FESTIVAL: Wagner revolutioniert das Festival

Der Wahlluzerner Jonathan Nott steuert mit Wagners «Ring» einen Höhepunkt zum Festival-Sommer bei: ein Besuch bei seinem ­Orchester in Bamberg.

Urs Mattenberger
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Prominente Rückkehr nach Luzern: Jonathan Nott (50) in Bamberg. (Bild: PD/Paul Yates)

Prominente Rückkehr nach Luzern: Jonathan Nott (50) in Bamberg. (Bild: PD/Paul Yates)

Lucerne Festival wartet im Jubiläumssommer mit Neuerungen auf, wie das eben erschienene Detailprogramm zeigt (vgl. Kasten). Ein Höhepunkt bleibt die erstmalige Gesamtaufführung von Wagners «Der Ring des Nibelungen». Das bestätigt die Publikumsresonanz im Voraus: Vom Abonnement für alle vier Opern sind bereits über 899 Stück weg.

Geleitet wird der «Ring» von Jonathan Nott, dem ehemaligen Chefdirigenten des Luzerner Sinfonieorchesters (1997–2002), das er als Gast noch immer regelmässig dirigiert. Nott, der mit Frau und drei Kindern in Luzern lebt, hat damit zum zweiten Mal einen gewichtigen Auftritt am Festival mit den Bamberger Symphonikern, deren Leitung er seit 2000 hat. Der Abschluss der «Ring»-Tetralogie, die die Bamberger in den letzten Jahren erarbeitet haben, gab kürzlich einen Vorgeschmack auf das Sommer-Ereignis und Einblick in Notts Arbeit in Bamberg – auch im Vergleich zu seiner Zeit in Luzern.

Es darf durchaus laut sein

Die «Götterdämmerung» im modernen, dem KKL akustisch nicht gleichwertigen Konzerthaus von Bamberg bestätigte Qualitäten, wie man sie von Notts Gesamteinspielungen der Sinfonien von Schubert oder Mahler kennt, die längst seinen Ruf als einen der wichtigsten Dirigenten seiner Generation mitbegründeten. Dazu gehört ein warmer Orchesterklang, der die Sänger nicht bedrängt: «Die Balance zwischen Sängern und Orchester», sagt Nott zu diesem Problem, «ist auch eine Frage des Klangs und nicht bloss der Lautstärke.» Diese spannte Nott denn auch nach oben aus, ohne die Musik unter einem Blechpanzer zu erdrücken. Fantastisch passte in dieses beweglich nuancierte Konzept der mühelose Sopran der Brünnhilde von Petra Lang. In anderen (in Luzern neu besetzten) Rollen waren aber auch Abstriche zu machen, wie sie zum Konzertalltag gehören.

In diesem führt Nott eine Programmphilosophie weiter, wie man sie von Luzern kennt. Dazu gehören unkonventionelle Programme auch mit Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. «Als Nott in Luzern begann, waren viele skeptisch, ob das in diesem traditionellen Umfeld Erfolg haben würde», sagt der scheidende Bamberger Intendant Wolfgang Fink: «Wie gut das funktionierte, hat mich selber überrascht.» Die Auslastung von 99 Prozent – noch höher als beim erfolgverwöhnten Luzerner Sinfonieorchester – erklärt sich zwar auch damit, dass die Bamberger keine Konkurrenz haben. Ein weiterer Grund dafür ist aber, was Nott als modernen Dirigenten auszeichnet: die Ernsthaftigkeit, mit der er sich in die Musik vertieft – und die Leichtigkeit, mit der er das gegenüber dem Orchester wie dem Publikum vermittelt. Das spricht auch ein junges Publikum an, wie etwa die regelmässig vollen Konzerte für Studenten zeigen.

Erinnerung an Luzern

Bamberg ist mit 70 000 Einwohnern und einer malerisch an Flusskanälen gelegenen Altstadt vergleichbar mit Luzern. Das Orchester freilich spielt mit über 100 Musikern in einer anderen Liga. Ein Grund ist die Tradition: Gegründet nach dem Zweiten Weltkrieg von exilierten deutschen Musikern aus Böhmen, wurde es rasch zu einem deutschen Kulturbotschafter auf den bis heute wichtigen Tourneen im Ausland.

Da steht Nott in einer Reihe von Dirigenten wie Joseph Keilberth oder Horst Stein, die den internationalen Ruf der Bamberger begründeten und den der Engländer um moderne Facetten erweitert hat. Davon profitierten beide Seiten: «Ich habe viel von diesem Orchester gelernt», sagt Nott, der den Klang der Bamberger mit einem Gemälde vergleicht, das «von innen her leuchtet».

Trotzdem steht diese Gemeinschaft an einem Wendepunkt. Nott hat zwar seinen Vertrag um drei Jahre verlängert. Aber der Intendant geht wegen schrittweiser Subventionskürzungen durch den Bundesstaat Bayern, der das Orchester vor allem finanziert. Dass Fink die Kürzungen mit dem angedrohten Weggang abzuwenden versuchte, erinnert an Luzern. Nott hatte 2002 eine Verlängerung vergeblich an die Bedingung einer massvollen Orchestervergrösserung geknüpft. Dass diese später mit privaten Geldern doch noch realisiert wurde, gehört zur traurigen Ironie der Liebesgeschichte zwischen Nott und Luzern.