginn der Krise beim Übergang von der Normalität zum Stillstand. Von diesen Erfahrungen könnte auch der Gang zurück vom Lockdown zur Normalität profitieren.

Ein Beispiel dafür bieten die Festival Strings Lucerne. Sie versuchten, das Konzert mit der Geigerin Midori am 15. März zu retten, indem es die Besucherzahl auf unter 1000 reduzierte, erzählt Geschäftsführer Hans-Christoph Mauruschat. Wie sich dadurch die Leute im Zwei-Meter-Abstand im Saal verteilen können, hatte zuvor, am 12. März, das vorerst letzte Konzert im KKL gezeigt.

Maskenpflicht für Musiker aus Risikogebieten

Jenes der Strings wurde in letzter Minute dennoch verboten, weil im Orchester Musiker aus Risikogebieten wie Norditalien mitspielen. Aber der Saal und die Technik für den Livemitschnitt für die Beethoven-CD mit Midori waren gebucht und Letztere angereist. So entstand die Idee, das Konzert ohne Publikum für eine CD-Aufnahme unter Studiobedingungen zu nutzen. Dafür gab es eine Sonderbewilligung mit der Auflage, dass Musiker aus Risikogebieten eine Maske tragen. Das dürfte im KKL eine Premiere gewesen sein. Weil das bei Bläsern schwierig ist, gab es eine Sonderregelung für den Hornisten aus Norditalien. Er musste, wenn er unterwegs war, die Maske tragen und durfte sie erst auf seinem Platz abziehen.

Noch kein Thema war damals der Abstand der Musiker untereinander. Aber Mauruschat denkt auch über solche Möglichkeiten nach. «In einer sinfonischen Besetzung mit 37 Musikern, die jetzt für eine Tournee in Asien vorgesehen war, ist das wohl undenkbar. Aber ich kann mir vorstellen, in unserer Stammbesetzung mit 16 Streichern damit zu experimentieren», sagt er und nennt ein berühmtes Vorbild: «Der Geiger Isaac Stern hat mit seinem Trio Aufnahmen gemacht, in denen die Musiker in grossem Abstand voneinander musizierten, um den Stereoeffekt zu verstärken. Unsere Musiker in einem grösseren Kreis aufzustellen, könnte auch in Konzertsälen akustisch interessant sein.»

Zusammenbruch des Jetset-Musikbetriebs

Die Coronakrise wird den Musikmarkt ohnehin nachhaltig verändern, glaubt Mauruschat. «Wir erleben den Zusammenbruch des globalisierten Konzertbetriebs. Die Leute werden zwar nach der Aufhebung der Restriktionen Hunger nach Reisen haben», meint er. «Aber ob sie im gleichen Mass Orchester aus aller Welt als Gäste empfangen wollen, solange die Sicherheit vor Ansteckungen nicht völlig geklärt ist, ist eine andere Frage.» Das kann für international ausgerichtete Festivals und Veranstalter zum Problem werden – und auch für Tourneeorchester wie die Festival Strings.

«Für uns ist umso wichtiger, unsere Pläne für mehr Aktivitäten in Luzern – im Schweizerhof, im Verkehrshaus oder im neuen Saal der Musikhochschule – voranzutreiben.» In den eigenen Konzerten im KKL haben die Strings die Besucherzahl auf über 1000 im Schnitt gesteigert. Das Extrakonzert mit James Galway und eines mit Rudolf Buchbinder am Pianofestival waren ausverkauft. Die Krise trifft das Orchester damit in einer Phase des Aufschwungs, auch was Tourneen anbelangt. Auf diese verzichten können die Strings ohnehin nicht: «Wir sind auf dem Markt gefragt und können oft Gagen aushandeln, mit denen sich solche Tourneen wirtschaftlich rechnen.»

Gefahr und Chance für kulturelle Vielfalt

Zudem gefährdet die Coronakrise die Vielfalt im Veranstaltungsmarkt. «Schon heute wird etwa der deutsche Markt von wenigen grossen Veranstaltern dominiert. Die Gefahr ist, dass kleinere pleitegehen», sagt Mauruschat. «Damit geht ein Stück kulturelle Vielfalt verloren.»

Dass der Bundesrat die Vielfalt ausdrücklich erhalten will, findet Mauruschat deshalb enorm wichtig. Für diese Vielfalt stehen auch Projektorchester wie die Festival Strings, in denen Musiker in verschiedenen Formen freiberuflich arbeiten. «Ein Vorteil der Coronakrise dürfte sein», sagt Mauruschat, «dass mit der Frage, mit welchen Finanz-Instrumenten Musikern ohne Festanstellung geholfen werden kann, dieser Arbeitsmarkt stärker in den Fokus rückt. Und damit die Frage: Wie kann man freiberuflichen Musikern ermöglichen, sozial abgesichert auf hohem Niveau Musik zu machen?»

Das Beethoven-Konzert mit Midori wird am Montag, 7. Dezember 2020, im KKL nachgeholt.