FESTIVAL «SZENENWELCHSEL»: Saxophonist Lars Møller: «Strawinsky ist ein Gigant»

Wie lässt ein Jazzorchester Strawinskys «Le sacre du printemps» erklingen? Das Musikfestival Szenenwechsel der Musikhochschule bietet Einblicke in das Thema «Variation».

Pirmin Bossart
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Freut sich auf die «sehr gut aufgestellte Big Band» in Luzern: der dänische Saxofonist Jan Møller. (Bild: PD)

Freut sich auf die «sehr gut aufgestellte Big Band» in Luzern: der dänische Saxofonist Jan Møller. (Bild: PD)

Pirmin Bossart

kultur@luzernerzeitung.ch

«ReWrite of Spring – Veränderungen zu Strawinsky» heisst der letzte Abend am Musikfestival Szenenwechsel der Musikhochschule Luzern. Und es wird ein besonderer. Die jungen Musiker der Big Band der Hochschule lassen sich auf Igor Strawinskys «Le sacre du printemps» ein, ein Jahrhundertwerk der frühen Moderne. «Le sacre» wurde als Ballett mit Orchestermusik 1913 in Paris uraufgeführt und geriet zum Skandal. «Desagréable» und «barbarisch» lauteten die Verdikte über die rohe Rhythmik des Soundtracks und das Ballett.

Wenn sich die Big Band der Hochschule an den heidnischen Ritus zur Frühlingsweihe wagt, wird sie weder Strawinsky verjazzen noch eine eigene zeitgenössische Variation erfinden, sondern ein aktuelles Werk spielen, das sich an Strawinsky inspiriert: Lars Møllers «ReWrite of Spring».

Jazz und Strawinsky

Der dänische Saxofonist, Komponist und Bandleader ist diesjähriger Composer in Residence der Musikhochschule. Seine Hommage an Strawinsky und «Le sacre» mit dem Jazzorchester Aarhus und den Solisten Dave Liebman und Marilyn Mazur hat 2013 für viel Aufmerksamkeit gesorgt. «ReWrite of Spring» klingt frisch und farbig und hat auch eine gute Dramatik.

«Ich habe ‹Le sacre› nicht einfach für eine Jazzbesetzung arrangiert, sondern ein neues Stück geschrieben», sagt Møller. Einzelne Elemente von Strawinskys Werk habe er wie kleine Moleküle bewusst gesetzt, anderes sei unbewusst eingeflossen. Nicht das Narrative der Geschichte, sondern die Methoden und Techniken von Strawinsky hätten ihn inspiriert. «Ich würde meine Komposition als Ausdruck eines konzeptuellen Denkens bezeichnen, das von Strawinsky beeinflusst wurde.»

Das Interesse für Strawinsky im Jazz ist nicht neu. Schon früh hatten Jazzkomponisten und Arrangeure wie Gil Evans oder Bob Brookmeyer dessen Kompositionen genau studiert. Für ihn sei Strawinsky, zusammen mit Miles Davis, eine der wichtigsten Ikonen der Musik des 20. Jahrhunderts, sagt Møller. «He is a giant for me.»

«Le sacre» hat wie kein anderes Werk der zeitgenössischen klassischen Musik auf den Jazz eingewirkt. «Es sind vor allem der Puls, die rhythmischen Wechsel und die Art und Weise, wie er rhythmische und harmonische Sequenzen aufeinanderschichtet. Strawinsky hat Dinge antizipiert, die erst später mit der sich entwickelnden Tradition des Jazz so richtig klar geworden sind.»

Szenenwechsel beschäftigt sich dieses Jahr mit dem Thema «Variation»: Viele Musikwerke leben davon, wie ein Thema oder eine Grundstruktur auf vielfältige Weise verändert und variiert werden. Die Variationen-Technik aller musikalischen Zeitalter nehme voraus, was im heutigen digitalen Zeitalter selbstverständlich sei, schreibt Michael Kaufmann, Direktor Hochschule Luzern – Musik, im Programmheft. «Kopien und Originale sind dasselbe und können doch in alle Richtungen total verändert werden.»

«Le sacre» ist kein Paradebeispiel für die entwickelnde Variation, wie sie in der Klassik seit Beethoven wichtig wurde. Eher arbeitet Strawinsky mit Repetitivitäten und wechselnden Einbrüchen von Motiven und rhythmischen Elementen. Für Lars Møller hingegen sind Variationen ein herkömmliches Arbeitsmittel. «Meine Musik basiert stark auf Elementen, die auf verschiedene Weisen variiert werden.»

Obwohl Møller seine Kompositionen detailliert ausschreibt, bekommt die Improvisation ihren Platz, vor allem in solistischen Sequenzen. Wie wichtig ist sie? Als Antwort erzählt der Komponist vom dänischen Maler Per Kirkeby, der es als eine notwendige künstlerische Offenheit bezeichnete, einen Kessel Farbe über ein Bild giessen zu können, von dem man eigentlich dachte, es sei fertig. Møller lacht. «So stelle ich mir ungefähr den Beitrag der Solisten vor.»

Ein Mix aus «all kinds of stuff»

Lars Møller schreibt nicht herkömmlichen straight ahead Big Band Jazz. «I mix all kinds of stuff», sagt er über seine eigene Musik. Einerseits ist er – etwa durch seine Zusammenarbeit mit dem Kind-of-Blue-Schlagzeuger Jimmy Cobb – stark der Jazztradition verhaftet. Andererseits öffnet er sich für Elemente der zeitgenössischen Musik und hat ein grosses Herz für verschiedene Rhythmussprachen, vor allem jene aus der klassischen indischen Musik. Kritiker weisen oft darauf hin, dass Møllers Werke bei aller Komplexität immer auf eine gute Art zugänglich sind.

Der dänische Saxofonist und Komponist freut sich auf die Aufführung. Vor Weihnachten hatte er die Big Band erstmals getroffen. Jetzt werden noch mehrere Proben kommen. Møller ist angetan von der Qualität der hiesigen Musiker. «Ich reise viel herum und arbeite mit verschiedensten Orchestern. Die Big Band der Hochschule ist sehr gut aufgestellt. Das hat sie sicher auch ihrem Leiter Ed Partyka zu verdanken.»