FILM: Alice Schmid: «Alle haben Angst vor dem Änziloch»

Die Luzerner Filmemacherin Alice Schmid hat mit «Die Kinder vom Napf» Zuschauer von Stadt und Land begeistert. ­ Das wird ihr wohl auch mit «Das Mädchen vom Änziloch» gelingen. Die 12-jährige Laura will dem Mythos auf die Spur kommen.

Regina Grüter
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Alice Schmid im Bourbaki-Kinofoyer: «Ich fühlte mich als Kind auch ausgeschlossen.» (Bild: Roger Grütter (Luzern, 25. Januar 2017))

Alice Schmid im Bourbaki-Kinofoyer: «Ich fühlte mich als Kind auch ausgeschlossen.» (Bild: Roger Grütter (Luzern, 25. Januar 2017))

Interview: Regina Grüter

Mit ihrem Film «Die Kinder vom Napf» landete die Luzerner Filmemacherin ­Alice Schmid 2011 einen Grosserfolg. Der Dokumentarfilm, der die Kinder während eines Jahreszyklus vom abgelegenen Hof auf dem Weg in die Schule begleitete, zeigt das Leben der Bergbauern in der Napfregion. Die damals sechsjährige Laura ist die Protagonistin von Schmids neuem Film «Das Mädchen vom Änziloch», der an den Solothurner Filmtagen seine Premiere feierte und für den Publikumspreis nominiert war. Die Köhlertochter will in diesem Sommer, zusammen mit dem Stadtluzerner Landdienstknaben Thom, dem Geheimnis um die Jungfrau vom Änziloch endlich auf die Spur kommen.

Alice Schmid, seit fünf Jahren leben Sie in Romoos. Nimmt man Sie inzwischen als Einheimische wahr?

Man bleibt wahrscheinlich immer fremd. Entweder ist man eine Einheimische oder eine von draussen. Aber alle mögen mich. Das merkt man, wenn mich die Leute auf meinem täglichen Spaziergang ansprechen, mir zuwinken oder fragen, ob sie etwas helfen könnten. Ich bin dort super aufgehoben.

Das Änziloch, der Talkessel im Napf, um den sich viele Sagen ranken, ist Thema Ihres neuen Films. Wann haben Sie zum ersten Mal davon gehört?

Im ersten Jahr am Lehrerseminar hatte ich einen Kollegen, der im Napfgebiet trainierte. Ich selbst war eine begeisterte Basketballspielerin. Damals, mit 16 Jahren, hatten wir das alte Bauernhaus entdeckt, welches ich dann immer wieder gemietet habe. Dort habe ich das alte Sagenbuch entdeckt. Ich habe an die Sage vom Änziloch geglaubt.

Sie kommt auch schon im Film «Die Kinder vom Napf» vor, wie die Seelen böser Landvögte dort den Donner entstehen lassen würden.

Jetzt herrscht die Sage von der Jungfrau mit den weissen Haaren vor, die bei Vollmond aus dem Loch hinaufsteigen soll.

Es gibt ganz viele verschiedene Versionen. «Wenn du das noch einmal machst, landest du im Änziloch» ist auch heute noch ein Satz, der in den Köpfen der Kinder drin ist. So macht man Kindern Angst.

Laura Röösli, die 12-jährige Protagonistin Ihres neuen Films, ist wie Sie fasziniert vom Änziloch.

Laura war das jüngste der 50 «Kinder vom Napf». Sie ist in den letzten Jahren häufig zu mir gekommen und hat bei mir die Tagebücher entdeckt. Ich habe mit neun Jahren mit dem Tagebuchschreiben angefangen. 2012 hat sie dann selber damit begonnen. Ich gab ihr dafür einen meiner alten Laptops.

Ein Mädchen, das Tagebuch schreibt, stellt man sich allerdings anders vor. Sie tut es auf einem iBook. Das hat sie also von Ihnen geerbt?

Den hat sie bei mir zu Hause – ich wohne in einem alten Schulhaus in Romoos – auf der Galerie entdeckt, wo sich auch meine Bibliothek befindet. Den möchte sie haben, hat sie gesagt. Zuerst habe ich ihn ihr nicht mit nach Hause gegeben, denn sie ist etwas chaotisch. Nach einer Zeit habe ich ihn ihr dann doch geschenkt. Und tatsächlich kam sie bald darauf an: «Lisi, Lisi, ich brauche ein neues Kabel!» Der Hund hatte das Kabel zerkaut. (lacht)

Was verbindet Sie sonst noch mit dem Mädchen?

Zwischen Laura und mir besteht eine Verwandtschaft. Noch im Lehrerseminar habe ich teilweise leere Blätter abgegeben. Ich meinte immer, ich hätte nichts zu erzählen, habe mich immer geschämt. Bis ein Lehrer, Ueli Habegger, gut fand, was ich schrieb. Diese Bestätigung habe ich gebraucht. Laura ist genau gleich. Wie auch ich als Kind, fühlt sie sich ausgeschlossen. Sie hat ein grosses Problem mit ihrem Übergewicht.

Wie hat die Familie von Laura darauf reagiert, dass Sie während des Drehs ständig präsent waren?

Die Familie ist wahnsinnig stolz. Sie ist auch ein bisschen ausgeschlossen, eigen eben.

Wie verlief der Dreh?

Wir gingen während sechs Wochen immer sehr früh zur Familie Röösli hinauf. Beim gemeinsamen Frühstück haben wir uns informiert, was an dem jeweiligen Tag gerade ansteht. Dann haben wir ganz still beobachtet und sind ihnen mit der Kamera gefolgt. Jeden Tag hat sich etwas Neues ergeben.

Sie beobachten Laura während der Sommerferien, wie sie dem Vater beim Köhlern hilft, sich um die zahlreichen Tiere kümmert und mit dem Gokart zum Änziloch fährt, um hinunterzuschauen. Dass sie dann tatsächlich hinuntersteigt, ist das nicht Ihr Verschulden?

Mein Ziel war von Anfang an, dass das Mädchen dort hinuntergeht. Das Thema des Films ist ein einsames Mädchen, das die Sage vom Änziloch ergründen will. Ich filme intuitiv und kann meine Filme nicht erklären.

Thom Straumann, der eine Woche Landdienst leistet und in dem Laura endlich jemanden zum Reden findet, haben Sie gecastet. Ist «Das Mädchen vom Änziloch» trotzdem noch ein Dokumentarfilm?

Thoms einzige Aufgabe war, Laura wann immer möglich zu löchern mit Fragen übers Änziloch. Das spürt man vielleicht.

Das spürt man, es ist ein Eingriff. Aber es hilft der Dramaturgie der Geschichte.

Es ist schlicht ein Alice-Schmid-Film. Ich möchte einfach Geschichten erzählen, die es wert sind, erzählt zu werden.

Es gibt also einen dritten Teil, wie gemunkelt wird?

Ich bin am Schreiben, aber es ist enorm schwierig, diese Geschichte aufs Papier zu bringen. Mehr kann ich noch nicht sagen.

Zurück zu Laura. Steigt sie also doch aus freien Stücken in das sagenumwobene Loch hinunter?

Jein. Laura war sehr enttäuscht, dass Thom sich nach der Woche auf dem Bauernhof nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Das war schlecht für ihr Selbstwertgefühl. Sie wollte ihm zeigen, wie mutig sie ist, wusste aber auch, dass ich selbst schon ein paar Mal dort unten war. Also hat sie sich irgendwann einen Ruck gegeben. Als sie den Gokart startete, war sie nicht mehr zu bremsen und fuhr hin, um hinunterzusteigen.

Kann ein so junges Mädchen die Folgen und die Wirkung eines solchen Films überhaupt ab­schätzen?

Ich habe sowohl mit den Eltern wie mit Laura darüber gesprochen. Die Eltern sind wie gesagt stolz auf ihre Tochter. In Solothurn wurde Laura auch darauf angesprochen. Sie lachte und meinte, sie sei, wie sie sei. Dazu stehe sie. So wie ich Laura erlebe, macht sie sich nicht viel Gedanken ums «Berühmtsein». Aber nach Berlin komme sie nicht mehr. Den Rummel mag sie nicht.

Der Film hat auch einen ironischen Umgang mit der Sage, wie es sich etwa am Filmlied «S Grüchtli» zeigt.

Das Verrückte ist, dass ich mit so vielen Leuten geredet habe und die dann immer meinten: «Ech wott de nüt gseit ha.» Vor der Kamera haben sie sich dermassen schwergetan. Es haben alle Angst, etwas Falsches zu sagen. Und sie haben Angst vor dem Änziloch. Ich kenne niemanden, der dort hinuntergeht.

Bigotte Moralvorstellungen, Aberglaube, Geister. Wie halten es die Entlebucher mit der Religion?

Da müssten Sie mit Entlebuchern reden.

Und was ist für Sie nun der wahre Kern der Sage? Darüber gibt im Film niemand explizit Auskunft.

Bevor sie selber hinunterging, schrieb Laura in ihr Tagebuch: «Ich kenne nur ein Mädchen, das im Änziloch war, und nachher ging sie ins Kloster.» Es gibt viele traurige Geschichten über das Haus dort unten, in welchem es angeblich geistert. Alle wissen davon, aber es bleibt alles sehr mystisch.

Und dazu passt dieses Lied, «S Grüchtli», wunderbar.

Warum ich «S Grüchtli» eingebaut habe? Seit fünf Jahren wohne ich nun in Romoos. Nach vielen Jahren in Zürich dort oben zu wohnen, ist wie eine andere Welt. Als der Frauenchor auf mich zukam, habe ich beschlossen einzutreten. Ich singe gern, habe schon immer gern gesungen. Im ersten Jahr stand dieses Lied auf dem Programm. Und ich dachte mir, das ist ein Geschenk, das ist das Filmlied.

Am Stammtisch beim Kafi Träsch wurden Sie dann beim Singen gefilmt.

Der Trachtenchor hat mich auch an die Filmpremiere in Romoos begleitet. Das gefällt den Zuschauern.

Sie spielen auch Schwyzer­örgeli. Was bedeutet Ihnen Musik?

Eigentlich alles, gerade auf den Film bezogen. Der Ton ist mir fast noch wichtiger als das Bild. Für «Das Mädchen vom Änziloch» wollte ich eine Verstärkung der Originaltöne, wie auch schon bei «Die Kinder vom Napf». Die Nagelfluhwand im Änziloch ist immer in Arbeit, es ist nie still. Das ist für mich Musik.

Sie machen aber auch selber Musik?

Musik war schon immer sehr wichtig für mich. Im ersten Semi-Jahr, mit 16, haben in unserer Klasse ganz viele ein Instrument gespielt – Cello, Gitarre, Schlagzeug, Klavier. Ich hatte meine Handorgel und habe damals schon Blues- und Rock-’n’-Roll-Musik gemacht, Chuck Berry zum Beispiel. Damals fand im Paulusheim in Luzern die erste dreitägige Ausgabe des Rock-and-Blues-Festivals statt. Da der Eintritt für uns zu teuer war, haben wir uns als Band beworben. Und wurden gebucht! Also habe ich gelernt, Bassgitarre zu spielen. Schliesslich sind wir auf Dampfschiffen aufgetreten und haben damit Geld verdient.

Wie hiess die Band?

«I più maestosi di tutti», die Besten von allen.

Und welche Musik machen Sie heute?

Einmal in der Woche kommt Laura Röösli zu mir, um Hausaufgaben zu machen. Dann spielen wir zusammen Schwyzer­örgeli. Sie ist sehr gut!

Für weitere Hobbys bleibt wahrscheinlich nicht viel Zeit?

Für mich ist das Leben Arbeiten.

Sie machen ja auch alles selber, vom Drehbuch über die Regie bis hin zur Produktion. Wie sind Sie überhaupt zum Film gekommen?

Ich besuchte das Lehrerseminar und am Abend die Kunstgewerbeschule, da ich gern gemalt und gezeichnet habe. Ein Lehrer malte das Storyboard für einen Migros-Werbespot für Osterhasen. Er gab mir die Telefonnummer eines Tessiner Filmproduzenten, der in Mailand in einem Filmstudio gearbeitet hat. Er hat mich sofort eingestellt – gegen Kost und Logis.

Sie haben mit grossem Erfolg Fernsehdokumentarfilme zu schwierigen Themen wie Kindsmissbrauch gemacht. In der Schweiz hat man Sie bis «Die Kinder vom Napf» aber nicht richtig wahrgenommen.

Vielleicht, weil ich oft insbesondere an deutschen Schulen unterwegs war und Vorträge gehalten habe. Und ich habe immer traurige Gesichter zurückgelassen. Obwohl ich mit meinen Filmen geholfen habe, eine wichtige Diskussion in Gang zu bringen, war ich danach immer erschüttert.

«Die Kinder vom Napf» erzählt eine positive Geschichte.

Die Arbeit am Film war ein Befreiungsschlag – wie jetzt auch «Das Mädchen vom Änziloch». Der Film tut mir gut, und er tut dem Publikum gut. Und vor allem der Laura. Sie hat mir letzthin erzählt, sie wünschte, sie könnte anderen Mädchen Mut machen. Bis Dienstag hat in der Sekundarschule niemand gewusst, dass sie in einem Film mitgemacht hat. Sie hätte sich das nie zu sagen getraut.

Sie haben bis heute ausschliesslich mit Kindern Filme gedreht. Wieso?

Mich interessiert es, den Blickwinkel von Kindern einzunehmen. Sie spüren, was in Erwachsenen vorgeht, durchschauen sie und merken, wenn sie etwas verheimlichen. Ich nehme Kinder ernst und rede ganz normal mit ihnen, was dazu führt, dass sie sich mir gegenüber öffnen – und ich erzähle ihnen auch von mir. So merken sie, dass sie nicht allein sind mit ihrem Kummer.

Wie ist es denn, mit Kindern zu arbeiten?

Es ist etwas vom Schwierigsten überhaupt. Aber es ist auch viel spannender. Kinder kann man besser zum Guten beeinflussen oder sie darin bestärken, ihren eigenen Weg zu gehen. Und sie sind viel weniger eitel vor der Kamera. «Das Mädchen vom Änziloch» ist auch der Film von Laura. Wie schon bei «Die Kinder vom Napf» existierte ich für sie nur mit Kamera. Das war ganz natürlich. Laura hatte keinen nervösen Moment.

Die Albert Koechlin Stiftung verleiht Anfang März zum ersten Mal den Innerschweizer Filmpreis. Dass Sie für «Das Mädchen vom Änziloch» ausgezeichnet werden, steht schon fest.

Der Filmverein Zentralschweiz arbeitet daran, Bedingungen zu schaffen, damit nicht alle Zentralschweizer Filmschaffenden abwandern. Der Preis der Albert Koechlin Stiftung treibt einen enorm an, sich an ein neues Werk zu wagen.

Hinweis

Vorpremieren mit Regisseurin und Protagonisten: heute Sonntag, 11 Uhr, Kino Bourbaki, Luzern; 18 Uhr, Cinebar, Willisau; nächsten Sonntag, 5. Februar, 10.30 Uhr, Kino Seehof, Zug. Regulärer Filmstart ist am 9. Februar.