Interview

Chef der Kitag zur Kinokrise: «Wir waren überrascht, dass überhaupt jemand kam»

Die Kitag ist die bekannteste Schweizer Kinokette und leidet besonders am Zuschauereinbruch wegen der Pandemie. Nun nimmt ihr Chef, Philippe Täschler, erstmals Stellung. Und erklärt, warum er die Säle überhaupt öffnete.

Daniel Fuchs
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Angesichts der Pandemie eher selten: Ein gut besuchter Kinosaal wie hier in «Pully» bei Lausanne VD Anfang Juni.

Angesichts der Pandemie eher selten: Ein gut besuchter Kinosaal wie hier in «Pully» bei Lausanne VD Anfang Juni.

Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Er leitet die grösste Kinokette der Deutschschweiz, macht sich in der Öffentlichkeit aber rar: Philippe Täschler ist langjähriger Chef der Kitag Kino-Theater AG, kurz Kitag, eines Sub-Unternehmens der Swisscom. Dieser Zeitung gewährte der Zürcher ein telefonisches Interview und gab Auskunft übers Kinogeschäft im Krisenjahr 2020.

Hand aufs Herz: Wie wohl ist Ihnen in Coronazeiten in einem gut besetzten Kino?

Philippe Täschler: Sehr wohl. Ich gehöre selbst zur Risikogruppe. Im Kino fühle ich mich jedenfalls geschützter vor einer Coronainfektion als im Tram, Bus oder Supermarkt.

Der Zürcher Philippe Täschler führt die Kitag Kino-Theater AG schon seit den 1990ern.

Der Zürcher Philippe Täschler führt die Kitag Kino-Theater AG schon seit den 1990ern.

Urs Bucher

Warum?

Im Kino hat es viel Platz, in den Reihen kommt man sich nicht zu nah. Zwischen den Besuchergruppen bleibt immer ein Platz frei, so will es das Schutzkonzept. Und im Foyer, wo es eng werden kann, herrscht ohnehin in allen Kinos Maskenpflicht.

«Tenet» von Christopher Nolan sollte endlich die Zuschauer ins Kino zurückbringen. Hat er?

Zuerst einmal: Wir freuen uns sehr, dass wir endlich wieder einen Topfilm in unseren Kinos zeigen können. Die letzten Monate waren äusserst schwierig. Mit dem Start von «Tenet» sind wir sehr zufrieden, das Zuschauerecho ist grossartig.

Stiessen Ihre Kinos unter Coronaumständen bei ­«Tenet» an ihre Grenzen oder hätten mehr Besucher hineingepasst?

Wir haben ein strenges Schutzkonzept, welches gemeinsam mit allen Hygienemassnahmen einwandfrei umgesetzt wird. Unter anderem zeigen wir den Film in mehr Sälen als normal, um nicht an die Grenzen zu stossen. Rückmeldungen zeigen, dass sich sowohl unsere Mitarbeitenden wie auch die Gäste wohlgefühlt haben.

Wie viele Menschen sahen sich denn bisher «Tenet» in einem Kitag-Kino an?

«Zahlen kommunizieren wir keine, es sind aber die höchsten Zahlen seit Februar.» Doch man muss auch sehen, «Tenet» ist nicht zu vergleichen mit einem «James Bond», denn dieser ist einzigartig und schwingt in Sachen Blockbusters oben aus.

Aber «Tenet» ist letztlich eine Agentengeschichte, wie bei «Bond». Warum zieht «Tenet» weniger?

«Tenet» ist eine komplexe Geschichte, welche sich erst einmal die Nolan-Fans anschauen. Bei «Bond» kommt ein viel breiteres Publikum ins Kino. Aber trotzdem: Wir sind happy, dass wir einen solchen Film haben. Angesichts der Einschränkungen wegen der Pandemie bin ich sehr zufrieden mit den Zahlen.

Nur, mit einem einzigen gut laufenden Film ist die Krise nicht ausgestanden, oder?

Nein, keinesfalls. Ein Kino braucht immer wieder neue Filme. Das ist wie bei einer Dampflokomotive, die unablässig Kohlenachschub benötigt. Diesbezüglich steht derzeit noch vieles in den Sternen. Wir mussten lernen, dass wir mit gar nichts mehr rechnen können, was neue Starts betrifft. Und diese Unsicherheit wird uns noch eine Weile begleiten.

Wie hart haben der Lockdown und die eingebrochene Nachfrage Sie getroffen?

Sehr stark. Noch haben wir Schnauf, aber die Budgets mussten abermals angepasst werden. Der gesamten Branche geht es extrem schlecht. Wir hatten wie gesagt keine Filme, unser Programm ist zum Teil das gleiche geblieben wie nach dem Lockdown. Wir nahmen Filme im Programm auf, die es unter normalen Umständen nicht ins Kino geschafft hätten. Entsprechend tief blieben auch die Eintrittszahlen.

Rechneten Sie mit einem so schlechten Kinosommer?

Eher ist es umgekehrt. Wir waren überrascht, dass überhaupt jemand ins Kino kam.

Warum öffneten Sie Ihre Säle dann, wo Sie doch mit einem solch schlechten Geschäftsgang gerechnet hatten?

Wenn Sie Kinobetreiber sind, dann sind Sie erst einmal froh, wenn Sie die Kinos überhaupt betreiben können. Ein Release ums andere wurde zurückgezogen, das machte der gesamten Branche stark zu schaffen. Anfangs dachte man noch, das geht vielleicht zwei Monate. Doch bald zeigte sich, dieser Zustand endet nicht so schnell und dürfte noch länger anhalten.

Kam der Lockerungsschritt durch den Bundesrat Anfang Juni mit der Wiedereröffnung der Kinos zu früh?

Nein.

Im August schlossen Sie die Säle unter der Woche gleich ganz. Weshalb?

Es machte schlicht keinen Sinn, das Personal unter der Woche herumstehen zu lassen. Die Kinos sind gebaut, um eine gewisse Auslastung zu erreichen. Am Wochenende sind das 80 bis 100 Prozent, unter der Woche 40 bis 50 Prozent. Doch diesen Sommer erreichten wir zum Teil nur eine Auslastung von fünf Prozent. Dann ist der Betrieb viel zu teuer. Denn auch bei wenig Gästen müssen wir die Lüftungen, die Klimaanlagen hochfahren. Das ist Energie, die im leeren Multiplex einfach so verpufft.

Nun hat auch der Streamingtrend eine neue Dimension erreicht. Disney lancierte die Realverfilmung von «Mulan» auf dem hauseigenen Streamingportal. Das muss Sie schmerzen.

Natürlich, in «Mulan» haben die Kinos grosse Hoffnungen gelegt. Dann wurde er abermals geschoben. Nun läuft er gar nicht in den Kinos. Dies dürfte einmalig sein. Denn längst nicht jeder Film, der nun im Streaming landet, würde auf der grossen Leinwand taugen.

Wie weiter? Können Sie einen Personalabbau und weitere Kinoschliessungen ausschliessen, etwa in den Innenstädten?

Nein, das wäre spekulativ. Glücklicherweise mussten wir beim Personal nicht abbauen. Einen Teil konnten wir wegen der Schliessung unter der Woche in Kurzarbeit schicken. Bei gewissen Kinos, auch Einzelkinos in Innenstädten, haben wir nun die übliche Sommerpause verlängert. Aber bei Filmen wie «Tenet» sind alle Kinos durchgehend geöffnet. Wie das bei den meisten Kinobetreibern in der Schweiz der Fall ist.

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