Warum Samir mit seinem neuen Film den Nerv der Secondos trifft

Seinen neuen Film «Baghdad In My Shadow» widmet der Schweizer Regisseur Samir den Exilirakern in Europa. Secondos in der Schweiz fühlen sich angesprochen und wollen nun raus aus dem Schatten der Gesellschaft.

Daniel Fuchs
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Die Erinnerung liegt Taufiq auf dem Magen. Das wird in «Baghdad In My Shadow» schnell klar, als er, der Museumswächter, vor einem Londoner Polizeipräsidium steht. Denn dieser Taufiq, Altkommunist, Dichter und gespielt vom bekannten irakischen Schauspieler Haytham Abdulrazak, trägt ein dunkles Geheimnis mit sich.

Der Zürcher Regisseur Samir («Snow White», «Iraqi Odyssey»), selbst in Bagdad geboren und als Kind mit seinen irakischen Eltern in die Schweiz gezogen, hat mit über vier Millionen Franken Produktionskosten einen aufwendigen Film gedreht. In London muss Taufiq zum Verhör. Dabei wird ihm übel. Und die wiederholten Aufforderungen der Ermittler, Taufiq möge endlich herausrücken mit der Sprache, bildet für den Film nun die Rahmenhandlung. Nicht, dass Taufiq mit den Ermittlern teilen würde, was ihm, seiner Familie und seinen Freunden widerfahren ist. Diese Erinnerungen teilt er aber mit dem Publikum. Und dies vorweg: Die Zeit- und Schauplatzsprünge hätten etwas sparsamer eingesetzt werden dürfen.

Von Tariq Ramadan inspiriert

In «Baghdad in my Shadow» fehlt es auch am brisantesten Islamthema der Stunde nicht: Taufiqs orientierungsloser Enkel findet Halt bei einem Hassprediger. Der Clou: Nichtmuslimas nennt der Imam «verhurt», dabei schaut er selbst Pornos. Für die Figur des Imams liess sich Samir von einem realen Beispiel inspirieren, wie er dieser Zeitung sagt: vom Genfer Islamwissenschafter Tariq Ramadan, dem Kritiker vorwerfen, ein gefährlicher Islamist zu sein. Der Clou hier: Ramadan werfen mehrere Frauen sexuelle Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vor. Ramadan bestreitet dies. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung. (dfu)

Egal. Die Brutalität der Bilder erschüttert bisweilen. Taufiq durch diesen Film zu begleiten, bereitet trotzdem grosse Freude. Am meisten im Café seines Freundes Zeki. Hier treffen sich dessen Patchwork-Familienmitglieder, Freunde, Gestrandete: Wie die irakische Architektin Amal, die hinter der Theke steht, weil ihre Diplome im britischen Exil nicht zählen. Sie wird gespielt von Zahraa Ghandour (Interview unten).

Oder wie Muhanad, ein junger irakischer IT-Spezialist, dem es unter den Exilirakern Londons nur wenig leichter fällt, zu seiner Homosexualität zu stehen als im Irak, den er aus exakt diesem Grund verlassen musste. Und das, obwohl seine Freunde sich in einem Lokal treffen, das nach dem Poeten Abu Nawas benannt ist, der in der Hochblüte der arabischen Kultur über Wein und Homoerotik dichtete.

Ständige Konfrontation mit der eigenen Herkunft

Jedenfalls klebt die Vergangenheit wie ein Schatten an Taufiq und seinen Freunden: Amal wird davon eingeholt, als ihr Mann, ein ehemaliger Scherge des irakischen Diktators Saddam Husseins, sie in London aufspürt, einen Haufen Islamisten-Hooligans instrumentalisiert (unter ihnen der Enkel Taufiqs) und es zum Showdown kommt.

Der Herkunft nicht entrinnen zu können, dieses Gefühl kennt auch Samir. Tage, bevor wir ihn in Zürich treffen, simst er aus New York und schildert, wie ihn die Amerikaner nicht ins Land lassen wollten. «Du hast keine Chance auf die für Schweizer vorgesehene vereinfachte US-Einreise, wenn du Eltern hast, die im Irak geboren sind», sagt er. So musste er zuerst auf der Botschaft in Bern ein reguläres Visum beantragen. Nach New York fliegen konnte er verspätet. Und dort nahmen ihn Beamten direkt mit in den Verhörraum des Flughafens. Trotz Visum.

Zusammen mit Samir treffen wir Kijan Espahangizi, Historiker am Zentrum «Geschichte des Wissens» der ETH und Universität Zürich. Espahangizi ist Deutscher mit iranischen Eltern und hat seit ein paar Monaten den Schweizer Pass. Die Einreisetortur in die USA, die Samir schildert, kennt er aus eigener Erfahrung. Samir trägt den Schatten Bagdads mit sich, bei Espahangizi ist es der lange Schatten Teherans.

Espahangizi ist Co-Präsident des Instituts Neue Schweiz INES, einem Thinktank, der sich Gedanken darüber macht, wie die Schweiz als Einwanderungsland künftig demokratisch abgestützt werden kann. Er sieht es so: «Das Thema Migration wird in der Schweiz als polarisierte Pseudo-Debatte geführt. Man tut so, als könne man entscheiden, ob Migration überhaupt stattfindet oder nicht.» Dabei sei Migration eine Tatsache, die viele Gründe habe. Es gehe nun darum, damit demokratisch und sozial gerecht umzugehen. Und diese Diskussion soll Samirs Film anstossen. Ab Freitag kommt es in verschiedenen Schweizer Städten zu Vorpremieren samt Diskussionsrunde.

Damit Demokratie nicht zur Diktatur der Minderheit wird

Für Espahangizi liegt der Wert von «Baghdad In My Shadow» nicht primär in Samirs filmischer Auseinandersetzung mit den drei grossen islamischen Tabus, der Beziehung zu Gott, der Stellung der Frau und der Homosexualität. Vielmehr gefällt ihm, wie es Samir gelungen ist, die Lebenswelten der Migranten darzustellen. Interessant sei auch, wie Samir einen Gemütszustand zum Ausdruck bringe, den nicht nur Migranten kennen: Nostalgie. In «Bagh­dad In My Shadow» lassen sich die Besucher des Café Nawas dauerberieseln von der arabischen Musik der 50er und 60er. Kijan Espahangizi von der progressiven INES-Denkfabrik sagt: «Wir sollten diesem Heimweh nach vergangenen Zeiten Raum geben. Die Veränderungen, die Globalisierung und Migration mit sich bringen, spüren eben viele, nicht nur Migranten.» Das eröffne die Möglichkeit, neu darüber nachzudenken, wie wir gemeinsam auf den Wandel reagieren könnten.

Hier liegt für Espahangizi der Haken. Er warnt davor, dass die aktuelle Polarisierung rund ums Thema Migration enormes Sprengpotenzial mit sich bringe. Ein Viertel der Schweizer Wohnbevölkerung verfügt über keinerlei Bürgerrecht. «Das zeigt, dass man neu über die Frage demokratischer Repräsentation in einer Einwanderungsgesellschaft nachdenken muss», so Espahangizi. Mancherorts wird die Demokratie schon bald zur Diktatur der Minderheit, weil die Zahl der Nichtstimmberechtigten zunimmt, während die Zahl der Stimmberechtigten sinkt. Das zeigen Prognosen aus Basel.

INES will also ein Mitspracherecht der Ausländer. Doch Integration passiert für die Vordenker auf beiden Seiten. Vielleicht ist dies denn auch der zentrale Satz im Film von Samir. Als Taufiq sich bei seiner engen Freundin Maude darüber beschwert, weil deren Verlag seine Gedichte nicht abdrucken will, sagt er: «Du aber findest es normal, dass wir alle eure Dichter kennen.» Es klingt wie: Ihr glaubt, Integration funktioniert nur durch die Anstrengung der Migranten.

«Baghdad In My Shadow» (CH/D/GB 2019, 109 Min.) R: Samir. Ab dem 28.11. im Kino. Vorpremieren: Mit Diskussionen zwischen Samir und Mitgliedern des Instituts für eine neue Schweiz INES (Auswahl): 15.11. in Baden, 17.11. in Basel, 27.11. in St.Gallen.
Zum kompletten Vorpremieren-Programm: https://institutneueschweiz.ch/De/Events