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FESTIVAL ZAUBERSEE: Russische Lebensreisen in Luzern

Die Tage für russische Musik wurden durch den Starcellisten Truls Mork abgeschlossen. Es war ein eher privates Finale für ein Programm, das am Samstag ein Festivalereignis der Extraklasse geboten hatte.
Urs Mattenberger
Liegestuhl-Manege im Luzerner Saal für den Prokofjew-Marathon mit sechs Pianisten – im Bild Anna Vinnitskaya. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Liegestuhl-Manege im Luzerner Saal für den Prokofjew-Marathon mit sechs Pianisten – im Bild Anna Vinnitskaya. (Bild: Ingo Höhn/PD)

Urs Mattenberger

urs.mattenberger@luzernerzeitung.ch

War das noch die nordische Melancholie oder bereits jene der russischen Seele? Das Schlusskonzert des Zaubersee-Festivals war am Sonntag auch darin ein passender Abschluss für die Tage der russischen Musik, als es mit Werken von Edvard Grieg und Sergej Rachmaninow die Grenzen zwischen gängigen Stilschubladen öffnete.

Das galt auch für den Rahmen dieses Rezitals: Mit einer Oper im KKL-Konzertsaal (Ausgabe vom Sonntag) und einem aufwendigen Doppelabend mit Strawinsky und Prokofjew am Samstag im Luzerner Saal luden der norwegische Cellist Truls Mork und der russische Pianist Behzod Abduraimov noch einmal zum Salon im Hotel Schweizerhof. Dass ein Star wie Mork vor ein paar hundert Gästen im plüsch­rot ausgeleuchteten Zeugheersaal auftrat, unterstrich den intimen Charakter des Festivals.

Privat und weltläufig

Zu diesem gehörte nicht nur die familiäre Nähe zu den Musikern in Kammermusikkonzerten auch in der St. Charles Hall. Dazu gehörte auch der Stamm an russischen Gästen und Sponsoren. Ihretwegen schloss Numa Bischof, als Intendant des Luzerner Sinfonieorchesters Leiter des Zaubersees, im Schlusskonzert die Luzerner zwar in seine Begrüssung mit ein. Aber er tat es mit einer Selbstverständlichkeit auf Englisch, wie man es selbst am Lucerne Festival kaum erlebt.

Privat und weltläufig: Auch Mork und Abduraimov hoben solche Grenzen auf. Die Pointe des Programms lag darin, dass kürzere Stücke für Cello und Klavier von Rachmaninow und Grieg jeweils einer gewichtigen Cellosonate des anderen Komponisten vorangestellt wurden. Klar wurde hier, wie beide – über den Abstand einer Generation hinweg – aus der europäischen Romantik herkamen und sie mit Anleihen bei der einmal nordischen, einmal orientalischen Volksmusik persönlich einfärben. Die feinnervige Sensibilität und aufgewühlte Leidenschaft der späten Romantik fächerten Mork wie Abduraimov vielseitig auf: Der Cellist mit einer subtil ausbalancierten Tongestaltung, der Pianist mit impressionistisch verstäubten Klangfarben und mächtigen Akkordkaskaden. Da musizierten zwei Individualisten wie aus einem Guss.

Spannend an der Gegenüberstellung war, wie sich in den Sonaten der Akzent vom zerklüfteten Drama (bei Grieg) hin zum exzessiven Rausch (bei Rachmaninow) verschob. Wie beziehungsreich das Festival programmiert war, zeigte der Samstagabend mit Klaviermusik der frühen Moderne, die genau mit diesem romantischen Überschwang brach.

Folkloristisch und doch unglaublich modern

Noch unmittelbarer als in der Gesamtaufführung aller Klaviersonaten von Prokofjew galt das am Samstag im Luzerner Saal für das vorangestellte Chorwerk, das die Anwesenheit des fantastischen staatlichen Chors Lettland (in der Oper am Freitag) für eine markdurchdringende Aufführung von Igor Strawinskys Ballettmusik «Les noces» nutzte.

Diese Bauernhochzeit bezieht zwar im Vokalen folkloristische und fernöstliche Elemente süffig mit ein und zeigt damit, wie weit der Horizont der russischen Kultur ist. Unglaublich modern aber wirkt in der Fassung für vier Klaviere und reich besetztes Schlagzeug die kubistische Aufsplitterung der Rhythmen und perkussiven Klänge.

Danach wirkten die ersten Klaviersonaten von Sergej Prokofjew erst recht wie ein letzter Nachtrag zur Romantik eines Rachmaninow. Und umso spannender war, zu hören, wie der Komponist von daher über den schillernden Neoklassizismus der im Pariser Exil geschriebenen fünften Sonate zum Spätwerk fand: den Kriegssonaten, in denen sich der hämmernde Perkussionsstil mit einer grüblerischen Expressivität verbindet.

Musikalische Biografie

Integral gespielt, fügten sich die neun Sonaten zu einer Biografie aneinander, bei der Bezüge zur Flucht aus Russland und zur Rückkehr in die Sowjetunion durch knappste Übertitel angedeutet wurden. Die Tatsache, dass solche Entwicklungen nicht geradlinig ablaufen, unterstrich die individuelle Handschrift der Jungpianisten. David Kadouch und Adam Laloum kultivierten Klangsinn nicht nur in frühen Sonaten, sondern – wie Kadouch – auch in der doppelbödigen fünften. Anna Vinnitskaya übertrug das verschwenderische Virtuosentum der vierten Sonate in der sechsten auf den perkussiv hämmernden Spätstil, auf den Varvara in der zweiten vorauswies.

Ein Meisterstück für sich war die achte Sonate, der Nicholas Angelich im Luzerner Saal bis ins äusserste Piano hinein zu einer magischen klanglichen Präsenz verhalf. Die Liegestühle, die rund um den Flügel eine Art Amphitheater bildeten, waren da nicht nur bequeme Liegemöglichkeit, sondern ein passendes Symbol für ein in jeder Hinsicht aussergewöhnliches Festivalereignis.

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