FILM: Universal holt seine alten Monster zurück

«The Mummy» ist der Auftakt zu einer milliardenschweren Filmfranchise. Dafür werden Monster aus der Frühzeit von Universal reaktiviert. Doch das Hollywoodstudio ist nur einer von vielen Franchise-Produzenten. Was bedeutet das fürs Publikum?

Hans Jürg Zinsli
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Sofia Boutella als auferstandene Prinzessin Ahmanet in «The Mummy».Bild: (Bild: Universal)

Sofia Boutella als auferstandene Prinzessin Ahmanet in «The Mummy».Bild: (Bild: Universal)

Hans Jürg Zinsli

kultur@luzernerzeitung.ch

Uralt wäre eine glatte Untertreibung. Wenn im Kino demnächst eine ägyptische Mumie, der Leichenbastler Professor Frankenstein sowie der mit Seelenabspaltungen experimentierende Dr. Jekyll wüten, dann ... ja, dann fühlt man sich in die Frühzeit von Hollywood zurückversetzt: «Frankenstein», «Dr. Jekyll and Mr. Hyde» und «The Mummy» begründeten in den frühen Dreissigerjahren eine lukrative Reihe von Monsterfilmen.

Beheimatet sind diese Gestalten alle beim Studio Universal, das mit diesen Filmen den Nerv der Zeit traf. Kurz nach dem New Yorker Börsencrash von 1929, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, war das Publikum empfänglich für filmischen Horror, der gesellschaftliche Unsicherheiten und Ängste spiegelte. Dank Schauer und Jahrmarktszauber blühte der ursprüngliche Reiz des Kinos wieder auf. Und ein unbekannter 44-jähriger Engländer namens Boris Karloff avancierte zum Megastar: Als Frankensteins Monster wurde er zur Kino-Ikone.

Universum statt Blockbuster

Unzählige Schauer-Remakes später werden die Filmmonster des Universal-Studios jetzt rezykliert – in einem Gesamtpaket, das als «Dark Universe» angepriesen wird. An Bord sind alternde Topstars wie Tom Cruise, Russell Crowe, Javier Bardem und Johnny Depp. Eine Frau ist auch dabei: Sie ist zwanzig Jahre jünger, heisst Sofia Boutella und spielt die ägyptische Wüterin in «The Mummy» (siehe Filmkritik).

Mit dieser Franchise kopiert Universal eine Strategie, die andere Hollywoodstudios bereits erfolgreich anwenden. Statt einzelner potenzieller Blockbuster werden Filmreihen konzipiert, in deren Verlauf bekannte Figuren einzeln oder gemeinsam auftreten. Bestes Beispiel ist das «Cinematic Universe» von Marvel. Dort wurden die Comicfiguren Iron Man, Thor und Co. ab 2008 einzeln ins Rennen geschickt, bevor es in «The Avengers» (2012) zum heldenmässigen Zusammenschluss kam. Die Bilanz: Bis heute hat das bei Disney beheimatete Marvel-Studio 15 Filme mit Gesamteinnahmen von 11,3 Milliarden Dollar realisiert, neun weitere Superheldenprojekte sind in Planung. Seit 2013 gibt es zudem TV- und Streaming-Serien, die im selben Universum spielen.

Was bringt diese multimediale Flutwelle? Im Gegensatz zu unberechenbaren Einzelfilmen profitieren die Studios von einer gewissen Absatzstabilität. Doch Disney und Universal sind nicht die einzigen Hollywoodstudios, die jedes Jahr ein oder mehrere Universum-Produkte auf den Markt werfen. Warner hat inzwischen ein sogenanntes «Monsterverse» mit King Kong und Godzilla lanciert. Marvels Comic-Konkurrent DC führt in seinem «Extended Universe» Batman, Superman und Wonder Woman im Angebot. Ganz zu schweigen von etablierten Filmserien wie «Star Wars» oder «Alien», die ebenfalls zu figurenreichen Megaflotten umgebaut wurden.

Scorsese wechselte zu Netflix

Was dabei auf der Strecke bleibt, sind Filme, die keinem Universum angehören, sondern eine originale (und bestenfalls originelle) Geschichte erzählen. Dazu zählen etwa potenzielle Blockbuster wie Martin Scorseses «The Irishman» mit Robert De Niro und Al Pacino. Das 100 Millionen Dollar teure Gangsterfilmprojekt, das 2018 in die Kinos kommt, war ursprünglich bei ­Paramount zu Hause. Doch dann liess das Studio Scorsese fallen, worauf der Streaminganbieter Netflix zuschlug.

Nun mag man einwenden, dass die Netflix-vs.-Kino-Debatte, die am Filmfestival Cannes hochkochte, mit den Filmuniversen aus Hollywood wenig zu tun habe. Doch das stimmt nicht. Es geht in beiden Fällen um eine radikale Umwälzung der Kinolandschaft. Der Trend ist klar: Für Projekte, die nicht von Comics, Monstern oder Science-Fiction handeln, wird die Luft immer dünner. Einzelfilme verkommen in Hollywood allmählich zur Rarität. Und jene Monster, die Universal in den Dreissigerjahren als Symbole der Weltwirtschafts­krise zu Ruhm verhalfen, erscheinen heute selbst als Ausdruck einer Krise.

Krise? Nun, während die Studios Unsummen in den Aufbau ihrer Universen investieren, goutiert das Publikum die wiederkehrende Monster- und Comicfigurenflut offenbar nicht vorbehaltlos. Zwei Beispiele: 2015 wollte 20th Century Fox seine Superheldentruppe aus «Fantastic Four» ins erfolgreiche X-Men-Universum integrieren. Der Plan scheiterte, denn «Fantastic Four» wurde zum Riesenflop, weitere Fortsetzungen sind auf Eis gelegt.

Auch bei DC hat man schon danebengegriffen – und zwar mit «Green Lantern» (2011), der beim Publikum so schlecht ankam, dass das Mutterhaus Warner eine geplante Franchise gar nicht erst lancierte. Bezeichnend für diesen Fall ist, wie der frustrierte Hauptdarsteller Ryan Reynolds über den Film herzog: «Das war typisch Hollywood: ‹Wir haben ein Poster, aber kein Drehbuch und auch keine Vision – also lasst uns drehen.›»

Derselbe Reynolds bewies fünf Jahre später, wie es auch anders geht: Als selbstironischer Quasselkopf in «Deadpool» war er die Superheldenattraktion von 2016. Ohne Universum, aber mit Biss. So gesehen wäre es gut, wenn sich Hollywood vor lauter Franchise-itis wieder vermehrt um Inhalte kümmern würde. Und not tut vor allem ein Plan B – für den Fall, dass eines der aktuellen, superteuren, auf Jahre hinaus geplanten Filmuniversen abrupt in sich zusammenstürzen sollte.