FILM: Die Rückkehr des Führers

In Deutschland sorgt «Er ist wieder da» über den wieder auferstandenen Adolf Hitler für volle Kinosäle. Beklemmend ist, welche Reaktionen der «Führer» bei den Menschen auslöst.

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Im Film erscheint Hitler wieder auf der Bildfläche. (Bild: pd)

Im Film erscheint Hitler wieder auf der Bildfläche. (Bild: pd)

Christoph Reichmuth, Berlin

Berlin im Jahr 2014. Da, wo einst der Führerbunker sich in die Tiefe bohrte, schrauben sich heute einige unfreundlich wirkende Plattenbauten in die Höhe. Kinder spielen im Innenhof Fussball. Hier liegt er im Gebüsch. Aus dem Nichts gekommen. In brauner, lädierter Uniform. Adolf Hitler ist zurück. Er ist wieder da.

Hitler, das Medienphänomen

Mit «Er ist wieder da» ist Regisseur David Wnendt eine sehenswerte filmische Adaption von Timur Vermes’ millionenfach verkauftem satirischen Debütroman mit gleichlautendem Titel aus dem Jahr 2012 geglückt. Der Film erzählt die Geschichte des grössenwahnsinnigen Monsters Adolf Hitler, der sich 70 Jahre nach seinem Tod in einem modernen, multikulturellen und bunten Deutschland wiederfindet.

Der Diktator, brillant gespielt von Hauptdarsteller Oliver Masucci, lernt rasch, wie er sich in der neuen Welt zurechtfinden muss. Deutschland hat Döner-Buden und Frauen in Niqab. Internet und die Flachbildschirme bieten ungeahnte Möglichkeiten, auch wenn über die hauchdünnen Screens jede Menge Müll in die warmen Stuben flimmert. Der echte Diktator, den alle für eine perfekte, etwas schräge Parodie des wahren Führers halten, findet über den schusseligen, von einem quoten­fixierten Fernsehsender ausrangierten Videojournalisten den Weg in die deutsche Unterhaltungsbranche.

Hitler erkennt die Chance, die ihm das Massenmedium Fernsehen bietet. Die Volksverdummung will er sich zu Nutzen machen, die geistige Leere in der Gesellschaft wird ihn zurück an die politische Macht katapultieren. Die Menschen brauchen ihn. Tatsächlich. Schon bald wird Hitler zu Talkshows eingeladen. Wo der vermeintliche Komiker auftritt, schnellen die Einschaltquoten in die Höhe. Hitler wird zum Medienphänomen. Er hat sein Etappenziel erreicht.

Die beklemmende Ebene

Doch der Film bewegt sich auf zwei Ebenen. Der 100 Minuten dauernde Streifen ist Fiktion und dokumentarisch zugleich. Oliver Masucci tourt als Hitler-Imitat quer durch Deutschland, spricht mit seiner verblüffend echt klingenden Hitler-Rhetorik in charmanter, fast väterlicher Manier mit der Verkäuferin einer Würstchenbude, mit den Herren beim Stammtisch, mit dem Schäferhunde-Züchterverein, einem NPD-Anhänger und johlenden Fussballfans.

Und hier ist der Film nicht mehr komisch, sondern in erster Linie beängstigend. Auf der Strasse recken einige, vielleicht zum Spass, vielleicht aus Reflex, den Arm zum Hitlergruss, wenn der Führer im offenen Cabriolet an ihnen vorbeifährt. Die Menschen reagieren im direkten Gespräch zu grossen Teilen erst perplex, danach fast unterwürfig auf den vermeintlichen Führer. Sie räumen auf Hitlers Fragen ein, dass sie nicht glauben, in der Demokratie würde ihre Stimme zählen. Die Stammtischrunde gibt dem unechten Hitler unverhohlen Auskunft über ihre Meinung zur angeblichen Ausländerflut. Der NPD-Lokalpolitiker gibt an, er würde diesem Mann bedingungslos gehorchen und folgen. Er vergisst sich dabei selbst, und er scheint zu vergessen, dass hier nicht ein echter Führer vor ihm steht. Aber diese mächtige Erscheinung Oliver Masucci in seiner Führeruniform vernebelt die Sinne.

Gelegentlich wirkt das komisch. Man lacht, aber nicht über Hitler, sondern mit Hitler über die Menschen. Kein gutes Gefühl. Und es ist auch nicht angenehm, dass einem dieser Film-Hitler grundsätzlich sympathisch ist – obwohl er seine völkischen Gedanken offen preisgibt. Er tut das mit Charme und Eloquenz. Vermutlich so, wie es der Echte auch getan hat.

Bezug zur Aktualität

In diesen Sequenzen geht der Film auf Aktualität ein. In Deutschland brennen wieder Asylbewerberheime, in Dresden gehen Woche für Woche Tausende auf die Strasse, um gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu protestieren. Sie folgen mit Lutz Bachmann einem Demagogen, der offen rechtsextreme Parolen von sich gibt. Der Zustrom an schätzungsweise 1 Million Flüchtlingen allein in diesem Jahr spaltet die Gesellschaft, es gibt neben jenen, die die Flüchtlinge mit Spenden am Bahnhof warm empfangen, viele Bürger, die ein Unbehagen beim Gedanken an die vielen Ausländer befällt. Doch sind diese Menschen deshalb empfänglicher für Demagogen? «Seinen aufklärerischen Wert gewinnt ‹Er ist wieder da› nicht daraus, was die Leute sagen, sondern dass sie es Hitler sagen», resümiert «Der Spiegel». Und «Die Zeit» bemerkt: «Die Nachfahren derer, die ihn einst gewählt haben, würden ihn wohl wieder wählen.»

Der Historiker Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich den Film angesehen – schwarzmalen mag er trotz Passagen, die nachdenklich stimmen, nicht. «Es geht primär um den Nachkriegs-Hitler. Es ist eine Konfrontation mit der Medienfigur Hitler mit der heutigen Gesellschaft. Der Film lässt genug Exit-Strategien, der Beobachter kann sich ausreichend von Hitler distanzieren.» Er geht davon aus, dass es einer Figur wie Hitler heute nur schwer möglich wäre, sich mit menschenverachtenden und antidemokratischen Parolen an die Macht zu hieven. «Wir haben eine gut funktionierende Demokratie. Wir müssen nicht mehr Angst als andere Demokratien auch vor einer Wiederauferstehung einer Führerfigur haben.»

Wachsam bleiben

Andere Hitler-Parodien – Charlie Chaplins «Der grosse Diktator» von 1940 ist wohl der bekannteste von ihnen – formten das Monster zu einer lächerlichen Erscheinung und zerstörten dadurch seinen Mythos. In «Er ist wieder da» ist Hitler aber weder der Bösewicht noch die Witzfigur, sondern ein durchaus menschlich wirkender, gross gewachsener Mann, der eine kranke Gedankenwelt in sich trägt, deren dunkle Kraft aber durch Hitlers väterliches Auftreten kaschiert wird. Hier liegt die Kraft der Verführung. Eine Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit wird der Film kaum befeuern. Hitler läuft heute auf Dokukanälen rauf und runter. Aber David Wnendts Kinohit zeigt auch auf, dass die Menschen verführbar bleiben – und damit die Demokratie nicht so gefestigt ist, dass man sie sorglos für eine Selbstverständlichkeit halten könnte.

Im Film «Er ist wieder da» spielt Oliver Masucci Adolf Hitler, der sich in der Gegenwart wiederfindet. Schauspielerin Katja Riemann (links) spielt ebenfalls mit. (Bild: pd)

Im Film «Er ist wieder da» spielt Oliver Masucci Adolf Hitler, der sich in der Gegenwart wiederfindet. Schauspielerin Katja Riemann (links) spielt ebenfalls mit. (Bild: pd)

Hier wird er von Touristen umschwärmt. (Bild: pd)

Hier wird er von Touristen umschwärmt. (Bild: pd)