Stolz darauf, Pflastersteine geworfen zu haben: SRF zeigt unkritisch das kindische Gebaren der 80er-Bewegung

«Züri brännt» war vor 40 Jahren. SRF hat über die damaligen Kämpfer für mehr Freiräume und ihre Gegner bei der Polizei und in der Politik einen Dokumentarfilm gedreht. Warum die Selbstgefälligkeit der Alt-Aktivisten nervt und was das Schweizer Fernsehen damit zu tun hat.

Daniel Fuchs
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Zürich in der Nacht auf den 31. Mai 1980: Die «Opernhauskrawalle» markieren den Beginn der «Jugendunruhen».

Zürich in der Nacht auf den 31. Mai 1980: Die «Opernhauskrawalle» markieren den Beginn der «Jugendunruhen». 

Bild: Keystone

Die Politik hatte die Zeichen der Zeit nicht erkannt: In Zürich forderte die Jugend 1980 ultimativ mehr Freiraum, etwas später in der ganzen Schweiz. 

«Wenn sie mit ihrer Freizeit nichts anzufangen wissen, dann sollen sie weiterarbeiten wie wir, oder ein Buch lesen, statt auszurufen, Herrgottsiech!»

So drückt es eine erboste Dame in einem neuen SRF-Dokumentarfilm die in der Bevölkerung weit verbreitete Haltung von damals aus. Der Film heisst «Der Spitzel und die Chaoten» und thematisiert die Opernhauskrawalle von 1980.

Fernsehskandal mit «Herr und Frau Müller»

Für viele Menschen in der Schweiz waren die Aktivisten Kindsköpfe. In seinem Dok lässt der Urner Filmemacher Felice Zenoni zwei von ihnen zu Wort kommen: die Malerin Barbara Ellmerer und Fredy Meier. Dessen gemeinsamer Auftritt mit einer Mitstreiterin im Fernsehmagazin «CH» machte Meier zur lebenden Legende.

15. Juli 1980 im TV-Studio: «Herr und Frau Müller» treiben die Diskussion über die Gewalt mit der Polizei ad absurdum.

15. Juli 1980 im TV-Studio: «Herr und Frau Müller» treiben die Diskussion über die Gewalt mit der Polizei ad absurdum.

Bild: Keystone

Glücklicherweise wird diese Episode im Dok erzählt. Als «Herr und Frau Müller» liessen die beiden andere Diskussionsteilnehmer wie den damaligen Zürcher Polizeipräsidenten auflaufen.

In die Rolle eines Bünzlipaars mit Gewaltfantasien geschlüpft, trieben «Müllers» Forderungen nach einem harten Durchgreifen gegen die Jugendlichen auf die Spitze. Die Sendung ging als Skandal in die Fernsehgeschichte ein.

Fenstereinschlagen als politische Maxime

Erkannte damals die Politik die Zeichen der Zeit nicht, sind es diesmal die früheren Aktivisten selbst, die den Sprung in die Gegenwart nicht geschafft haben. Und SRF muss sich 40 Jahre nach der Skandalsendung mit «Herrn und Frau Müller» erneut den Vorwurf gefallen lassen, von Links übertölpelt zu werden.

Der Grund – und das ist wirklich ärgerlich: Malerin Ellmerer darf ohne auch nur eine kritische Rückfrage stolz verkünden, selbstverständlich auch Steine geworfen zu haben. In einer anderen Szene erhebt Fredy Meier das Scheibeneinschlagen bei Banken zur politischen Maxime.

Wohltuender Auftritt des Ex-Spitzels Willi S.

Als Einziger im Film stellt der ehemalige Zürcher Ex-Polizeispitzel Willy Schaffner diesen kindischen Hang zu Sachbeschädigung und in Kauf genommener Körperverletzung in Frage.

Anfang Achtziger: Willy Schaffner legt sich eine neue Identität als Willi Schaller zu und wird zum Spitzel.

Anfang Achtziger: Willy Schaffner legt sich eine neue Identität als Willi Schaller zu und wird zum Spitzel.

Bild: Privatarchiv Willy Schaffner / Pd / Urner Zeitung

Der Urner, der in den 1980ern in Zürich die linke Szene ausspionierte, Fichen anlegte und später durch die WOZ enttarnt wurde, verdreht die Augen und kritisiert seinen früheren Widersacher Meier bei einem Treffen für die Kamera: «Ihr nahmt euch dieses Recht heraus, zu nehmen, was ihr wolltet. Das geht nicht.»

SRF-Filmemacher Zenoni schreibt auf Anfrage, er habe bewusst auf eine Wertung verzichtet, beide Seiten kämen zu Wort und würden auf das Gesagte «verbal wie nonverbal» reagieren.

Schaffner selbst arbeitete in einem Buch seine Geschichte auf, zeigte Reue und stellt auch im Film klar, dass er das Verhalten der Politik und Polizei von damals heute ganz klar als falsch empfindet.

Das Wirken der Bewegung rückt in den Hintergrund

Etwas mehr Demut würde auch den Alt-Aktivisten gut anstehen. Die positiven Folgen der Bewegung, etwa für mehr Freiraum, gehören gewürdigt. Neben dem Ärger über den unkritischen Umgang des Schweizer Fernsehens mit den kindischen Aktivisten geht das im Film leider komplett unter.

Dem Dok «Der Spitzel und die Chaoten», am Donnerstag, 14. Mai 2020 auf SRF 1, folgt eine Reihe von Sendungen über die Jugendunruhen.