Luzerner Theater: Feuerwehrübung in den eigenen vier Wänden

Am Samstagabend spielte sich Max Frischs Drama «Biedermann und die Brandstifter» in einer Privatwohnung ab. Ein Flächenbrand wurde verhindert. Trotzdem spielt die Inszenierung des Luzerner Theaters mit dem Feuer.

Julia Stephan
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Ein Brandstifter ummantelt sich mit Statussymbolen: Yves Wüthrich im Haus der Familie Zingg in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 17. November 2018)

Ein Brandstifter ummantelt sich mit Statussymbolen: Yves Wüthrich im Haus der Familie Zingg in Luzern. (Bild: Philipp Schmidli, 17. November 2018)

Als sich der Tross aus rund fünfzig Zuschauern am Samstagabend vor dem Luzerner Casino mit Altöl-Fässern in Bewegung setzt, erinnert ein unsorgfältig ausgetretener Glimmstängel am Quai beiläufig an die Mission: Angezündet werden soll ein Haus! Also hoch ins Dreilindenquartier, wo Hausherrin und Hausherr die Zuschauer mit offenen Armen erwarten!

Franz von Strolchen inszeniert am Luzerner Theater Max Frischs Klassiker «Biedermann und die Brandstifter» über den Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann, der zwei Brandstifter blindlings in sein Haus lässt. Frei nach dem Frisch-Satz «Man sollte die Wahrheit dem anderen wie einen Mantel hinhalten, dass er hineinschlüpfen kann (...)» dürfen sich die Zuschauer für einmal in Wohnzimmeratmosphäre ganz in den Stoff einkuscheln.

Frisch hätte sich ins Fäustchen gelacht

Viele Luzerner hatten schon vor der Premiere ihre Wohnungen als Handlungsort für das Stück angeboten. Am Luzerner Theater überlegt man gerade, wie man der riesigen Nachfrage gerecht werden möchte. Bis April sind Aufführungen in Privatwohnungen geplant – Max Frisch hätte sich wohl ins Fäustchen gelacht, legt Biedermanns eilfertige Gastfreundschaft doch gerade den Flächenbrand, der eine ganze Stadt vernichtet.

Die Gastgeber der Premiere, Philipp Zingg, Präsident des Theaterclubs Luzern, und dessen Frau, die Psychotherapeutin Marie-Claire Zingg, sorgten am Samstag jedoch vor: Ohne Wissen des Luzerner Theaters hatten sie vor ihr Haus einen Löschzug einbestellt, der den von Pyro­experten gelegten Brand schon zu Beginn im Keim erstickte – ein kultureller Beitrag der städtischen Feuerwehr.

Schliesslich drängten sich Zuschauer und Schauspieler, die das Haus beide erstmals von innen sahen, auf Designerstühlen, zwischen teuren Blumenvasen, erlesenen Büchern und viel Nippes in der bourgeoisen Stube zusammen. Und die Gastgeber erlebten gleich zu Beginn ihre erste theatrale Heimsuchung: Sie sollten völlig unvorbereitet selbst in die Rollen von Max Frischs Hauptfiguren Gottlieb Biedermann und dessen Frau Babette schlüpfen. Den Text dazu lieferte fortan das Schauspiel-Trio Sofia Elena Borsani (als Zimmermädchen Anna), Leo Stark (als Brandstifter Willi Eisenring) und Yves Wüthrich (als Brandstifter Josef Schmitz) – mal flüsterten sie dem Gastgeberpaar den Text ein, mal flimmerte er über eine Karaoke­maschine, mal stand er auf Tischtüchern, Tellern oder auf der nackten Haut der beiden prolligen Brandstifter, als wolle man sagen: Seht her, die Wahrheit liegt nackt vor euch!

Sich eine Senftube in den Schlund gedrückt

Die Ausgangslage war also allein schon wegen der vielen Unwägbarkeiten ein Spiel mit dem Feuer. Die improvisationsgeschulten Schauspieler verhin­derten den Flächenbrand jedoch geschickt. Insbesondere Yves Wüth­rich übertraf sich selbst und sorgte im Publikum für Würgreiz, als er eine bei der Kühlschrankplünderung entdeckte Senftube den Schlund hinunterdrückte.

Franz von Strolchen hatte es offensichtlich darauf angelegt, die zum Mitspielen gezwungenen Gastgeber aus ihrer Komfortzone zu locken. Die vordiktierten Textpassagen sollten Spannungen auslösen, die auch im Biedermann des Stücks rumoren. Unklar blieb, ob dieser dramaturgische Kniff durch den obszönen Klamauk und die Situationskomik , die mehr an einen guten Impro-Abend erinnerten, bei den Zuschauern wirklich ankam.

Das Haus bleibt verschont, Biedermann rehabilitiert

In Luzern bleibt Biedermanns Haus schliesslich stehen. Nachdem man mit den Brandstiftern die letzten «Zweifel»-Chips vertilgt hat, steigt die Partytemperatur, löst sich das Misstrauen in Wohlgefallen auf. Die Botschaft ist klar: In Zeiten, in denen Misstrauen das politische und ge­sellschaftliche Klima vergiftet, erscheint der vertrauensselige Biedermann, sei die von ihm propagierte Toleranz im Original noch so scheinheilig, wieder erstaunlich positiv.

Die erste Saison von Schauspielleiterin Sandra Küppers macht klar: Am Luzerner Theater setzt man künftig auf Experimente und partizipative Theatermodelle, die den Zuschauer aus seiner passiven Komfortzone herauskatapultieren. Was dabei manchmal zu kurz kommt: der Text, der nur Gerippe ist.

«Biedermann und die Brandstifter» in Luzerner Wohnungen. Vorerst bis 15.4.2019. www.luzernertheater.ch.ch