FESTIVAL: Turbulentes Treiben im KKL

Verdis geniales ­Alterswerk «Falstaff» verwandelte den Konzertsaal beinahe in eine veritable Bühnen­aufführung. Dank einer lebendigen Spielleitung und famosen Interpreten.

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Fast wie in der Oper: Falstaff bedroht im KKL seinen Diener mit seinem Schuh. (Bild: Lucerne Festival/Stefan Deuber)

Fast wie in der Oper: Falstaff bedroht im KKL seinen Diener mit seinem Schuh. (Bild: Lucerne Festival/Stefan Deuber)

Fritz Schaub

Überall, sogar im abendlichen Programmheft, stand: konzertante Aufführung. Sollte tatsächlich Giuseppe Verdis Komödie «Falstaff» nach der halbszenischen Aufführung vor neun Jahren mit dem Cleveland Orchestra unter Franz Welser-Möst mit statisch vor oder hinter dem Orchester stehenden Sängern vom Stapel gehen? Das schien schon deshalb undenkbar, weil vor zwei Jahren Jonathan Nott und seine Bamberger Symphoniker Richard Wagners «Ring des Nibelungen» alles andere als nur konzertant in den Konzertsaal gebracht hatten.

Man konnte sich auch nicht vorstellen, dass ein derart handlungsintensives Werk wie «Falstaff» in steifer Konzertformation erklingen würde. Und tatsächlich: Kaum hatte das auf dem Podium sich im Grossformat ausbreitende Orchester mit dem elektrisierenden Tutti-Fortissimo-Akkord die Opernaufführung schlagartig eröffnet, stürmte von rechts Dr. Cajus herein, Bardolfo und Pistol im Schlepptau, und sogleich entwickelt sich ein wüstes Gedränge, weil sich der Rechtsanwalt lauthals darüber beschwert, er sei von Falstaffs Dienern bestohlen worden. Was der derart Angesprochene auf der linken Podiumshälfte zunächst eher gleichmütig zur Kenntnis nimmt.

Ein Falstaff wie aus dem Bilderbuch

In Rage gerät er erst, als er feststellt, wie kläglich die Beute der beiden ausgefallen ist. Und erst recht ins Gesicht steigt ihm die Zornesröte, als sich die Diener weigern, als Postillons d’amour die Liebesbriefe an die beiden betuchten Bürgersfrauen Alice Ford und Meg Page zu überbringen, weil das gegen ihre Ehre verstosse! Da holt Falstaff zu seinem grossen Monolog aus und hält den beiden eine Standpauke, dass die Schwarten krachen. Die Aufführung hat ihren ersten Höhepunkt, und das Auditorium bricht, als wärs eine Theateraufführung, spontan in Beifall aus.

Denn Ambrogio Maestri, bereits vom Körper her wie geschaffen für den dicken Ritter, zieht auch stimmlich alle Register seiner kraftvollen Bassstimme und markiert schon hier, dass er der führende Falstaff unserer Zeit ist. Und spätestens als er drohend den Schuh auszieht und die Diener hinausjagt (den Schuh wirft er dann doch nicht), entwickelt sich ein Treiben vor und teilweise hinter dem Orchester, in dem jeder Sänger und jede Sängerin ständig in Bewegung ist (als Spielleiterin führt das Programm Doris Sophia Heinrichsen an).

Orchester in Hochform

Trotzdem artet das Ganze nicht in Aktionitis aus, sondern kennt durchaus auch Ruhepunkte, gelingt es doch, selbst die Nebenhandlung mit dem jungen Liebespaar Fenton-Nanetta in das turbulente Geschehen einzuflechten, und mit Carolina Ullrich und Paolo Fanale kommt sein lyrisch-entrückter Gesang wunderbar zu Geltung. Klar, dass die Stimmen und das von Jonathan Nott souverän in engstem Kontakt mit der Aktion geleitete und zur Hochform auflaufende Orchester im Vordergrund stehen.

Aber man vermisst in keinem Moment die Szene in Form von Bühnenbildern. Den Charakter und die gesellschaftliche Stellung deuten schon die verschiedenfarbigen Kostüme an: das Gilet die Aristokratie Falstaffs, das satte Rot Mrs. Alice Ford, die aktive Anführerin der Frauen (stimmschön Eva Mei), ein pinkfarbenes Kleid die zurückhaltendere Mrs. Meg Page (Jana Kurucova). Oder der klein gewachsene Bardolfo (darstellerisch besonders aktiv: Jean-Paul Fouchécourt) und der hochgeschossene Pistol erscheinen wie Dick und Doof.

Farbig erleuchtetes KKL

Wie selbst ohne Requisiten problematische Szenen mit einfachen Mitteln realisiert werden können, zeigt sich beim Elfenspuk: Weil Falstaff abermals auf Mrs. Quickly (die spielfreudige Elisabeth Kulman) hereingefallen ist, erscheint er als «Schwarzer Ritter» und präsentiert unter dem Gelächter der Zuhörer ein gesticktes Hirschgeweih an seinem weissen Hemd.

Ein weiterer Vorteil: Dank den deutschen Übertexten «versteht» man jedes Wort – bei dem in der durchkomponierten Oper oft rastlos vorandrängenden Parlando-Stil ein Plus gegenüber der Bühnenaufführung. Das grüne Licht, in das der Hintergrund getaucht wird, gibt sogar etwas von der magischen Stimmung der Elfenszene wieder, und die Schlussfuge «Alles ist Spass auf Erden» singen die Akteure vorne an der Rampe mit einer weiss angestrahlten KKL-Orgel im Hintergrund. Wobei Falstaff beim kontrapunktierenden «tutti gabbati» («alle Gefoppte») mit seinem Gebärdenspiel deutlich macht, dass damit wirklich alle, auch die im Saal, gemeint sind.

Hinweis

Radio SRF 2 Kultur sendet das Konzert am Sonntag, 13. September, 21 Uhr.