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FESTIVALORCHESTER: Zum Schluss greift sich nicht nur der Dirigent ans Herz

Claudio Abbado und sein Lucerne Festival Orchestra vollendeten Bruckner und Schubert – mit überraschenden Parallelen.
Fritz Schaub und Urs Mattenberger
Sogar die Generalprobe war halb-öffentlich: Abbado dirigiert sein Orchester.

Sogar die Generalprobe war halb-öffentlich: Abbado dirigiert sein Orchester.

Beim Gründungskonzert mit Arturo Toscanini und seinem Eliteorchester vor dem Wagner-Museum im Tribschen 1938 geht gerne vergessen, wie elitär der Beginn dieses Festivals mit Eintrittspreisen bis umgerechnet 500 Franken war. Es war ein exklusiver Kreis, der dem Konzert beiwohnen konnte.

Auf viel breiterer Basis bewegt sich das Nachfolgeorchester, das Lucerne Festival Orchestra, das heute Abend seine Residenz beendet. Die Programme werden mehrfach dargeboten – zu Preisen, die nicht höher sind als bei andern Spitzenorchestern. Und nach der volksfestartigen Direktübertragung zu Beginn des Festivals auf das Inseli konnte man es gestern auch am Jubiläumstag im KKL bei freiem Eintritt hören – und das in einer neuen Konstellation, nämlich nicht nur ohne Abbado, sondern ohne Dirigent.

Die grosse Verbrüderung

An den Ereignischarakter, den die Aufritte des Orchesters haben, konnte da allerdings lediglich Rossinis Ouvertüre zur «L’Italiana in Algeri» anschliessen: Unter Abbados Assistent Gustavo Jimenez steigerte sich die Musik vom lauernden Pianissimo zum klanglich kraftvoll aufgeladenen und doch schwerelos aufgefächerten, ja sprühenden Drive. Hinreissend! Aber in einem Divertimento und dem Doppelkonzert für Flöte und Harfe von Mozart hinterliess der sinnlich-warme Klang der Streicher, historisch bloss korrekt verschlankt, einen eher betulichen Eindruck.

Das unterstrich noch die Bedeutung Abbados für das vor zehn Jahren gegründete Orchester. Es hat in dieser Zeit Kultstatus erreicht, und Claudio Abbado geniesst eine Verehrung fast schon wie ein Heiliger. Dazu gehört das lange Hinauszögern des Schlussbeifalls, der Dank des Dirigenten an Einzelmusiker und Gruppen, der nicht enden wollende stehende Beifall, das lange Ausharren des Dirigenten auf dem Podium, der den Beifall dankbar geniesst, mit der Hand ans Herz greift. Es ist fast, wie wenn Orchester und Publikum sich verbrüdern würden.

Abgründe und Erhebungen

Da ist noch etwas anderes: diese andächtige Stille, die schon vor dem Erscheinen Abbados herrscht und sich dann im Saal festsetzt. In diese Stille setzte er am Freitag in kaum hörbarem Pianissimo die bodenlose Einleitung der tiefen Streicher in Franz Schuberts unvollendeter, siebter Sinfonie in h-Moll. Ihr stellte Abbado eine andere «Unvollendete» gegenüber, die Neunte in d-Moll von Anton Bruckner, die, dem «lieben Gott» gewidmet, nur drei Sätze hat. Abbados unkonventionelle Gegenüberstellung zweier Standardwerke erwies sich als eine überaus glückliche. Zum einen kehrte Abbado, der seinen Mahler-Zyklus (ohne dessen Achte) beendet hat, damit zu Bruckner zurück, von dem er bisher in Luzern die Vierte, Fünfte, Siebte und Erste dirigiert hat. Zum andern zeigte er, wie verwandt diese beiden Sinfonien sind. Nicht weil sie unvollendet blieben und beide im Pianissimo enden, sondern auch vom Inhalt, von der gestalterischen Struktur her. Gemeint sind die Einbrüche, die bei Schubert in kleinerer Besetzung unvermittelt in die Idylle einfallen und bei Bruckner in Grossbesetzung die unerschütterlichen, kathedralenartigen Ausbrüche unterbrechen. Wie der 80-jährige Dirigent diese Stimmungswechsel vollzog, unforciert, ruhig, aber wachen Sinnes, mit kleinen, geschmeidigen Bewegungen, wie er mit scheinbarer Leichtigkeit das Gesangvolle, Beseligende ebenso wie das Katastrophische in Gang setzte, war zum Staunen.

Absoluter Höhepunkt

Natürlich konnte er sich wieder ganz auf dieses Orchester verlassen. Dieses erfährt zwar immer kleine Veränderungen. Und hat doch immer sein hohes Niveau. Es ist nicht zuletzt die Qualität dieser Elitemusiker in allen Registern, die es Abbado erlaubt, die gewünschten Klangvorstellungen umzusetzen.

Atemberaubend, wie die Holzbläser und Streicher beim elfengleich vorbeihuschenden Trio im Scherzo der Bruckner-Sinfonie eine an Mendelssohn erinnernde Atmosphäre schufen. Oder wie dissonanzbetont die Blechbläser im Adagio eine beängstigend einfahrende, noch in der Fortefortissimo-Gewalt genau strukturierte letzte Steigerung erreichten und Abbado dies mit einer deutlich ausgehaltenen Generalpause noch betonte. Anders als bei Mahler sprach der verklärende Abgesang mit der Flötenmelodie nicht von Abschied, sondern von der Ahnung einer anderen Welt.

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