FILM: Feuer und Flamme für bewegte Bilder

Hölzer, die sich gegenseitig verheizen. Mit «Timber» hat Nils Hedinger den Quartz für den besten Animationsfilm gewonnen. Jetzt ist er nochmals im Kino zu sehen.

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Nils Hedinger Auge in Auge mit einer seiner Filmfiguren. (Bild: Philipp Schmidli/PD)

Nils Hedinger Auge in Auge mit einer seiner Filmfiguren. (Bild: Philipp Schmidli/PD)

Regina Grüter

Es lebt, da wo Nils Hedinger arbeitet. Der 27-jährige Berner hat in Luzern die Animationsfachklasse absolviert und mit seinem gut fünfeinhalbminütigen Animationsfilm «Timber» nach dem Berner Filmpreis dieses Jahr den Schweizer Filmpreis Quartz gewonnen.

Sein Arbeitsplatz befindet sich in einer Ateliergemeinschaft an der Industriestrasse in Luzern. Erst schreitet man durch einen hallenartigen Raum mit Bar auf der rechten Seite rechts davon befindet sich die gut ausgerüstete Küche. Die andere Hälfte des Raums diene eigentlich zur Produktion von Stop-Motion-Filmen, so Nils Hedinger, werde aber in letzter Zeit nicht mehr so häufig genutzt. An den hohen Wänden hängen Filmplakate. Und immer wieder sticht einem eine Figur aus «Timber» ins Auge, seis aus Holz – die Holzfiguren sassen an der Filmpremiere im Stattkino Luzern bereits in den Kinosesseln, als das Publikum hereingelassen wurde –, aus Karton oder vom Filmplakat. Die Verspieltheit ist etwas, was einem sofort auffällt an Nils Hedinger. Neben «normalen» Postkarten, die für den Film werben, hat er Kartonbögen zum Selberbasteln verteilt. In der Hand hat man dann eine Filmfigur mit Streichholz in der Hand.

Mit einem Streichholz hat er auch die Figur fürs Foto angezündet: «Ich hatte im Sinn, eine möglichst einfache Bastelanleitung dazuzustellen, aber es ist kniffliger, als man denkt», schmunzelt er.

Stop-Motion mit Lego

Der effektive Arbeitsplatz dann – das ist da, wo der Computer steht – ist relativ klein. Das Zimmer teilt sich Hedinger mit drei Kollegen. Auch eine grosse Terrasse mit Sicht über die ganze Industriestrasse gehört zur Ateliergemeinschaft. Im Sommer wird gemeinsam draussen gegessen. Er erzählt davon, wie seine Lust an bewegten Bildern geweckt wurde. Nämlich damals, als sein Papa die erste Digitalkamera gekauft hat. Damit hat Nils als 15-/16-Jähriger erste Experimente gemacht; kleine Stop-Motion-Sequenzen nach dem Vorbild von «Wallace & Gromit». «Ich fand es faszinierend, wie man so etwas wie Legobausteine zum Leben erwecken und eine Geschichte drumherum bauen kann.»

«Dranbleiben»

Und habe schnell gemerkt: «Es braucht sehr viel Geduld». Seine Filmchen hat er jeweils als Beitrag für die Jugendfilmtage Zürich eingesandt und sie wurden prompt jedes Mal genommen. «Das hat mich natürlich motiviert.» Nach der Matura wollte er eigentlich Geschichte studieren, aber das war damals nicht das Richtige. So hat sich Nils Hedinger für den Vorkurs in Bern beworben, wurde aber nicht genommen. An der Hochschule für Design & Kunst in Luzern hat er die Aufnahme dann direkt geschafft.

2010 hat er das Animationsfilm­studium abgeschlossen, seit zwei, drei Jahren kann er von seiner Arbeit als selbstständiger Filmemacher leben. Das beinhaltet ein Engagement auf vielen Ebenen: Er zeichnet für den Fantoche-Trailer 2015 verantwortlich. Auch hat er einen Werbespot «Arten ohne Grenzen» gegen Neophyten realisiert.

Die Geschichte von «Timber» ist schnell erzählt: «Eine Gruppe von Hölzern droht in einer kalten Gegend zu erfrieren. Als ihnen bewusst wird, dass nur sie selbst als Brennholz für ein Feuer in Frage kommen, wird es brenzlig.» Es sei eine einfache Metapher, beschreibt Hedinger. Die Idee gefällt ihm nach wie vor gut, die Umsetzung findet er aber «nicht so gelungen». Er sei kein besonders guter Zeichner, sagt er. Aber er ist ein guter Geschichtenerzähler. «Auf den ersten Blick unterhaltsam und lustig, zeichne ich eine düstere Vision der Gesellschaft.» Diese zwei Ebenen zusammenzubringen, ist ihm wichtig.

Mittlerweile wurde «Timber» an über 100 Festivals gespielt. Hedinger sieht den Erfolg mit seinem ersten eigenen Animationsfilm mit einer gewissen Skepsis, die Selbstzweifel sind nicht unbedingt weniger geworden. Er will nun einfach sein Ding weitermachen. «Dranbleiben», lautet die Devise, und «zwischendurch ein lustiges Filmchen für mich selbst machen». Jetzt ist er bereits wieder in Hannover, wo er Anfang Jahr schon für drei Monate an einem abendfüllenden Kinofilm mitwirkte.

Einsames Geschäft

Entgegen der Meinung, dass Film ein Gemeinschaftsprojekt ist, bezeichnet Hedinger den Produktionsprozess von «Timber», vom Schreiben der Geschichte über deren Weiterentwicklung bis hin zur Animation, als isoliert und einsam. Am aufreibendsten sei die Finanzierung gewesen. Die Zusammenarbeit mit anderen komme erst ganz am Schluss. Ein Jahr Vollzeit hat Nils Hedinger daran gearbeitet drei Jahre dauerte die Produktionsphase. Von den erhaltenen Geldern konnte er knapp ein Jahr leben – die ganze Vorarbeit geht auf eigenes Risiko. Das Preisgeld an Festivals ist so gesehen ein nachträgliches Geschenk.

An einem eigenen Film arbeitet Hedinger zurzeit nicht. Ideen hat er. Gerne würde er das Fernsehen oder das Internet als Plattform nutzen für eine Serie. «Meine Filme sind eigentlich viel zu konventionell», sagt Hedinger. «Ich möchte mal etwas völlig Absurdes machen.»

Hinweis:

«Timber» läuft als Vorfilm von «Anime nere» (Kritik gestern auf der Kinoseite) ab heute im Stattkino Luzern. www.nilshedinger.ch, www.timber-film.ch

Szenenfoto aus «Timber». (Bild: Philipp Schmidli/PD)

Szenenfoto aus «Timber». (Bild: Philipp Schmidli/PD)