FILM: Der Mann, der Jesus gespielt hat

Was geht einem durch den Kopf, wenn man Jesus darstellt? Auch am Kreuz? Der Sarner Gerhard Halter hatte durchaus gemischte Gefühle.

Arno Renggli
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Beruflich geht es sehr irdisch zu und her: Gerhard Halter mit Plänen im Bauamt Luzern.

Beruflich geht es sehr irdisch zu und her: Gerhard Halter mit Plänen im Bauamt Luzern.

Es ist schon etwas Besonderes, dem Mann gegenüberzusitzen, den man ein paar Tage zuvor als Jesus gesehen hat: bei der Taufe durch Johannes, beim zornigen Debattieren mit Jüngern und Schriftgelehren, beim Leiden am Kreuz.

Der Sarner Gerhard Halter, hauptberuflich im Luzerner Bauamt tätig, spielte die Titelrolle in Luke Gassers Film «The Making of Jesus Christ». Sein Gesicht fällt auf. Gewohnt ist man eher helläugige Jesus-Darsteller: Max von Sydow in «Die grösste Geschichte aller Zeiten», Ted Neeley im Musical «Jesus Christ Superstar», Robert Powell in Franco Zefirellis «Jesus von Nazareth», Willem Dafoe in «Die letzte Versuchung Christi», Jim Caviezel in Mel Gibsons «The Passion of the Christ».

Zuerst bei einem Bier

Dieser Jesus hat temperamentvolle dunkle Augen, scharf geschnittene Züge, starke Augenbrauen. Ein durchaus plausibles Gesicht, wenn man bedenkt, dass Jesus Jude war. Jetzt, im Gespräch, ist das Haar kürzer und grau. Gerhard Halter ist ja bereits 52, deutlich älter als die Figur, die er spielt. Aber das Gesicht ist genauso eindrucksvoll wie im Film.

Was hat er gedacht, als er für diese Rolle angefragt wurde? «Ehrlich gesagt, sprach Luke Gasser mich bei einem Bier in einer Sarner Bar darauf an», schmunzelt Halter. Klar sei ihm bewusst gewesen, dass Jesus zumindest in unserer Kultur die wohl bedeutendste Figur überhaupt sei. «Das lässt einen natürlich nicht unberührt. Aber so richtig mulmig wurde mir erst kurz vor dem Dreh. Das habe ich mich schon gefragt: Was machst du eigentlich hier? Darf man das überhaupt? Kannst du dem gerecht werden?»

Über Bibelstellen diskutiert

Gerhard Halter, obgleich kein Profi, ist ein erfahrener Schauspieler und führt auch selber Regie. Derzeit läuft seine Inszenierung von «Huisbsuäch» des Gesellen-Theaters Sarnen. Entsprechend stark konnte er sich in der Zusammenarbeit mit Gasser, mit dem er bereits mehrere Film gedreht hat, einbringen. «Wir haben über verschiedene Bibelstellen diskutiert und uns so der Figur angenähert. Vieles ist dann auch von mir gekommen. Denn ich frage einen Regisseur nie, was ich tun soll. Sondern was er sehen möchte. Und dann versuche ich, den entsprechenden Ausdruck anzubieten.»

«Kreuzigungsszene war extrem»

Halter spielt einen Jesus mit Ecken und Kanten, einen Mann voller Leidenschaft. Diese spürt man auch von ihm selber, etwa wenn es ums Theater geht. Vielleicht gerade deshalb, weil er sich nie fürs Profitum entschieden hat. «Es hat die Momente gegeben, wo sich diese Frage stellte. Aber ich kenne zu viele Schauspieler, für die es brotlose Kunst ist und die verzweifelt den Jobs nachrennen. Mir gefällt meine Arbeit. Und als Laiendarsteller kann ich spielen, so viel ich will, das Volkstheater hat eine enorme Nachfrage, und man kann auch hier eine hohe Qualität erreichen.»

Wie fühlt man sich, wenn man Jesus spielt? Versetzt man sich quasi in ihn hinein? «Nein, ich hatte nie das Gefühl, dass ich jetzt Jesus sei. Der Film besteht ja aus verschiedenen Einzelszenen mit jeweils einer bestimmten Emotion.» Extrem sei vor allem die Kreuzigungsszene gewesen. «Natürlich habe ich den Schmerz nicht wirklich empfunden. Aber am Kreuz zu hängen, hat mir schon eine Vorstellung davon gegeben, wie grausam das in Wirklichkeit gewesen sein musste.»

Die Kreuzigungsszene habe im Übrigen die ganze Crew besonders stark berührt. «Während der Arbeiten an anderen Szenen ging es zuweilen durchaus auch lustig zu und her. Aber hier war die Stimmung beklommen, einer der älteren Darsteller verliess gar das Set, weil er so aufgewühlt war.»

Auch andere Religionen entdeckt

Auf die Frage, wie religiös er selber sei, wählte Halter seine Worte noch sorgfältiger als zuvor schon: «Ich bin in einem römisch-katholischen Umfeld aufgewachsen, war sogar Ministrant. Das prägt einen. Auf der anderen Seite habe ich schon als Jugendlicher institutionelle Aspekte der Kirche in Frage gestellt.»

Zunehmend habe er sich auch mit anderen Religionen befasst und dabei Ähnlichkeiten mit dem Christentum entdeckt. «Im Ursprünglichen bin ich immer noch Christ, auch weil ich viele Werte gut finde. Aber letztlich ist für mich keine Religion besser oder schlechter als die andere. In der Essenz sind sie oft ähnlich, im Gegenzug haben fast alle auch Schattenseiten in Bezug auf Intoleranz oder Machtgier.»

Und was hält Gerhard Halter von Jesus selber? «Ob er Gottes Sohn ist, weiss ich nicht. Sicher aber war er ein Mensch mit ausserordentlichen Fähigkeiten, etwa in seiner Wahrnehmung oder auch in seiner Gabe zu heilen. Vielleicht aber hat man nach seinem Tod und auch später die Aufmerksamkeit zu sehr auf seine Person gelenkt. Statt auf das, was er gesagt hat.»

HINWEIS

Der Film «The Making of Jesus Christ» läuft seit gestern in Altdorf, Sarnen, Schwyz und Willisau. Kinos und Spielzeiten im APERO vom Mittwoch.

Der Film wird in einer stark gekürzten Fassung am Karfreitag, 11 Uhr, auf SRF 1 gezeigt, inkl. Diskussion.

Luke Gassers Buch über Jesus: «Sein Gesicht möchte ich sehen» (Weltbild Verlag, 272 Seiten, Fr. 41.90).